Delphische Maximen

Delphische Maximen – Ein Garant für die Rückkehr zum hellenischen Menschen

Stilian K. Ariston, den 18.12.«2019»

Die sogenannten Delphischen Maximen oder Sprüche sind für uns Hellenen das vielleicht Wichtigste, das von unseren griechischen Vorfahren übrig geblieben ist. Sie fungieren als Kompass im alltäglichen Leben und zeigen uns mit Genauigkeit den Weg zurück zum Hellenentum. Die Delphischen Maximen reinigen unsere Seelen, erheben den Geist und schützen unser Ethos vor dem Spott, der Schlechtigkeit der Vulgären, so dass unser Leben nicht von Schlechtigkeit bestimmt wird. Denn, wie Heraklit sagt: «Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal.» In diesem Sinne stellen die Delphischen Maximen ein Handbuch für das Leben dar, ein Werkzeug zur Selbstverbesserung für alle Helleninnen und Hellenen, egal, ob sie Platoniker, Aristoteliker, Epikureer, Stoiker, Kyniker, Kyrenaiker, Pyrrhoniker oder gar keiner philosophischen Schule angehören, ob sie dem Attischen oder einem anderen Kalender folgen, denn sie transportieren panhellenische Werte, die alle hellenischen Staaten und Stämme einten. Unter Beachtung der Maximen treten wir in die Fußstapfen der Weisen und kehren schließlich zurück zum hellenischen Menschen.

Von den 147 Delphischen Maximen, die Johannes Stobaios in seiner «Anthologie» überliefert, habe ich diejenigen ausgewählt und ins Deutsche übersetzt, die für den Alltag besonders nützlich sind oder die eine zeitlose innere Ästhetik aufweisen. Neben der eigentlichen Übersetzung findet sich in Klammern eine alternative Übersetzung bzw. Erklärung des jeweiligen Spruches.

Delphi galt den alten Hellenen als der «Nabel der Welt». Es gibt auch einen entsprechenden Mythos dazu, der diese Anschauung erklärt. Der Apollontempel in Delphi war von panhellenischer Bedeutung und wurde von Menschen aus allen Enden der damals bekannten Welt aufgesucht. An den Wänden sowie auf den Säulen des Pronaos (Vorhalle) des Apollontempels standen die 147 Delphischen Maximen, unter ihnen auch das bekannte «Erkenne dich selbst», das die Menschen in ihre sterblichen Grenzen verwies und sie an die Begrenztheit ihrer sterblichen Natur erinnerte. Urheber der Maximen sollen die «Sieben Weisen» gewesen sein. Die Delphischen Sprüche erfreuten sich in der Antike großer Beliebtheit, wurden wegen ihrer Weisheit und Knappheit geachtet, die zum Philosophieren einlädt. Für die heutigen Hellenen haben sie eine vielleicht größere Bedeutung, denn es liegt an ihnen, diese Fragmente einer Kultur mühsam zu einem Ganzen zusammenzuführen.

Es folgen die ausgesuchten Maximen:

Folge dem Gott

001. Ἕπου θεῷ. Folge dem Gott.
002. Νόμῳ πείθου. Gehorche dem Gesetz.
003. Θεοὺς σέβου. Ehre die Götter.
004. Γονεῖς αἰδοῦ. Ehre deine Eltern.
005. Ἡττῶ ὑπὸ δικαίου. Ergib dich der Gerechtigkeit.
006. Γνῶθι μαθών. Verstehe das Gelernte.
007. Ἀκούσας νόει. Verstehe das Gehörte.
008. Σαυτὸν ἴσθι. Sei du selbst.
013. Ἑστίαν τίμα. Ehre dein Zuhause.
014. Ἄρχε σεαυτοῦ. Beherrsche dich.
015. Φίλοις βοήθει. Hilf den Freunden.
016. Θυμοῦ κράτει. Beherrsche den Zorn.
019. Ὅρκῳ μὴ χρῶ. Schwöre nicht.
020. Φιλίαν ἀγάπα. Liebe die Freundschaft.
021. Παιδείας ἀντέχου. Halte an deiner Bildung fest.
023. Σοφίαν ζήλου. Suche nach Weisheit.
025. Ψέγε μηδένα. Verurteile niemanden.
026. Ἐπαίνει ἀρετήν. Lobe die Tugend.
027. Πρᾶττε δίκαια. Handle gerecht.
028. Φίλοις εὐνόει. Begünstige die Freunde. (Hilf deinen Freunden.)
029. Ἐχθροὺς ἀμύνου. Verteidige dich gegen Feinde.
030. Εὐγένειαν ἄσκει. Sei höflich. (Übe dich in Vornehmheit.)
031. Κακίας ἀπέχου. Bleib der Schlechtigkeit fern.
035. Ἄκουε πάντα. Höre allen zu.
036. Εὔφημος ἴσθι. Habe einen guten Ruf.
038. Μηδὲν ἄγαν. Nichts im Übermaß.
039. Χρόνου φείδου. Geh sparsam mit der Zeit um.
041. Ὕβριν μίσει. Verachte die Hybris.
042. Ἱκέτας αἰδοῦ. Achte die Bittsteller.
044. Υἱοὺς παίδευε. Erziehe deine Söhne.
045. Ἔχων χαρίζου. Gib, wenn du hast.
046. Δόλον φοβοῦ. Nimm dich in Acht vor Betrug.
047. Εὐλόγει πάντας. Sprich gut von allen.
048. Φιλόσοφος γίνου. Sei ein Freund der Weisheit.
049. Ὅσια κρῖνε. Beurteile/Unterscheide das Heilige.
050. Γνοὺς πρᾶττε. Handle wissend. (Handle, wissend, was du tust.)
051. Φόνου ἀπέχου. Den Mord meide. (Bleib dem Morden fern.)
053. Σοφοῖς χρῶ. Befrage die Weisen.
054. Ἦθος δοκίμαζε. Überprüfe den Charakter.
056. Ὑφορῶ μηδένα. Schau auf niemanden herab.
057. Τέχνῃ χρῶ. Nutze die Fertigkeit. (Nutze, was du erlernt hast.)
059. Εὐεργεσίας τίμα. Ehre die Wohltat. (Respektiere gute Taten.)
060. Φθόνει μηδενί. Sei auf niemanden neidisch.
063. Διαβολὴν μίσει. Verachte die Verleumdung.
064. Δικαίως κτῶ. Erwerbe Besitztümer in gerechter Weise.
065. Ἀγαθοὺς τίμα. Ehre die Guten (Menschen).
074. Αἰσχύνην σέβου. Ehre das Schamgefühl.
076. Εὐτυχίαν εὔχου. Bete für Glück.
079. Ἐργάζου κτητά. Arbeite für das Besitzbare. (Arbeite für das, was du besitzen kannst.)
080. Ἔριν μίσει. Verachte den Streit.
081. Ὄνειδος ἔχθαιρε. Verabscheue die Schande.
082. Γλῶτταν ἴσχε. Zügle deine Zunge.
083. Ὕβριν ἀμύνου. Wehre die Hybris ab.
084. Κρῖνε δίκαια. Urteile gerecht.
088. Λέγε εἰδώς. Sprich wissend. (Sprich im Wissen. Sprich, wenn du weißt.)
089. Βίας μὴ ἔχου. Sei nicht gewalttätig.
091. Ὁμίλει πρᾴως. Sprich milde.
093. Φιλοφρόνει πᾶσιν. Sei höflich zu allen.
096. Σεαυτὸν εὖ ποίει. Sei gut zu dir.
097. Εὐπροσήγορος γίνου. Sei zugänglich.
098. Ἀποκρίνου ἐν καιρῷ. Antworte zeitnah.
099. Πόνει μετ’ εὐκλείας. Bemühe dich ehrenhaft.
100. Πρᾶττε ἀμετανοήτως. Handle ohne Reue. (Handle so, dass du nicht bereuen musst.)
101. Ἁμαρτάνων μετανόει. Bereue Fehler.
102. Ὀφθαλμοῦ κράτει. Beherrsche deine Augen. (Zügle deinen Blick.)
103. Βουλεύου χρόνῳ. Gib rechtzeitig Rat.
105. Φιλίαν φύλαττε. Bewahre die Freundschaft.
106. Εὐγνώμων γίνου. Sei dankbar.
107. Ὁμόνοιαν δίωκε. Strebe nach Eintracht.
108. Ἄρρητον κρύπτε. Wahre das Geheimnis.
112. Ἔχθρας διάλυε. Beseitige die Feindschaft.
113. Γῆρας προσδέχου. Akzeptiere das Altern.
114. Ἐπὶ ῥώμῃ μὴ καυχῶ. Prahle nicht mit deiner Macht.
115. Εὐφημίαν ἄσκει. Übe dich in heiliger Stille. (Bezieht sich auf die Stille vor dem Opfern.)
116. Ἀπέχθειαν φεῦγε. Fliehe die Feindschaft. (Vermeide Feindschaften.)
117. Πλούτει δικαίως. Erwerbe auf gerechte Weise Vermögen.
119. Κακίαν μίσει. Verabscheue die Schlechtigkeit.
121. Μανθάνων μὴ κάμνε. Werde nicht des Lernens müde.
124. Οὓς τρέφεις, ἀγάπα. Liebe die, die du großziehst.
125. Ἀπόντι μὴ μάχου. Bekämpfe nicht den Abwesenden.
126. Πρεσβύτερον αἰδοῦ. Respektiere die Älteren.
127. Νεώτερον δίδασκε. Unterrichte die Jüngeren.
128. Πλούτῳ ἀπίστει. Traue nicht dem Reichtum. (Verlasse dich nicht auf deinen Wohlstand.)
129. Σεαυτὸν αἰδοῦ. Respektiere dich selbst.
130. Μὴ ἄρχε ὑβρίζειν. Herrsche nicht durch Hybris.
131. Προγόνους στεφάνου. Bekränze die Vorfahren. (Ehre oder achte deine Vorfahren.)
132. Θνῆσκε ὑπὲρ πατρίδος. Stirb für die Heimat. (Gib dein Leben für die Heimat, wenn nötig.)
134. Ἐπὶ νεκρῷ μὴ γέλα. Mach dich nicht über die Toten lustig.
135. Ἀτυχοῦντι συνάχθου. Stehe dem Unglücklichen bei.
142. Τύχῃ μὴ πίστευε. Vertraue nicht auf das Glück.
147. Τελευτῶν ἄλυπος. Tritt dem Ende ohne Trauer entgegen. (Stirb ohne Reue.)