Fremdaneignung des Hellenismos

Vor ein paar Tagen habe ich einen sehr interessanten und gut geschriebenen Artikel über die kulturelle Fremdaneignung und Verzerrung der hellenischen und römischen Kultur durch moderne politische oder ideologische Bewegungen gelesen, die auf der Suche nach einer Identität sind und nach einem Narrativ, um ihre Positionen besser an den Mann zu bringen. Unter kultureller Fremdaneignung («cultural appropriation») verstehen wir die «Übernahme und Verwendung von Dingen aus einer Kultur, die nicht die eigene ist, vor allem ohne Verständnis oder Respekt für diese zu zeigen» (Cambridge Dictionary, Stichwort: cultural appropriation, zuletzt abgerufen am: 16. August «2019»). Viele Wissenschaftler, die diese Entwicklung mit Sorge beobachten, haben genug davon und reagieren jetzt auf die falschen und pseudowissenschaftlichen Behauptungen dieser «Hassgruppen», wie sie genannt werden.[1] Ich halte das für eine sehr gute Idee. Wir Hellenen waren immer der Meinung, dass wir die «Klassiker» nicht den Anhängern des Totalitarismus überlassen dürfen.

Uns Hellenen ist die Aneignung und Verzerrung unserer Kultur mindestens seit der Mitte der 1990er Jahren bekannt. Wir hatten sie bereits damals als ein Problem erkannt und als solches behandelt. Die Instrumentalisierung des Hellenentums gehört zum täglichen Brot nationalistischer und neofaschistischer Gruppierungen in Griechenland. Es gab auch eine Zeit, da wurden die «Dodekatheisten», wie uns die Medien damals nannten, als kitschige Nationalisten oder gar als Neofaschisten hingestellt, und das nur, weil die Neofaschisten unsere Symbole und unsere Geschichte für ihre neuzeitliche Ideologie missbrauchen. Zwar liegt das jetzt in der Vergangenheit, aber das ist nicht der gründlichen Recherche der Journalisten zu verdanken, sondern eigener Anstrengungen, will heißen der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des politischen Monotheismus und der Androhung rechtlicher Schritte z.B. gegen den privaten griechischen Fernsehsender ANT1.[2]

Freilich hat das die Neofaschisten wenig beeindruckt, und so geht die politische Instrumentalisierung und ideologisch-motivierte Pervertierung des antiken Griechenland im modernen Griechenland ungestört weiter. Das war einer der Gründe, der den Generalsekretär des YSEE Vlassis G. Rassias dazu bewogen hat, sein Buch «Ethnos – Ethnismus – Nationalstaat – Nationalismus» zu schreiben, das erstmals 1996 erschien und ein deutliches Echo in der entsprechenden politischen Szene hinterlassen hat. Das Verfassen dieses Buches wurde aus der Notwendigkeit heraus geboren, die hellenische Tradition vor dem Zugriff der Neonazis zu schützen. Im Gegensatz zu ihren Kollegen in den USA haben die Wissenschaftler in Griechenland bisher nicht auf diese infame Aneignung des Hellenentums durch moderne Ideologien reagiert.

Eigentlich versteht es sich von selbst, dass die Ideologien der Moderne (Liberalismus, Konservatismus, Nationalismus, Internationalismus) oder der angewandte politische Monotheismus, wie viele von uns die Ideologien des Abendlandes nennen, nichts mit uns oder unserer Kultur zu tun haben, zumal wir uns auch nicht für die ideologischen Kämpfe und künstlichen Gegensätze der Moderne (Nationalismus-Globalismus, Leninismus-Kapitalismus, Links-Rechts) interessieren. Aber manche Leute verstehen das offensichtlich nicht. Immer wieder erscheinen Personen, sei es aus dem «patriotischen Lager» in Griechenland oder dem angloamerikanischen Raum, die uns mit ihrer «weißen Identität», «mediterranen Rasse» u.a. belästigen und uns beschimpfen, wenn wir abblocken und unser Desinteresse bekunden. Sie behaupten sogar, wir wären «korrupt», weil wir ihre modernen Ideologien nicht teilen. Manche dieser Personen behaupteten, wir seien «leftists» und deshalb gegen den Erhalt der «weißen Kulturen», wodurch sie nicht nur ihr Niveau, sondern auch den Zustand der heutigen Kultur bestens bezeichnen. Unter ihnen befanden sich auch offene Bewunderer des Nationalsozialismus. Doch das kannten wir bereits aus Griechenland, bisher aber eben nur aus Griechenland. Für die Nationalisten sind wir Internationalisten, die Internationalisten nennen uns Nationalisten. Jedem das Seine. Politische Fetische gibt es wie Sand am Meer. Dass solche Kategorien oder Probleme eine indigene Kultur gar nicht beschäftigen können, wollen diese Ideologen weder verstehen noch akzeptieren. Im Gegenteil. Sie wollen die politischen Kämpfe und ideologischen Auseinandersetzungen ihrer Kultur in indigene Kulturen hineintragen und verlangen von diesen, dass sie sich ihren Ideologien unterordnen, gegen Homosexuelle, Afroamerikaner, Juden, «Linke» wettern und alles zu tun, wofür ihr totalitäres Herz schlägt. Sie sind sogar so frech, uns zu sagen, wie wir zu denken und zu handeln haben. Daraus spricht die Unverfrorenheit und Überschätzung eines kolonialistischen Geistes. Einige «Trolle» aus den USA, die die Facebook-Seite des Hellenismos [3] zu infiltrieren und dort ihr Gedankengut zu verbreiten versuchten, gingen so weit, uns sogar unsere Hellenizität abzusprechen, weil wir ihre Ideologie und ihren Hass auf die «anderen» nicht teilten.[4] Es mag wohl am besonderen Zustand ihrer Intelligenz gelegen haben, dass ihnen unsere eigene Andersheit verborgen blieb. Ihre Obszönität und Unhöflichkeit zeugen jedenfalls nicht von Kultiviertheit. Das ist typischer Kolonialismus und Antihellenismus, und beides lehnen wir entschieden ab.[5] Aber das scheint diese Leute nicht zu kümmern, denn sie befinden sich auf einem Feldzug gegen die böse Welt und für die «weiße Rasse» (übrigens eine Vorstellung, die der hellenischen Kultur fremd ist); sie leben in ihrer ganz eigenen Welt. Ein Dialog kann so selbstverständlich nicht funktionieren, und mit Missionaren haben wir auch nichts zu besprechen. Das lehrt uns die Erfahrung der letzten Jahre. Wir müssten uns gegen den Dschungel ihrer Stereotype, Klischees und Denkschemata kämpfen, auf der vagen Suche nach einer Lichtung der Vernunft im Dickicht dysfunktionaler Neuronen.

Wir verurteilen jegliche Aneignung und Verzerrung unserer Kultur durch außenstehende Dritte, insbesondere durch politische Bewegungen und Hassgruppen, die die monotheistische Kolonialisierung unserer Imagination auf ihre Weise fortsetzen. Wir danken allen Gelehrten, insbesondere denjenigen aus «Pharos», die «die Fehler, Auslassungen und Verzerrungen aufdecken, die den Interpretationen des antiken Materials dieser Gruppen zugrunde liegen» und die so den Hellenismos schützen.[6] Wir wissen, dass diese Wissenschaftler sich aufgrund ihrer Arbeit den Hass dieser verwirrten Menschen zuziehen und bekunden ihnen deshalb unseren aufrichtigen Respekt. Wir bedauern, dass eine solche Bloßstellung auch außerhalb Griechenlands notwendig geworden ist.

Auch wenn wir mit den modernen Gelehrten nicht immer einer Meinung sind, ihren Interpretationen der hellenischen Kultur oft widersprochen haben und ihre Methodik kritisieren, erkennen wir ihre Leistungen und die Anstrengungen an, die viele von ihnen unternehmen, um eine Unterwanderung der klassischen Fächer zu verhindern und die Öffentlichkeit für die Tatsache zu sensibilisieren, dass Hassgruppen die hellenische und römische Kultur vereinnahmen und die Deutungshoheit über die Antike erlangen wollen. Deshalb sind wir ihnen zu Dank verpflichtet.

Der Hellenismos hat eine sehr klare und öffentliche Position in dieser Angelegenheit, die wir mindestens seit 1996 selbstbewusst vertreten, als Vlassis G. Rassias sein Buch «Ethnos – Ethnismus – Nationalstaat – Nationalismus» der neugriechischen Gesellschaft vorstellte. Ich übersetze und zitiere mit der Genehmigung des Autoren:

«Als genuine Erfindung des monotheistischen Absolutismus drückte und drückt sich der Nationalismus als eine konsequente Forderung nach vollständiger Homogenität und Einheit aus, kultureller, religiöser und sprachlicher Natur. […]. Wiedererkennungszeichen des Nationalismus wurden logischerweise die Voreingenommenheit, die Angst vor dem ‹Anderen›, geistige Geschlossenheit, Misstrauen und Introvertiertheit. Als ‹Feinde› wurden nicht die Feinde der kollektiven Freiheit und Autonomie deklariert (die die Feinde der Ethniker gewesen sind), sondern jede Art von Andersartigkeit, die aufgrund einer kranken Kollektivmentalität nun als eine kulturelle, religiöse, ethnische oder ‹rassische› Verschmutzung gesehen wird. […]. Das Ziel des ‹Nationalismus› ist die allgemeine Homogenität innerhalb des Pseudo-«Ethnos» und dessen fanatische territoriale Expansion und Hegemonie außerhalb desselben, so wie die herrschenden Monotheisten es ihm Jahrhunderte hindurch vormachten. […]. Die ‹Nationalisten› erweisen sich letztlich als die schlimmsten Feinde des wirklichen ‹Ethnos›, wandeln sie doch dessen natürlichen und vernünftigen Anspruch auf eine Identität (‹Ethnismus›) in Hass um (in der Regel in Hass gegen den eigenen Nachbarn). Während der ‹Ethnismus› integriert und den gerechtfertigten Anspruch auf kollektive Würde repräsentiert, schließt der Nationalismus aus. […] im Gegensatz zum natürlichen (antiken) ‹Ethnismus›, der seine Verschiedenheit / Alterität auf eine positive Weise äußern kann (und der gleichzeitig die Verschiedenheit / Alterität aller anderen tiefgehend respektiert, die sich ihm gegenüber in gleicher Weise äußern), betrachtet […] der Nationalismus seine […] ‹Rasse› als wichtiger und überlegener als alle anderen, und deshalb kann er seine Verschiedenheit / Alterität nur negativ definieren.»

Wir Hellenen werden unsere Kultur verteidigen und jede Gruppe, die versucht, den Hellenismos zu instrumentalisieren, mit allen erforderlichen Mitteln bekämpfen. Wenn sich gewisse Gruppen und Personen dem Hellenismos gegenüber feindlich verhalten, werden wir sie dann als die Feinde behandeln, die sie sind. In diesem Sinne «wurde alles, was gesagt werden musste […] von unserer Seite bereits gesagt, und zwar genauso, wie es gesagt werden musste».[7]

Nachweise:

[1] Undark: Hate Groups Love Ancient Greece and Rome. Scholars Are Pushing Back (zuletzt abgerufen am 24.06.«2019»).
[2] ANT1 korrigiert sich: »Das ethnische Hellenentum hat nichts mit der Goldenen Morgenröte zu tun«, in: Hellenismos (zuletzt abgerufen am 24.06.«2019»).
[3] Hellenismos Facebook Site (zuletzt abgerufen am 24.06.«2019»).
[4] Stilian Ariston: Conversation with a racist Neopagan, in: Stilian Ariston Blog (English Articles). Stand: 01.03.«2019». Zuletzt abgerufen am 24.06.«2019».
[5] Diese Erfahrungen auf Facebook haben dazu geführt, dass die oben genannte Seite ihre «Regeln» (rules) noch einmal öffentlich wiederholte, teilweise verschärfte und diesmal auch in Bildform (JPEG) vorstellte. Der folgende Link leitet Sie zum Bild weiter: «Klick». Die Texte im Bild wurden ins Deutsche übersetzt, die Farb- und Formwahl jedoch beibehalten.
[6] PHAROS: Doing Justice To The Classic, in: Pharos (Home). URL: http://pages.vassar.edu/pharos/ (zuletzt abgerufen am 24.06.«2019»).
[7] Vlassis G. Rassias: Ethnos – Ethnismus – Nationalstaat – Nationalismus, S. 87, 2. Aufl., Athen 2006

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