Die Göttin Artemis

Ourania Toutountzi: «Die Göttin Artemis». Auszug aus ihrem Buch «Über die Göttin Artemis» (Athen 2005), veröffentlicht auf der Webseite des Obersten Rates der ethnischen Hellenen (YSEE). Die Worte in eckigen Klammern wurden vom Übersetzer zum besseren Verständnis des Textes hinzugefügt. Aus dem Griechischen von Stilian Korovilas.

Der Kult der Artemis

Artemis

Der Kult der Artemis wurde in der ganzen griechischen Welt pompös begangen. Im Tempel der Artemis in Agrai bei Athen stand eine Statue der Göttin, die sie mit ihrem Bogen in den Händen zeigte. Laut der Information, die uns Pausanias in seiner Beschreibung von Attika gibt, erzählten die Athener, dass Artemis, als sie aus Delos gekommen war, dort zum ersten Mal zur Jagd ging. Dort baute Herodes Attikos ein Stadion aus weißem pentelischen Marmor. Am sechsten Tag des Monats Boedromion wurde eine große Prozession der Epheben [jungen Männer] veranstaltet und eine Ziege zu Ehren der Artemis Agrotera geopfert, gefolgt von einem Festgelage, an dem das ganze Volk teilnahm und das Fleisch der geopferten Tiere verzehrt wurde. Auf der Akropolis von Athen stand ein Heiligtum der Artemis Brauronia und eine prächtige Statue der Göttin, die vom göttlichen Praxiteles geschaffen wurde. Dort stand auch das uralte Xoanon [Kultbild] der Artemis. Im attischen Brauron, dort, wo entsprechend dem Mythos Iphigeneia, die Tochter des Agamemnon, gelandet ist, nachdem sie Tauris zusammen mit einer Statue der Artemis verließ, wurde die Artemis Brauronia mit besonderen Ehren bedacht. Dort fanden jedes Jahr die sogenannten «kleinen» Brauronien und alle fünf Jahre, am sechsten Tag des Monats Mounykhion, die «großen» Brauronien statt.
An der Spitze der Feier standen die zehn Opfervorsteher und die fünf jungen Priesterinnen, «arktoi» genannt, die um den Altar der Götter den Tanz der «Bärendienerinnen» aufführten. Die Opfervorsteher opferten eine weiße Ziege. Im Tempel der Göttin in Brauron wurden die Unterkleider der Frauen, die bei der Geburt gestorben waren, der Artemis dargebracht.
Außerdem dienten junge Mädchen aus Athen, die «arktoi», der Artemis Brauronia; sie lebten von ihrem fünften bis zum zehnten Lebensjahr im Tempel der Göttin. Die kleinen Athenerinnen hatten während der Zeit ihres heiligen Dienstes, welcher eine Art Stammesinitiation darstellte, die Möglichkeit, Sport zu treiben und zu trainieren, um auf diese Weise einen stolzen und starken Charakter zu entwickeln, und das nicht mehr im Kreis ihrer Familien, sondern im Rahmen dieser Gemeinschaft. Karl Kerényi schreibt: «Sie war uns jungfräulich, aber in ihrer Strenge und Wildheit auch knabenhaft, wie eben jenes Mädchenalter ist, das sie beschützte. Es wurde erzählt, sie habe vom Vater lauter neunjährige Gefährtinnen erbeten. In diesem Alter pflegten die Mädchen ihre Mutter zu verlassen und in den Dienst der Artemis zu treten, früher wohl alle, später nur einige dazu besonders bestimmte. Sie blieben im Dienst der Göttin, bis sie das bräutliche Alter erreichten. Die kleinen Dienerinnen der Artemis hießen in Athen arktoi, ‹Bärinnen›. Artemis selbst muß irgendwann einmal als Bärin gegolten haben oder – einer älteren, südlicheren Tierwelt in Griechenland entsprechend – als Löwin.»

In Athen wie auch im ionischen Ephesos wurde zu Ehren der Göttin das Fest Elaphebolia gefeiert. In der Antike wurden bei diesem Fest wilde Hirsche zu Ehren der Göttin geopfert. Aber um die Hirschpopulation zu schützen, wurden diese Opfer abgeschafft und dafür der Brauch eingeführt, der Artemis Kuchen in der Form von Hirschen, genannt «elaphous», darzubringen. In Piräus wurde das Fest Mounykhia zu Ehren der Artemis Mounykhia gefeiert, mit einer feierlichen Prozession zum Hügel der Mounikhia, der Darbringung von Kuchen und Süßigkeiten, Ziegenopfer, den «Bärentänzen» der nackten Töchter, Fackelträgern, Kranzträgern und den Wettkämpfen der Epheben. Das gleiche Fest wurde in Ephesos gefeiert, aber auch in anderen griechischen Poleis. Artemis Mounikhia führte die Athener in der Seeschlacht von Salamis zum Sieg. In Attika und in vielen ionischen Poleis wurden Feste zu Ehren der Artemis Tauropolos gefeiert, mit Prozessionen, Tänzen und Stieropfern. Auch während der Durchführung der Eleusinischen Mysterien war der Artemis-Kult von besonderer Bedeutung.
Zu Ehren der beiden göttlichen Geschwister, der Artemis und des Apollon, wurden in Athen, am sechsten Tag des Monats Thargelion, das Fest Thargelia gefeiert, mit Dankesopfern und Reinigungsriten. In Orchomenos in Arkadien wurde Artemis «kedreatis» [kedros=Zeder] genannt, weil ihr Xoanon in der Vertiefung eines Zedernstammes platziert war.
Auf dem arkadischen Berg Knakalos fanden seit alters her bis in die Spätantike die jährlichen heiligen Mysterien der Artemis statt. Der heilige arkadische Berg Artemision, in der Nähe von Mantineia, der Heimat der Priesterin und Philosophin Diotima, war ebenfalls der Göttin Artemis geweiht. Auf diesem Berg, nahe den Quellen des Flusses Inachos (den Aischylos Argeios nannte, weil seine Gewässer das Land der Argiven durchquerten), stand ein Tempel und eine Statue der Artemis.
In Kalydonas wurde das Fest der Laphria gefeiert, mit einer Prozession, angeführt von einer jungen Priesterin, die auf einem von Rehen gezogenen Wagen stand. Auf Delos, der heiligen Insel des Apollon, wurde das Fest der Britomartia zu Ehren der Artemis Britomartis gefeiert. In der Region von Amarynthos in Euboia wurden Feste zu Ehren der Artemis Amarynthia oder Amarysia gefeiert, mit Symposien, Nacktwettbewerben und Opferungen. Es sollte außerdem erwähnt werden, dass Frauen, die entbunden hatten, in allen Artemis-Tempeln in Griechenland ihre Unterkleider der Göttin weihten.
Von besonderer Bedeutung war der Kult der Artemis in den zwei berühmten griechischen Poleis Sparta und Ephesos.
In Sparta gab es den Tempel der Artemis Orthia oder Orthosia, der auch Lygodesma genannt wurde, weil, wie Pausanias in seinen «Lakonika» sagt, ihr Xoanon in einem Weidenstrauch gefunden wurde, dessen Äste sich um das Xoanon wickelten und es in aufrechter Position hielten: «Sie nennen aber die Göttin nicht bloß Orthia [die Aufrechtstehende], sondern auch Lygodesma, weil die Bildsäule unter einem Busche von Weiden [Lygos] gefunden worden ist, die sie so umschlungen hatten, dass sie aufrecht stand».

In der Nähe dieses Tempels lag das Heiligtum der Eileithyia, welche die Spartaner zu verehren begannen, nachdem sie eine Weissagung vom Orakel von Delphi erhalten hatten. Im spartanischen Tempel der Artemis Orthia fand die [rituelle] Auspeitschung [der Epheben] statt. Die Zeremonie begann mit einem Tanz um den Tempel herum, der von maskierten Jugendlichen aufgeführt wurde. Nach Beendigung des Tanzes, der «dekelestes» genannt wurde, weihten die Jugendlichen ihre Masken dem Tempel. Dann wurden die Jugendlichen, die den entsprechenden Wunsch äußerten, vor dem Altar der Artemis und in Anwesenheit einer Priesterin, die das Xoanon der Göttin in ihren Händen trug, ausgepeitscht. Die Jugendlichen, die bis zum Ende durchhielten, erhielten den Beinamen «bomonikai» [Altarsieger] und einen Siegerkranz. Die ganze Zeremonie weist starke Übereinstimmungen mit den entsprechenden uralten* Riten der Stammesinitiation.
In der lakonischen Region Karyai, die der Artemis und den Nymphen geweiht war, wurde die Artemis Karyatis verehrt. Die jungfräulichen Töchter Lakoniens tanzten um die Statue der Göttin herum, die dort im Freien stand.
Außerdem wurde in Lakonien das Fest Korythalia zu Ehren der Artemis gefeiert. Auf der Halbinsel des Taygetos, nahe am Meer und auf dem Kap, befand sich ein Tempel der Artemis Diktynna, zu deren Ehren jährlich ein Fest stattfand.
Im ionischen Ephesos, der Heimat des Heraklit, wurde die Große Göttin Artemis mit den vielen Brüsten verehrt, die göttliche Ernährerin der heiligen Wesen (der heiligen Wesen heißt aller Wesen ohne Ausnahme). Dort befand sich auch der herrliche Tempel der Göttin, der Besucher aus der ganzen antiken Welt anzog. Das Fest «Artemisia» wurde in ganz Griechenland gefeiert, aber noch herrlicher in Ephesos, mit Wettkämpfen, dem Herumtragen von Statuen der Göttin durch Priesterinnen, die «Lombai» hießen, mit Hymnen und der Darbringung von Gebäckstücken, bekannt als «lochiai».
Die Töchter der Stadt nahmen als Nymphen verkleidet am Fest teil. In Ephesos wurde außerdem das Fest «Ephesia» gefeiert, ein populäres Fest mit Opferungen, Opfergaben, Wettkämpfen und Festmahlen, an dem alle ionischen Poleis teilnahmen. Das Fest wurde in der Spätantike von Johannes «Chrysostomos» gewaltsam abgeschafft, mit Massakern und der Verfolgung der ethnischen** Priester und Priesterinnen der Göttin.
Artemis wurde auch in Troja mit besonderen Ehren verehrt. Die Latiner kannten und verehrten sie unter dem Namen Diana. Über den Kult der Artemis sagt Karl Kerényi: «Sie wurde auch unter Beinamen verehrt, die ihr Vergnügen an den Tänzen seltsamer Tänzerinnen und Tänzer verrät. Als Karyatis erfreute sie sich an den Tänzen der Mädchen vom Nußbaumdorf Karyai, der Karyatiden, die in ihrem ekstatischen Reigen Körbe aus grünendem Schilf auf dem Kopf trugen, als wären sie tanzende Pflanzen. Zu Ehren der Artemis Kordaka führten Männer den Kordaxtanz auf, mit Bewegungen von Weibern. Ihr zu Ehren geschah es auch, daß Mädchen sich Phallen anbanden, wie es sonst die Komödienspieler taten. An einem ihrer Feste trugen die Männer Hirschgeweih auf dem Kopf. Phallische Maskentänzer ehrten die Göttin als Korythalia. Dieser Beiname bedeutet dasselbe wie Daphnaia: ‹Lorbeermädchen›. Andere Beinamen, die sich auf den Mond beziehen, wie Hegemone und keladeine, trug sie gemeinsam mit den Chariten; man kennt schon ihre Bedeutung. Wenn der Mond schien, war Artemis gegenwärtig, und es tanzten Tiere und Pflanzen.»
Andere Beinamen, die der Artemis zugeschrieben werden und die wir noch nicht erwähnt haben, sind folgende: ádmetos, akalanthís, agkylótoxos, argyrotrápeza, aphaía, alpheiaía, aigínaia, agoraía, amarysía, aiolómorphos, amphípyros, aitolé, boethós, bromía, barýmenis, boúbastis, gaiéochos, drymonía, delphinía, eustéphanos, euplókamos, eúdromos, euántetos, eupárthenos, elkechítor, heremás, elaphiaía, eúkleia, enodía, higemáchi, himerisía, iéreia, ipposóa, iphigéneia, ikaría, kathará, kleisía, koryphaía, kerkaía, kyndiás, leukophrýne, limnaía, limenoskópos, letoiás, mykenaía, naxiás, noesóos, xanthí, oreiás, orestiás, oreibátis, ouranía, patróa, pyronía, protóthronos, poliéochos, potamía, planoméni, pellenaia, pótnia, polymélathros, saóphro, saronía, skiadítis, sótera, trimákaira, tauropólos, tautópous, hýmnia, phaesphóros, philágretis, chrysínios, chrysóthronos, chrysiobóstrychos, chryseómetros, chitóne, chisiás, chía, chryselákatos, chthonía, hagné.
Außer den besonderen Tempeln und Kultstätten der Artemis, konnten und können die Verehrer und Verehrerinnen der Göttin sie überall ehren, wo sich der riesige Tempel der Physis [Natur] erstreckt.

Die Große Göttin Physis

Artemis’ Jungfräulichkeit muss auf der Grundlage ihrer Identifikation mit der Göttin Physis interpretiert werden. In meiner Studie über die Mysterien der Hellenen habe ich sehr darauf bestanden, dass die beiden rein griechischen Begriffe Physis und Einai [Sein] identisch sind. Die griechische Physis lässt sich nicht allein auf die römische Natura beschränken (die «Geburt» bedeutet), sondern geht viel weiter. Das Verb «phyomai» (Medium des Verbs «phyo»), das heute keimen, sprießen bedeutet, bedeutet im Altgriechischen wachsen, eigentlich «aus sich selbst wachsen». In der an sie gerichteten orphischen Hymne wird die Physis als auxitrophos [Wachstumvermehrende] bezeichnet (Vers 17) und die Mysten bitten sie um Gesundheit, Frieden und das Wachstum aller Dinge (Vers 30). Artemis, die die Geburt repräsentiert, ist die Natur selbst, heißt eine Wachstumsgöttin, eine Göttin, die das Leben mehrt. Im neunzehnten Vers der orphischen Hymne an die Natur wird die Göttin genau wie Artemis als okylocheia bezeichnet [die eine schnelle oder leichte Geburt bringt], weil sie den weiblichen Wesen eine einfache und schnelle Geburt gewährt. Auch der Titel pambasileia (Allkönigin) findet sich sowohl in der orphischen Hymne an die Natur als auch in der an Artemis.

Louis Ménard, ein französischer Denker, Dichter und Naturwissenschaftler, präsentierte in seinem Werk «Über den griechischen Polytheismus» eine vollständige Vorstellung von der Natur und dem Werk der Großen Göttin: «Das weibliche Gegenstück zu Apollon ist Artemis, seine Schwester, die Tochter des Zeus und der Leto, des Ouranos und der Nyx, die ursprünglich als Mondgottheit verehrt worden sein muss. Ihr Name bringt die unberührte Ganzheit zum Ausdruck und gleichzeitig den vollen Mond (Vollmond) und die Reinheit. Ihre üblichen Symbole, der Bogen, der Köcher, die Fackel, verweisen gleichzeitig auf das Licht und die Jagd. Der Halbmond ist der Bogen der nächtlichen Jungfrau, der widerspenstigen Jägerin, die schnellen Schrittes die langen Schatten durchquert und den Tanz der Sterne lenkt, während die wilden Tiere aus ihren Verstecken kommen und die blassen Mondstrahlen das dichte Laub der Bäume mit einem silbernen Schimmer überziehen. An ihrer Seite rennt der heilige Hirsch mit den goldenen Hörnern, ein weiteres Symbol des Mondes, das dem Wachstum unterliegt. Schnell wie ein Reh, stolz auf ihre ungehorsame Jungfräulichkeit, hilft sie den Frauen, ihre Kinder zur Welt zu bringen, denn es ist das Wachsen des Mondes, das den Wesen die Tore des Lebens öffnet, und anschließend ernährt sie die Kinder, führt sie ins Erwachsenenalter und danach zum Alter und zum Tod. Die mysteriösen Einflüsse des Mondes erklären ihren doppelten Charakter, der für die Sterblichen günstig und tödlich zugleich ist: wie ihr Bruder erhält sie das Leben, aber sie tötet auch, doch bringen ihre Pfeile einen schnellen, schmerzlosen Tod, der die Wesen nicht leiden lässt. In der Kunst wird sie hauptsächlich als Personifikation der jugendlichen Kraft dargestellt. Flink, sorgenlos, manchmal in einem langen Untergewand gekleidet, ein anderes Mal, wie im Falle der Louvre-Statue, in einem kurzen Mantel, der ihre Taille mit einem Gürtel strafft, kretische Sandalen tragend, das Haar hochgesteckt und ungepflegt, schreitet sie mit großen Schritten voran; mit dem Bogen in der Hand und dem Köcher auf der Schulter, schwenkt sie ihr Haupt mit einer lebhaften Bewegung und strahlt die erfrischende Kühle der Eichen aus. Elegant, mit schlanken aber kräftigen Beinen, das Haupt leicht angehoben, damit ihr blasser Hals sichtbar wird, ist sie die strenge Jungfrau, die über die harte Ausbildung der Epheben wacht, die kindernährende Göttin. In der Mitte zwischen ihr und ihrem Bruder erkennen wir den Unterschied zwischen dem klaren Schein des Tages und dem klaren Sternenschein der Nacht.»

Artemis ist der dunkle und feuchte Schauder der Eichen, das Flimmern der Sterne, das atemlose Keuchen der Tiere, die sich ihr manchmal nähern, um mit dem Fell ihr aus Licht und Äther hergestelltes Gewand zu berühren, und andermal vergeblich ihrem unfehlbaren Bogen zu entkommen versuchen. Sie lässt die Töchter aus ihren Betten springen und in die Nacht stürmen, um den Mond zu befragen… Auf der Oberfläche des Meeres zeichnet sie den Weg des Mondes, goldener Regen im silberblauen Wasser; wer ihr folgt, entdeckt neue Welten, überquert die unsichtbaren Tore, die den Himmel vom Meer trennen, und durchquert unbekannte, verträumte Galaxien. Zusammen mit ihrem blondhaarigen Bruder, dem schönen und edlen Apollon, garantiert sie den ewigen Wechsel von Tag und Nacht in der einheitlichen Unbeweglichkeit der Gegenwart. Sie ist das Weinen, das den neugeborenen Kindern der Sterblichen den ersten Atemzug schenkt: «ΚΛΑΥΣΑ ΤΕ ΚΑΙ ΚΩΚΥΣΑ ΙΔΩΝ ΑΣΥΝΗΘΕΑ ΧΩΡΟΝ»***, «Geweint und getrauert habe ich, als ich unbekannten Ort gesehen», schrieb Empedokles und meinte damit die erste Klage der Neugeborenen, wenn sie auf dem Weg ins unbekannte, furchteinflößende Licht der sterblichen Welt, die vertraute Dunkelheit des Mutterleibs verlassen. Sie ist auch das laute Lachen der Hebamme, die das Neugeborene zuerst an ihre eigene Brust legt: ein Lachen, welches das Sein erleuchtet. Auf den Bergen, in den Wäldern, ist sie der Kampf und die heilige Agonie des neugeborenen Hirsches, unter dem zärtlichen Blick seiner eigenen Mutter, auf die Füße zu kommen. Sie ist der wilde Gedanken, das wilde Leben, die Urmenschen der Wälder, aber gleichzeitig auch das erste Gesetz, die erste Grundlage des Lebens in der Gemeinschaft, denn sie ist die Göttin der Stammesinitiation der Epheben. Sie ist eine kindernährende Göttin mit vielen Brüsten, eine Amazone, eine Göttin des Friedens und des Todes, denn die Jagd ist eine friedliche und eine kriegerische Tätigkeit zugleich: friedlich, weil sie mit der Ernährung zu tun hat und die Männer des Stammes dann jagen gehen, wenn sie nicht in die Schlacht müssen, und kriegerisch, weil die Jagd auch eine Schlacht ist, ein Kampf gegen die Beute. Es sollte bemerkt werden, dass die Jagd, wie sie in der Antike durchgeführt wurde, eine richtige Schlacht war, bei der die Beute immer die Chance hatte zu entkommen, wie auch stets die Möglichkeit einer tödlichen Verletzung des Jägers bestand. Mit anderen Worten hatte die Jagd nichts mit dem zu tun, was heute stattfindet (in den meisten Gesellschaften, die aus unverständlichen Gründen «zivilisiert» genannt werden), wo eine Vielzahl von hirnlosen Barbaren mit Waffen ausgerüstet sind, die es ihnen ermöglichen, aus der Ferne auf alles zu schießen, was sich bewegt, sich einem mörderischen und ökologisch inakzeptablen Treiben hingeben, welches nicht mehr der Sicherung der Nahrung dient, sondern ausschließlich und allein der niveaulosen Unterhaltung.

Hier die Herrin der Geburt, dort die Hüterin der Keuschheit der Mädchen, ist Artemis diejenige, welche die Vielheit eint und die Einheit differenziert, doch letztendlich alles zum Einen führt, der das Sein ist. Sie ist diejenige, die reinigt, denn das Sein ist das Reine, das Gute schlechthin. In den Eleusinischen Mysterien hält sie ihre Fackel am Brennen. In den Wäldern seufzt sie mit dem Wind. Sie ist stets die bescheidene und wilde Tochter der Leto, das unbändige Kind des Zeus. Sie ist der flüchtige Duft der Gegenwart, die Unbeweglichkeit hinter dem Wechsel der Jahreszeiten, die einzig wahre Zeit, die der Anfang ist, sprich: die Eröffnung der Möglichkeit für die Wesen, zu sein. Sie ist diejenige, welche die (willkürliche wie undefinierte] Grenze zwischen Materie und Geist aufhebt, diejenige, die als wahrlich reine Sittlichkeit und Tugend [Arete] die Moral verspottet, die von den Menschen so unüberlegt erdacht wurde, um das Sein noch mehr vergessen zu machen. Wie die Sonne am Tag, sieht sie des Nachts alles. Sie ist das nächtliche Sprießen der Samen, das Geräusch des sich aufrichtenden Sprosses, die lebenspendende Feuchtigkeit. Sie ist die ewige Jugend und der ewige Tod, die das Leben in der Unbeweglichkeit des Seins wiedergebiert.
Lasset uns also keine trübe Vorstellung von den Göttern haben.
Wenn er die Natur der Artemis aber auch der anderen Unsterblichen kennt, ist es dem Geist der Sterblichen möglich, seine eigene Natur ebenfalls zu verstehen sowie die Funktionen und Gesetze, die die Welt regieren. «Die griechischen Götter», schreibt Vlassis G. Rassias, «sind keine vergöttlichten Sterblichen, wie sie ebenfalls keine anmutigen oder bloß intelligente Symbole oder Archetypen sind, im Gegenteil; sie waren, sind und werden ewig allgegenwärtige und allermächtige kosmische Kräfte und lebendige Wesen und Ideen sein, die sich ihren Verehrern in all ihrer Herrlichkeit zeigen, in jedem Augenblick des täglichen Lebens, vorausgesetzt natürlich, dass letztere über die gebotene Tugend und seelische Klarheit verfügen.»

Die unsterblichen Götter, wie sie von der griechischen Kultur erfasst wurden, sind in jedem Moment des menschlichen Lebens präsent. Sie nehmen mit höflicher Zurückhaltung an den Banketten der Menschen teil und sind ihre ewigen Beschützer. Vom fruchtbaren Boden, auf dem die Sprossen des Lebens blühen, bis zu den Himmelskörpern, Sternen, Planeten und Sonnen, den Sonnensystemen und Galaxien, ist die heilige Stimme des Seins zu hören, das in aller Ewigkeit unsere unsterblichen Freunde preist:

«ΑΡΤΕΜΙΝ ΥΜΝΕΙ ΜΟΥΣΑ ΚΑΣΙΓΝΗΤΗΝ ΕΚΑΤΟΙΟ,
ΠΑΡΘΕΝΟΝ ΙΟΧΕΑΙΡΑΝ, ΟΜΟΤΡΟΦΟΝ ΑΠΟΛΛΩΝΟΣ,
Η Θ‘ ΙΠΠΟΥΣ ΑΡΣΑΣΑ ΒΑΘΥΣΧΟΙΝΟΙΟ ΜΕΛΗΤΟΣ
ΡΙΜΦΑ ΔΙΑ ΣΜΥΡΝΗΣ ΠΑΓΧΡΥΣΕΟΝ ΑΡΜΑ ΔΙΩΚΕΙ
ΕΣ ΚΛΑΡΟΝ ΑΜΠΕΛΟΕΣΣΑΝ, ΟΘ‘ ΑΡΓΥΡΟΤΟΞΟΣ ΑΠΟΛΛΩΝ
ΗΣΤΑΙ ΜΙΜΝΑΖΩΝ ΕΚΑΤΗΒΟΛΟΝ ΙΟΧΕΑΙΡΑΝ.
ΚΑΙ ΣΥ ΜΕΝ ΟΥΤΩΩ ΧΑΙΡΕ ΘΕΑΙ Θ‘ ΑΜΑ ΠΑΣΑΙ ΑΟΙΔΗ·
ΑΥΤΑΡ ΕΓΩ ΣΕ ΠΡΩΤΑ ΚΑΙ ΕΚ ΣΕΘΕΝ ΑΡΧΟΜ‘ ΑΕΙΔΕΙΝ,
ΣΕΥ Δ‘ ΕΓΩ ΑΡΞΑΜΕΝΟΣ ΜΕΤΑΒΗΣΟΜΑΙ ΑΛΛΟΝ ΕΣ ΥΜΝΟΝ.»

«Von Artemis singe, o Muse, der Schwester des Fernhertreffers Apollon,
der Jungfrau, die sich an den Pfeilen erfreut, die zusammen mit dem Apollon gepflegt,
welche, nachdem sie die Rosse getränkt in dem binsigen Meles,
eilig mit dem goldenen Wagen durch Smyrne hindurch fährt, dem traubigen Klaros zu,
wo Phoebos mit silbernem Bogen sitzt und die Schwester erwartet,
die Weitschießende, die sich an den Pfeilen begeistert.
Und so sei mir gegrüßt, Artemis, und alle Göttinnen,
Mit dir will ich zuerst beginnen und dich besingen.
Nachdem ich dich besungen, gehe zu einem anderen Loblied über.»

* protogonos, das Wort, das hier mit «uralt» angegeben ist, wird auch mit «primitiv» ersetzt, wobei das Wort selbst zeitlich konnotiert ist (im Sinne von ursprünglich, anfänglich, urzeitlich), A.d.Ü.
** bed. im Hellenismos polytheistisch, animistisch, indigen, autochthon etc., A.d.Ü.
*** Zitat des Empedokles; er meinte damit, er habe «geweint und gejammert» als er das Licht der Welt erblickte, A.d.Ü
**** in Griechenland ist die Situation besonders schlimm; dort kommt es häufig zu tragischen Zwischenfällen oder es werden nicht nur die großen Wildschweine erlegt, sondern auch die neugeborenen zusammen mit der Muttersau, A.d.Ü.

Zur Person: Ourania Toutountzi (geb. 1965) ist eine hellenische Soziologin, Autorin und Doktorandin an der Pantion-Universität Athen. Von 2002 bis 2006 unterrichtete sie das Wahlfach «Philosophie-Kultur-Kommunikation» an der Charokopio-Universität in Athen. Seit 2011 organisiert sie Kurse in Altgriechisch für Grundschulkinder. Sie hat bisher 15 Bücher publiziert und über 50 Werke ausländischer Autoren ins Griechische übersetzt, darunter auch Edith Halls «Introducing the Ancient Greeks» und Erich Fromms «Haben oder Sein».