Hellenische Religion, Polytheismus und Kosmotheismus

Fällt der Begriff «hellenische Religion», denken die meisten Menschen an einen bunten Götterhimmel, spannende Geschichten, Monster, Heroen. Polytheismus. Aber die hellenische Religion ist nicht nur «Polytheismus». Mittlerweile vermeide ich es bewusst, den Begriff «Polytheismus» in den Mund zu nehmen, da er von befremdlichen Klischees umlagert wird. Außerdem vermeide ich es, mich als «Polytheist» zu bezeichnen. Polytheismus bezieht sich auf die Religion, aber die Hellenen sind keine Religion oder Religionsgemeinschaft. Wir sind eine Ethnie. Es wäre irrational, eine ganze Ethnie auf eine «Religionsgemeinschaft» zu reduzieren. Ich bin Hellene, und ich praktiziere meine anzestrale Religion, weil ich Hellene und nicht etwa, weil ich «Polytheist» bin.

Der Kern oder die Besonderheit der hellenischen Religion ist der Kosmotheismus, heißt: die Beziehung der Götter zum Kosmos. Der Begriff «Kosmotheismus» ist eine neuzeitliche Konstruktion. Indes ist die Vorstellung dahinter sehr alt und vielen Kulturen gemein. Der Kosmotheismus beschreibt eine religiöse Vorstellung oder Idee vom Universum als ewige Ganzheit. Nach dieser Auffassung ist der Kosmos anfangslos oder aus sich selbst heraus entstanden. Seine Gesetze entstammen seinem Inneren.

Jedoch ist der Kosmos von einem Prinzip durchdrungen, das dem Willen der Götter übergeordnet ist. Dieses Prinzip wird im Hellenismos moira (Schicksal), ananke (Notwendigkeit) oder heimarmene (kausaler Determinismus) genannt. Folglich nimmt im Kosmotheismus der Kosmos selbst eine zentrale Rolle ein und steht auch an Bedeutung über den Göttern, die zum Teil mit dem Kosmos identifiziert werden, weil sie sich in diesem aufhalten. Die Götter haben das Universum nicht erschaffen, sondern lediglich dem Kosmos Ordnung verliehen, die unterschiedlichen Urstoffe zum Kosmos vereint.

«έθυον δε πάντα πρότερον οι Πελασγοί θεοίσι επευχόμενοι, ως εγώ εν Δωδώνηι οίδα ακούσας, επωνυμίην δε ουδ’ ούνομα εποιεύντο ουδενί αυτών, ου γαρ ακηκόεσάν κω. Θεούς δε προσωνόμασαν σφέας από του τοιούτου ότι κόσμωι θέντες τα πάντα πράγματα και πάσας νομάς είχον.» (Herodotus, 2.52)

Übersetzung:

«Die Pelasger haben in früheren Zeiten, wie ich in Dodone erfahren habe, alle ihre Opfer unter dem Gebet an die Götter im allgemeinen verrichtet, ohne den einzelnen Gott namentlich anzurufen; denn sie kannten eben die Götternamen noch nicht. Den Namen ‹Götter› [‹Ordner›] gaben sie ihnen aus dem Grunde, weil sie allen Dingen Ordnung verliehen hätten und alle Gaben nach ihrem Willen verteilten.» (Herodotus, 2.52)

Theos/θεός, das griechische Wort für Gott, bedeutet «Ordner», steht in Zusammenhang mit thesmos/θεσμός (Gesetz, Verordnung) und tithemi/τίθημι (legen, stellen). Auf der anderen Seite bedeutet Kosmos «Schmuckstück, Ordnung, Ornament, Dekoration». Das Verb «kosmein» oder «kosmizei» (neueres Griechisch) bedeutet «einrichten, ordnen, arrangieren, dekorieren». Aus dieser Vorstellung vom Kosmos leitet sich die kosmiotita ab, jene Tugend (arete), welche ein angemessenes, gesittetes Benehmen und gute Manieren bezeichnet. Das ist mitnichten ein Zufall, schließlich sind alle Tugenden (aretai) göttliche Eigenschaften, die ins Menschliche übersetzt wurden, wie Vlassis G. Rassias zu sagen pflegte.

Der Kosmos ist somit das A und O der hellenischen Religion. Wenn ich in den Himmel schaue, erfüllt mich das mit Ehrfurcht. Es ist eine religiöse, heilige Erfahrung. Ich bewundere diese wohlgeordnete Ganzheit. Da ist keine Schöpfung, keine Gnade, kein göttlicher Plan – nur endlose Weite.

«Und was ist mit den Göttern?», werden jetzt viele einwerfen. «Die Hellenen verehren viele Götter, das macht euch zu Polytheisten.» Ja. Und nein. Im Hellenismos gibt’s beides, das Eine und das Viele. Die Götter sind vervielfältigte Einheit; es gibt kein Eines ohne die Vielen, und kein Vieles ohne das Eine. In der hellenischen Ontologie gibt es keinen Widerstreit zwischen den Kategorien Eines und Vieles. Im Gegenteil, «das Wesen der Götter wurde nicht erzeugt, denn die ewigen Naturen werden nicht geschaffen, und es sind jene Wesen ewig, die an der ersten Macht teilhaben … noch sind sie von der ersten Ursache oder voneinander getrennt, wie auch die Gedanken nicht vom Intellekt getrennt sind oder die Wissenschaften von der Seele» (Sallustios, Über die Götter und den Kosmos, Kap. II).

Eine letzte Sache noch. Der Begriff «Polytheismus» trägt in sich die Missverständnisse von Jahrhunderten, zum Beispiel die Vorstellung von den Göttern als Personen oder als Wesen mit männlichen und weiblichen Eigenschaften. Bis zum heutigen Tag glauben die Leute, dass Mythos und Kultus ein und dasselbe sind. Oder dass die Mythen gar als Offenbarungen galten. Oder dass Homers Ilias und Odysseia «heilige Schriften» darstellen. Wenn du ihnen dann erklärst, dass deine Götter keine «prosopa» [Personen], sondern unpersönliche, geschlechtslose «onta» [Wesen] sind, sehen sie dich an, als kämst du von einem anderen Planeten. Oder sie versuchen, dich zu «korrigieren». Darum vermeide ich die Bezeichnung «Polytheist». Sie reproduziert Stereotype und taugt nicht, um zu adressieren, was ich für das Herz meiner Religion halte.

Manchmal schüttle ich den Kopf, wenn ich höre oder lese, was Hellenen alles so glauben sollen. Im täglichen Leben lasse ich mich nicht auf Gespräche oder Provokationen ein, weil es meiner persönlichen Erfahrung nach nirgendwo hinführt. Es ist verlorene Zeit. Die Leute haben ihre Meinung. Am Ende des Tages ist es egal, was sie denken, schließlich bin ich nicht für ihre Gedanken verantwortlich. Im Laufe der Jahre habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Lass den Leuten ihre Meinung. Erlaube dir, eine eigene zu haben. Viel wichtiger scheint mir in diesem Zusammenhang das lebenslange Lernen und die Korrektur unserer eigenen fehlerhaften Vorstellungen. Der Versuch zu verstehen, bietet soviel mehr als fruchtlose Gespräche oder die Auseinandersetzung mit Meinungen, die irgendwo aufgeschnappt und übernommen wurden. Dem Bedürfnis, zu verstehen, begegnen wir recht selten. Dem Bedürfnis, die eigene Meinung kundzutun und durchzusetzen, dafür umso häufiger. Ein Gespräch würde hier keinen Sinn machen, weil der andere bereits im Besitz der richtigen Meinung ist und lediglich einen Anlass sucht, sich selbst zu bestätigen, Recht zu behalten – ein ziemlich langweiliges Unterfangen.

Für alle anderen bieten die Bibliotheken und das Internet eine Fülle an Informationen, die Licht ins Dunkel bringen und dabei helfen, die Dinge richtig einzuordnen. Dieses Bemühen um Verständnis ist viel spannender, denn wir entdecken dabei nicht nur die Welt, sondern lernen uns selbst besser kennen, unsere Fehler, unsere Bereitschaft zur Korrektur, die Grenzen unserer Offenheit und die intellektuelle Beschaffenheit unserer Suche. Hier steckt so viel Lebendigkeit, dass der Verstand nicht anders kann als der Natur zu folgen und der Wahrheit entgegenzuwachsen, wie die Blume dem Licht.