Theoi – Vorstellungen von den Göttern

Wer bereits den einen oder anderen Artikel über den Hellenismos gelesen hat, dem ist sicher aufgefallen, dass der Hellenismos sich nicht über den «Glauben» definiert, den es im Hellenismos eigentlich gar nicht gibt, sondern über die Praxis. Der Hellenismos interessiert sich nicht so sehr für das, was wir über oder von den theoi (Göttern) denken, sondern um das, was wir tun. Deshalb ist die genaue Ausübung der Riten so wichtig. Was oder wie der einzelne Hellene über die Götter denkt, ist ihm selbst überlassen. Das ist kein Gegenstand der Religion, sondern der Weltanschauung oder eher der Philosophie, die verstehen und einordnen möchte. Aber die Griechen haben sich Gedanken über die Götter gemacht, deshalb sprechen wir ja auch von «hellenischer Weltanschauung» oder dem «griechischen Gottesverständnis». Nur ist dieses Verständnis nicht allgemeingültig oder gar homogen gestrickt, sondern ein Oberbegriff für alle Vorstellungen der Hellenen über ihre Götter, die der Landwirte und Bildhauer wie auch die der Dichter und Philosophen. In einigen Fällen würden wir mit dem Wort «Verständnis» sicher zu hoch greifen, weshalb wir besser von «Meinungen» sprechen sollten.

Es gibt im Hellenismos Menschen, die sich für das Wesen der Götter interessieren, andere wiederum verwenden keinen Gedanken darauf. Es gibt Vorstellungen, die immer wieder, in allen Epochen und Orten auftauchen, und die deshalb einen panhellenischen Rang einnehmen, Grundvorstellungen bilden, die für den Hellenismos charakteristisch. Hier können wir tatsächlich von allgemeinen Vorstellungen sprechen, die wie ein roter Faden den Hellenismos zusammenhalten. So denken die Hellenen, dass die Götter unsterblich, mächtig und wissend sind. Diese Ansicht teilen eigentlich alle Hellenen, unabhängig davon, ob sie einer philosophischen Schule angehören oder nicht. Das gehört zu den «basics» der griechischen Kultur. Wir finden im Hellenismos also eine größere Anzahl an Meinungen über die Götter, eben weil die Griechen mehrere Vorstellungen von den Göttern hatten; manche entstammen der Tradition, andere sind an bestimmte Philosophieschulen gebunden; sie alle gehören zum Hellenismos, weil sie zu seiner Geschichte und Kultur gehören, das gilt auch für die agnostischen Vorstellungen. Selbstverständlich gibt es Vorstellungen von den Göttern, die besonders stark verbreitet sind, seit der Spätantike gar zum Grundgerüst der hellenischen Theologie gehören und deshalb unser Denken prägen, zumal sie bis in die sogenannte «Neuzeit» überliefert wurden. Doch das bedeutet nicht, dass die anderen keinen Platz mehr im Hellenismos hätten, selbst dann nicht, wenn sie nicht zu seiner Gegenwart gehören. Die allermeisten Hellenen, die sich mit theologischen Fragen, der «Natur des Göttlichen» auseinandersetzen, begreifen die Götter als unpersönliche Mächte, die aus dem Einen (to hen) hervorgegangen sind, d.h. als vervielfältigtes Eines. Diese Vorstellung gehört für sehr viele von uns zum Kern des Hellenismos der Gegenwart als lebendige Tradition. Andere wiederum, die der Schule Epikurs folgen, denken, dass die Götter aus unglaublich feinen Atomen bestehen und ein unbeschwertes Dasein weit weg von der Welt der Menschen führen. Im Kult spielen diese Überlegungen freilich keine Rolle, zumal sie nicht miteinander konkurrieren, sondern einander befruchten oder ergänzen, schließlich entstammen sie der gleichen Wurzel.

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Theogamia «2020» – Θεογάμια «2020» © ΛΑΒΡΥΣ

Doch was sind theoi? Theoi sind, wenn wir semantisch an die Sache herangehen, alle Mächte, die Ordnung verleihen. So ist auch der Fluss Kifissos in Athen ein theos, ein Gott. Die meisten denken in diesem Zusammenhang eher an Götter wie Zeus und Athena. Das hat natürlich seine guten Gründe, doch sind auch andere theoi, die einem Nicht-Hellenen vielleicht nicht als Wesen gelten dürften. Die Erde, der Himmel, die Nacht, aber auch Konzepte wie Gerechtigkeit (themis) oder Erotik (eros) sind theoi. In dieser Hinsicht ähnelt der Hellenismos dem Shinto und Hinduismus. Darüber hinaus werden die Wesenheiten allgemein in Kategorien unterteilt, die ihre Stellung im Kosmos widerspiegeln: die Toten oder Ahnen, die Heroen, die Daimonen und die Götter.

die Toten: das sind die Seelen der Verstorbenen, auch jener, die nicht zu unseren direkten Ahnen gehören. Die Ahnen: die Seelen unserer Ur- und Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel, Geschwister usw. Wir ehren die Toten, selbst dann, wenn wir nicht von einer postmortalen Existenz ausgehen. Das ist Ausdruck unseres Respekts gegenüber unseren Toten.

die Heroen: Sterbliche der mythischen Zeit, Gründer von Städten, Kulten oder Geschlechtern (Stammesväter), die im Mythos als Abkömmlinge von Göttern und Menschen dargestellt werden.

die Daimonen: lokale Gottheiten oder Geister der Quellen und Bäume; Boten der Götter.

die Götter: Urmächte, die dem Kosmos seine Ordnung verleihen. Repräsentieren eine ontologische Funktion des Universums.

Wir sehen: für den Hellenismos ist die Welt «voll von Göttern». Doch wie soll der einzelne Hellene über das Wesen der Götter denken? Nun, erst einmal «muss» er sich keine Gedanken darum machen. In der Praxis ist es so, dass die jungen Menschen eben mit den Vorstellungen aufwachsen, die in ihrer Kultur und besonders in ihrem Elternhaus gepflegt werden. Falls sie neugierig sind auf die «Natur des Göttlichen» und ein Interesse für Ontologie zeigen, kommen sie nicht umhin, sich der Tradition zuzuwenden, den Schriften der Dichter, Philosophen und dem überlieferten ethnologischen Material. Bereits zu Beginn ihrer Suche werden sie auf eine Fülle von Vorstellungen stoßen, die der Imagination der hellenischen Ethnie «immanent» sind. Sie sollten sich diese Vorstellungen anschauen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen, und dabei von ihrem Verstand leiten lassen. Aber für welche davon soll sich der junge Mensch entscheiden? Wie gesagt, er «muss» sich nicht für irgend eine davon entscheiden. Am Ende kann er es gelassen mit Protagoras halten, der gesagt hat: «Was die Götter angeht, so ist es mir unmöglich, zu wissen, ob sie existieren oder nicht … Die Kräfte, die mich hindern, es zu wissen, sind zahlreich … und das menschliche Leben kurz.»

Hier gilt, was auch für die Schulen der Philosophie gilt: entscheide dich für die Vorstellung oder Meinung, die dich zufriedenstellt. Letzten Endes ist das gar nicht so wichtig, wobei bestimmte Philosophieschulen das sicher anders sehen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass nicht die «Theorie», sondern die Praxis im Mittelpunkt des Hellenismos steht, die nicht von einer bestimmten Vorstellung abhängig, sondern, so würde ich sagen, mit der allgemeinen Weltanschauung des hellenischen Volkes verwoben ist. Aber mit der «allgemeinen Weltanschauung» ist keine besondere Lehre gemeint, sondern vielmehr die Art und Weise, mit der die Hellenen die Welt sehen, wahrnehmen und erleben.