Über den Hauskult

Labrys: «Περί Οικιακής Λατρείας», in: Labrys (Artikel), zuletzt abgerufen am: 24. September «2018». Aus dem Griechischen ins Deutsche von Stilian K. Ariston.

Über den Hauskult

Einleitung

vomosoikiakosDie Hausgemeinschaft (Oikos) ist für die Hellenen von äußerster Bedeutung. Diese ist mit der heutigen Vorstellung eines Hauses als Wohnhaus nicht identisch, sondern umfasst die Mitglieder der Familie [1], das Gebäude samt Gütern und vor allem den Hauskult und die Familientraditionen. Unter denjenigen, die sich mit der griechischen Religion befassen, besteht oft die falsche Vorstellung, dass der Kult in den Festen der Polis und den Mysterienkulten seinen Hauptausdruck findet; dem Hauskult wird dabei, wenn überhaupt, nur eine zweitrangige Rolle beigemessen. Das ist ein großer Irrtum, der aber verständlich wird, wenn wir uns an die Tatsache erinnern, dass die schriftlichen Aufzeichnungen und archäologischen Funde (Keramik, Gebrauchsgegenstände, Anlagen), die etwas über den Hauskult aussagen, im Vergleich zu den Fundstücken der Polis-Religion gering sind.[2] Es ist deshalb natürlich, dass infolgedessen die Historiker und andere Wissenschaftler Arbeiten vorstellen, die sich ausschließlich oder überwiegend auf den Staatskult und nicht auf den Hauskult beziehen, obwohl in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen wurden, Informationen über diesen Bereich der hellenischen Religion zusammenzutragen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Dieses Missverständnis hat viele dazu bewogen, die religiöse Praxis unserer Vorfahren auf die Einhaltung der externen gesellschaftlichen Normen (der Polis) zu reduzieren, die in den Festen und Zeremonien der Polis ihren Ausdruck finden. Dies führt zu einer religiösen Entfärbung des täglichen Familienlebens der Griechen und beschränkt das Verständnis der Polis-Religion auf die kulturelle Sphäre. Die Realität sah wahrscheinlich ganz anders aus, da der Staatskult in gewisser Hinsicht eine Erweiterung des Hauskultes der Sippen der Bürger darstellt.[3] Gerade heute ist der Hauskult für diejenigen absolut notwendig, die der Religion unserer Vorfahren folgen wollen, nicht nur, weil aus dieser Zelle die Religion am besten kultiviert und wieder in der Gesellschaft Fuß fassen kann, sondern auch, weil hier keine religiöse Diskriminierung droht, denn solche Probleme gibt es zuhauf in Neugriechenland, wo die hellenische Religion vom Staat nicht anerkannt wird.[4]

Die Hauptgötter des Hauskultes

Die Götter, die dem Hauskult vorstehen und einen festen Platz in ihm haben, sind Hestia, Zeus, Hermes, Hekate und Apollon. Innerhalb des Oikos erhalten diese Götter, mit Ausnahme von Hestia, bestimmte Eigenschaften, die sich von ihren bekannteren olympischen Eigenschaften unterscheiden und hauptsächlich dem Zweck dienen, die Einheit und den Wohlstand des Oikos zu gewährleisten.

Hestia

Hestia ist die Göttin, die den Menschen die Kenntnis vom Oikos verliehen hat.[5] Deshalb steht sie an erster Stelle im Hauskult. Ihr Kult ist von höchster Wichtigkeit und verliert sich in den Tiefen der Zeit.

ΟΥ ΓΑΡ ΑΤΕΡ ΣΟΥ ΕΙΛΑΠΙΝΑΙ ΘΝΗΤΟΙΣΙΝ ΙΝ‘ ΟΥ ΠΡΩΤΗ ΠΥΜΑΤΗ ΤΕ ΕΣΤΙΗ ΑΡΧΟΜΕΝΟΣ ΣΠΕΝΔΕΙ ΜΕΛΙΗΔΕΑ ΟΙΝΟΝ

(«Denn ohne dich die Sterblichen halten keine Bankette ab, wo nicht einer ordnungsgemäß gießt den süßen Wein als Trankopfer aus, da ist Hestia die Erste und Letzte.»)

Homerische Hymne an Hestia, 29.4-6

Die Göttin ist mit dem Herd identisch, um den sich die Familie versammelt, um zu kochen und sich zu wärmen, und zwar in einem solchen Maße, dass Göttin und Herd das heilige Zentrum des Oikos ausmachen, die Göttin auf noetischer und der Herd auf materieller Ebene.[6] Der Herd ist somit der natürliche Altar der Göttin und das Feuer darin repräsentiert die Göttin selbst. Die meisten Riten werden am Herd abgehalten. Der Herd, der Altar der Göttin, ist heilig und sein Feuer wird ständig unterhalten.[7] Wie die Göttin die Familienmitglieder beschützt, schützt sie auch den Fremden, der im Oikos Zuflucht sucht. Die Institution der Hikesie an den Altären der Polis ist wahrscheinlich ein Ergebnis der Ausweitung der Funktion des häuslichen Herdes, zumal die Vorschriften in Bezug auf Asyl und Miasma in beiden Fällen gelten.

In ähnlicher Weise haben die Poleis in ihrem Zentrum den Polis-Herd, der eine entsprechende Rolle spielt.[8] Die meisten Riten im Oikos beginnen mit der Anrufung der Hestia, ein Phänomen, das oft auf den Polis-Kult ausstrahlt und auf das Sprichwort «ΑΦ‘ ΕΣΤΙΑΣ ΑΡΧΕΣΘΑΙ»* zurückgeht, das einen «guten Beginn» impliziert.[9]

Zum Schluss muss gesagt werden, dass Hestia diejenige ist, die den Oikos gegenüber der Polis repräsentiert.[10] Die Zerstörung des häuslichen Herdes bedeutet die Zerstörung des Oikos selbst, mit tragischen Folgen, die sowohl die Ahnen als auch die ungeborenen Nachkommen betreffen (die durch den Herd des Oikos, den Hauskult, ewig miteinander verbunden sind).

Zeus Ktesios

Der zweite Gott, der uns nach Hestia im Hauskult begegnet, ist Zeus und zwar unter dem Beinamen Ktesios.[11] Unter diesem Beinamen wird der Gott als Beschützer der Familiengüter verehrt, der sich um das Wohlergehen des Hauses kümmert. Während der klassischen Periode befand sich sein Altar üblicherweise in einer Vorratskammer des Oikos (häufig ein getrenntes Gebäude), wo er hauptsächlich mit Trankopfer geehrt wurde.[12] Da die Güter, die bis vor kurzem noch (in den Dörfern bis noch vor einer Generation) in diesen Kammern gelagert wurden, hauptsächlich aus Nahrungsmitteln und auch aus Kleidungsstoffen (Tierfelle, Textilwaren) bestanden, wird der Kult des Zeus Ktesios − im Gegensatz zu manchen Versuchen, diesen Kult in den Kellerräumen heutiger Häuser (besonders in den Städten) wieder aufzunehmen, die voller Müll, nutzloser Dinge und unnötiger «Güter» sind − als vollkommen natürlich angesehen. Weil aber auch die Güter, die für den Wohlstand des Oikos notwendig sind, heute eine andere Form angenommen haben, kann der Kult des Zeus Ktesios, wenn gewünscht, am Hauptaltar oder Anbetungsort im Haus gepflegt werden, sofern wir ein angemessenes mentales Bild davon besitzen, was ein Gut ist, denn das kann nicht mit dem heute gängigen Konzept von Geld (Währung) identifiziert werden, das nichts anderes als ein Tauschmittel ist.[13] Nach den vorliegenden Quellenangaben ist es sehr wahrscheinlich, dass Zeus Ktesios in den meisten Fällen keinen eigenen Altar im Oikos besaß, sondern durch ein Objekt repräsentiert, mit diesem gar identifiziert wurde, der kadiskos/kathiskos genannt wird.[14]

Es ist dem Glück zu verdanken, dass in den Fragmenten des Antikleides, eines Historikers aus dem 3. Jahrhundert v.Z., überliefert ist, wie der kadiskos aussah und hergestellt wurde:kadiskos

«ΔΙΟΣ ΚΤΗΣΙΟΥ ΣΗΜΕΙΑ ΙΔΡΥΕΣΘΑΙ ΧΡΗ ΩΔΕ, ΚΑΔΙΣΚΟΝ ΚΟΙΝΟΝ ΔΙΩΤΟΝ ΕΠΙΘΗΜΑΤΟΥΝΤΑ ΣΤΕΨΑΙ ΤΑ ΩΤΑ ΕΡΙΩ ΛΕΥΚΩ ΚΑΙ ΕΚ ΤΟΥ ΩΜΟΥ ΤΟΥ ΔΕΞΙΟΥ ΚΑΙ ΕΚ ΤΟΥ ΜΕΤΩΠΟΥ… ΤΟΥ ΚΡΟΚΙΟΥ, ΚΑΙ ΕΣΘΕΙΝΑΙ ΟΤΙ ΑΝ ΕΥΡΗΣ ΚΑΙ ΕΙΣΧΕΑΙ ΑΜΒΡΟΣΙΑΝ. Η Δ‘ ΑΜΒΡΟΣΙΑ ΥΔΩΡ ΑΚΡΑΙΦΝΕΣ, ΕΛΑΙΟΝ, ΠΑΓΚΑΡΠΙΑ. ΑΠΕΡ ΕΜΒΑΛΕ.»

«Es ist notwendig, ein Symbol des Zeus Ktesios herzustellen. Dazu nehmen wir einen neuen kadiskos mit zwei Ohren, durch die wir einen weißen Wollfaden führen und einen gelben (safranfarbenen) Garnfaden, den wir über die rechte Schulter ziehen, damit er vorne hängt, und dann legen wir alles hinein, was wir finden, und gießen Ambrosia hinein. Ambrosia ist reines Wasser (aus einer Quelle), Olivenöl und aller Art von Früchten (pankarpia).»

Die Existenz dieses mit Zeus Ktesios identifizierten Objektes (das einem Altar entspricht) erklärt, warum so selten Altäre mit einer Inschrift für Zeus Ktesios gefunden werden.[15]

Berücksichtigt man Obiges, ist es letztlich sinnvoll, Zeus Ktesios mit der Hausschlange (oikouros ophis) zu identifizieren, die dieselbe Funktion besitzt [16], nämlich die Güter des Oikos zu beschützen, und die bis heute Teil der Volkstradition geblieben ist.[17] Diese Schlussfolgerung wird durch die archäologische Entdeckung eines Altars des Zeus Ktesios unterstützt, auf dem eine Schlange abgebildet ist (Bild 2). Die Schlange blieb bis in die Spätantike ein Symbol für das Heilige im Oikos und ging später in den Volksglauben über.

Zeus Herkeios

Die zweite Form des Zeuskultes, die wir im hellenischen Haushalt finden, ist die des Zeus Herkeios. Herkos** ist der Zaun und im weiteren Sinne der von ihm umschlossene Bereich. Daher wurde in Athen der Oikos auch herkos genannt, so dass die beiden Wörter die gleiche Bedeutung erhielten. Es wird uns sogar überliefert, dass die Frage: «Wo liegt dein Haus?» genauso gut hätte lauten können: «Wo befindet sich dein Zeus Herkeios?»[18] Der Altar des Zeus Herkeios befindet sich im Freien zwischen dem Haus und dem ihn umgebenden Zaun. Der Gott wird als der Schutzpatron des Oikos und des Eigentums verehrt und wirkt schützend auf dieses ein. Über die Verehrung des Zeus Herkeios ist uns wenig bekannt, aber man kann mit Sicherheit sagen, dass er mit dem physischen Raum des Oikos und der Zusammenkunft der Familie dort [19] zusammenhängt, was ihn bis heute relevant macht. In Fällen, in denen der Oikos keinen Garten oder Hof besitzt, kann der Kult des Zeus Herkeios zusammen mit dem der Hestia und des Zeus Ktesios gepflegt werden.

An den Grenzen: Hermes, Hekate und Apollon Agyieus

Abgesehen von Zeus und Hestia, die die eigentlichen Hausgötter darstellen und im Oikos verehrt werden, gibt es noch drei andere Götter, die zum Hauskult gehören. Diese schützen den Oikos vor äußeren Gefahren [20] und sind deshalb außerhalb des Hauses «untergebracht». Der Kult von Hermes, Hekate und Apollon mit dem Beinamen Agyieus wird daher am äußeren Zaun des Oikos, am Haustor, vollzogen.[21]

Hermes und Hekate erscheinen hier in der Form, die sie als Straßengötter annehmen: Hermes wie die Hermen (Bild 3), die die Grenzen und Bereiche bestimmen, und Hekate als Herrin der Dreiwege.[22] Anhand der wenigen verfügbaren archäologischen Funde und literarischen Quellen gehen wir davon aus, dass es in jedem Oikos einen Altar oder Schrein [23] für eine dieser Gottheiten oder für alle drei Gottheiten zusammen gab, deren Kult nach einer gewissenhaften Pflege verlangte, damit der Platz und die Kultobjekte (Herme, Statuetten, eine quadratische Platte für Apollon) sauber blieben, schließlich waren sie dem Straßenbetrieb ausgesetzt. Gewöhnlich wurde eine Nische neben dem Hauseingang (am Zaun neben dem Tor) geschaffen, wo die Götterfiguren und Kultgegenstände (Weihrauchbrenner und Opfergefäß) aufbewahrt wurden.[24] Wenn heute jemand in einem Mehrfamilienhaus lebt, kann er Flachreliefs [25] und ein Regal oder eine Erhebung zum Zwecke der Verehrung anbringen. Die Kultpraxis ist unkompliziert und umfasst, abgesehen von bestimmten heiligen Tagen, die Platzierung schlichter Opfergaben und das Verbrennen von Weihrauch, wenn wir ins Haus gehen oder aus dem Haus kommen.

Familien- und Ahnenkult

Wie bereits erwähnt, hat der Oikos eine breite Bedeutung [26] und schließt die Vorfahren ein, insbesondere wenn man den religiösen Aspekt betrachtet. Wenn wir also vom Hauskult sprechen, haben wir es mit zwei unterschiedlichen Kategorien der Verehrung zu tun: die Verehrung der Herdgötter (und anderer Götter) und die Verehrung der Vorfahren. Außerdem ist es so, dass viele der öffentlichen Feste zusätzliche Feierlichkeiten zuhause beinhalten, die den eigentlichen Charakter der Feste vervollständigen.

Am Hauskult nehmen alle Familienmitglieder teil und je nach Fest hat jedes Familienmitglied seine Rolle zu spielen. Obwohl der Mann als der Hauptverantwortliche für den Hauskult anzusehen ist, werden die meisten Riten und die allgemeine Pflege des Hauskults in Wirklichkeit von der Frau übernommen.

Der Hauskult ist die private Angelegenheit der Familie, jedoch können auch andere Familienmitglieder und Freunde mit der Teilnahme an einer Zeremonie des Oikos beehrt werden.

Hauptzeremonien des Oikos

Natürlich gibt es viele verschiedene Riten, die im Oikos stattfinden. Besonders hervorzuheben sind jedoch die Riten, die als häusliche Riten oder Hausriten bezeichnet werden und die mit den drei verschiedenen Lebensabschnitten des Oikos verbunden sind. Wir wollen hier kurz auf diese eingehen.

Die Gründung des Oikos: Gamos (Ehe)

Die eigentliche Gründung eines Oikos beginnt mit der Ehe als Vereinigung zweier Menschen zu einer Familie. Bleibt jemand jedoch ledig, unverheiratet und kinderlos, kann eigentlich nicht von einem vollständigen Hauskult (der Herdgötter) gesprochen werden, sondern von einer Weiterführung des Hauskultes seines Oikos (der väterlichen Götter) im weitesten Sinne, d.h. des Oikos seiner Eltern oder seiner Phratrie.[27]

Die Fortsetzung des Oikos: Genese (Geburt)

Mit der Geburt haben wir eine Erweiterung des Oikos. Der neue Mensch wird nur dann ein wahres Mitglied des Oikos, wenn er in der entsprechenden Einführungszeremonie den Herdgöttern vorgestellt wird.[28] Er wird den von den Eltern tradierten Hauskult fortsetzen.

Der Verlust des Oikos: Thanatos (Tod)

Auch der Tod ist ein Übergang, der mit dem Hauskult in Verbindung steht. Der Verstorbene befleckt vorübergehend den Oikos, doch auf der anderen Seite wird der Verstorbene, nachdem eine bestimmte Zeit vergangen ist und die richtigen Zeremonien durchgeführt wurden, als «Macht» in den Ahnenpool aufgenommen und bleibt weiterhin ein Teil des Oikos, steht fortan aber auf der Seite der «pleistoi» (der «Vielen») und wird zusammen mit allen anderen Ahnen geehrt.

Über den Hausaltar und die Ritualgegenstände

Für den Hauskult sind drei Kategorien von Dingen notwendig. Der Herd und das Feuer, der Altar oder die Altäre und die anderen rituellen Gegenstände. Die heutige Form von Häusern macht es natürlich sehr schwierig, eine Raumordnung zu haben, die der des hellenischen Oikos der Vergangenheit ähnelt (Bild 4). Von dem Moment an, an dem der zweckmäßige Betrieb des Herdes durch elektrische Geräte ersetzt wurde, wurde es notwendig, einige Aspekte des Hauskults neu anzupassen, ohne das wirklich Wesentliche des Hauskultes zu verlieren. So kann in einem modernen Haus der Kamin und der ihn umgebende Raum die Rolle des Herdes übernehmen [29].

Aber auch wenn dies nicht möglich ist, dürfen wir nicht vergessen, dass der Sinn des Herdes im Feuer liegt; das ist das eigentlich Heilige. Und wie es in der Antike Fälle gab, in denen der Herd keine Kochstelle im Haus war (wie in der Abbildung zu Beginn des Artikels dargestellt), sondern irgendein Gefäß für das Feuer (Bild 5), ist auch heute besonders wichtig, dass eine heilige Feuerstelle gehalten wird, die für rituelle Zwecke (Weihrauch etc.) verwendet wird. Dies kann auf verschiedene Weisen und ohne großen Aufwand erreicht werden. Wir können hierfür eine Kerze mit langer Brenndauer, das traditionelle Öllämpchen (Votivlampe), eine Öllampe o. Ä. verwenden.[30] Auf diese Weise können wir das ewige Feuer der Hestia aufrechterhalten und die Riten für seine Erneuerung entsprechend der Tradition einhalten.[31]

Wie bereits erwähnt, kann für die Verehrung des Zeus Herkeios und für den Fall, dass das Haus einen Innenhof besitzt, ein Hausaltar im Stil der klassischen Antike errichtet und gehalten werden (Bild 6-7). Jedoch muss auch in diesem Fall ein Raum oder ein besonderer Platz innerhalb des Hauses der Verehrung vorbehalten bleiben.[32] Die «Lösung» für dieses Raumordnungsproblem ist bereits aus der Antike bekannt und kann auch heute ohne weiteres übernommen werden.[33]

So gibt es bereits aus der hellenistischen und römischen Zeit einen speziell eingerichteten Raum im Haus, der seinen heiligen Bereich bildete und den Mitgliedern des Oikos zum Gebet diente.[34] Wir haben das Glück, dass uns die archäologischen Funde aus den vom Vesuv zerstörten Städten Italiens (Herakleia, Pompeji usw.) viele Beispiele für diese besonderen Räume innerhalb des Oikos bieten.[35]

Beispiele von Lararien/Hausaltären aus der Spätantike

Diese Vertiefung in der Wand, die wir im Bild sehen, ist auch der Tempel (naos) des Hauses, in dem alle heiligen Objekte des Hauskultes aufbewahrt werden. Die Götterfiguren, kleinen Altäre (bomiskos/vomiskos), die Dreifüße (Tripod) für das Rauchopfer und das Feuer befinden sich an diesem besonderen Ort, der in einem separaten oder zumindest in einem nicht gemeinschaftlich genutzten Raum eingerichtet wird.[36] Statt einer Wandvertiefung können wir auch eine Holzkonstruktion mit ähnlicher Form haben, die dieselbe Funktion erfüllt oder, um es noch einfacher zu machen, irgendein Möbelstück nehmen (z.B. einen kleinen Tisch), auf dem wir die rituellen Gegenstände stellen können.

Für die Ausübung des Hauskultes ist ein kleiner Altar üblich, der in den meisten Fällen aus Ton besteht und im Zentrum der sakralen Objekte platziert wird. Dieser Altar oder eine Kultfigur (xoanon) ist in der Regel der Gegenstand, der die Fortsetzung des anzestralen Hauskultes repräsentiert und von Generation zu Generation weitergegeben wird (Bild 8).

Die meisten Gegenstände, die im Hauskult verwendet werden, sind Gegenstände des täglichen Gebrauchs, die eigens dem Hauskult gewidmet sind, da sie dazu dienen, uns in den geeigneten mentalen Zustand zu versetzen, der für den Kultakt nötig ist. Dieser geistige Zustand ist leichter zu erreichen, wenn bestimmte schöne Objekte ausschließlich für kultische Zwecke verwendet werden. Zu diesen Objekten gehören die Schüssel für die Reinigung (katharmos)[37], der Weihrauchbrenner[38], der Behälter für Trankopfer[39] usw.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass wir die Opferreste (Asche, alte Opfergaben, Wein/Trankopfer u.a.) auf keinen Fall einfach irgendwo wegwerfen, als handele es sich dabei um Abfall, sondern an einem sauberen Ort ablegen (an einer sauberen Stelle in unserem Innenhof, in einem Topf mit einer Pflanze oder wir sammeln sie und legen sie an einer Stelle im Freien ab, wo sie natürlich abgebaut werden).

Hauskult: Der erste notwendige Schritt

Zu Beginn dieses Artikels haben wir die große Bedeutung des Hauskultes für die hellenische polytheistische Tradition betont. Wir wiederholen an dieser Stelle, dass es keine Ausreden gibt, wenn wir in unseren Häusern, wo es keine Einschränkungen der Religionsfreiheit gibt, nicht die notwendigen Riten ausführen. Das Einzige, was wir machen müssen, ist, damit anzufangen.

Wir meinen, dass dieser Text die nötigen Grundlagen dafür vermittelt. Aber erst durch die Praxis werden wir feststellen, wie viele Dinge wir mehr zu verstehen gelernt und in welchem Maße wir in unserem häuslichen Frieden von der Kultpraxis profitiert haben. Auf diese Weise wird es uns gelingen, die hellenischen Nomizomena*** auch an die nächsten Generationen weiter zu geben, damit diese schon im frühen Alter über die Grundlagen verfügen, um einen aufrechten Charakter zu entwickeln und die Prinzipien und Werte unserer Kultur in sich zu kultivieren.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass, sollten die vielen Details jemanden entmutigen oder jemand Schwierigkeiten damit hat, die Riten so auszuführen, wie sie ausgeführt werden müssen, es am besten wäre, wenn man mit kleinen Schritten, mit den einfachsten Dingen beginnt und erst dann tiefer in die Materie steigt, wenn diese verstanden und verinnerlicht worden sind.[40] Wir müssen ständig im Kopf behalten, dass das Wichtigste die Haltung zu den Göttern und Ahnen, und die treue Befolgung der Riten zweitrangig ist.[41] Auf der anderen Seite ist es in jedem Fall sinnvoll, dass wir uns an die Tradition halten und ihr vertrauen, wenn wir unsicher sind.

Bilder

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Anmerkungen

[1] Oikos, Phratrie, Stamm, Polis; in jedem Fall und bis in die hellenistische Epoche wurde die Person als solche nicht außerhalb des allgemeinen Verbundes, dem sie angehörte, gedacht.

[2] Speziell in Bezug auf den Hauskult finden wir in den Texten, wenn es um die Riten geht, oft die Verwendung von Ausdrücken wie «in der bekannten Weise», «in geläufiger Weise» usw., da sich nur wenige Autoren die Zeit nehmen würden, um derart geläufige und alltägliche Praktiken zu beschreiben.

[3] Typische Beispiele dafür sind die vielen Mysterienkulte, wo bestimmte Familien für die Durchführung der entsprechenden Riten oder für ihre Organisation verantwortlich waren, und die Errichtung von öffentlichen Altären und Heiligtümern nach der Ansiedlung in einer neugegründeten Polis.

[4] Die Verfassung garantiert die persönliche Religionsfreiheit, jedoch nicht die gesellschaftliche Religionsfreiheit, so dass der Hauskult im Grunde nicht vollends ausgelebt werden kann, während eine Gemeinschaft von Menschen, die der hellenischen polytheistischen Tradition folgen, auf Probleme stößt, die aus der Unterscheidung zwischen «bekannten» und «nicht-anerkannten» Religionen resultieren. Für weitere Informationen rund um das Thema der Anerkennung der hellenischen Religion siehe: das Memorandum des Obersten Rates der ethnischen Hellenen und Panagiotis Marinis: «Θρησκευτική ελευθερία», Athen 2006.

[5] Diodorus Sikeliotis

[6] So sagt uns beispielsweise Hesiodos etwas über die Haltung, die wir gegenüber der Hestia des Oikos einnehmen müssen: «Nicht, wenn den Leib dir befleckte die Mannheit, zeig‘ in der Wohnung / Frech dem Heerde dich so, dem heiligen; sondern sei schamhaft» (Hauslehren, 733-734). (A.d.Ü.: das griechische Wort Αἰδώς bedeutet Scheu, Scham und steht für die heilige Scheu gegenüber dem Heiligen.)

[7] Im Falle des Todes, Miasmas (rituelle Befleckung) und im Rahmen bestimmter Feste kommt es zu einer Erneuerung des häuslichen Herdfeuers durch das Feuer aus dem Polis-Herd vor dem Prytaneion.

[8] Das Herdfeuer der athenischen Polis befand sich vor dem Prytaneion (Regierungs- oder Gemeindesitz). Von diesem Herdfeuer nahmen die Gründer der Kolonien die Flamme, um die neue Polis zu gründen; es ist diese Flamme, die den heiligen Bund zwischen der Mutter-Polis und der Kolonie ausmacht.

[9] Dieser Ausdruck findet beispielsweise bei Platon Verwendung: «vom heiligsten Grund aus den Staat misshandeln» («Αφ‘ εστίας άρχεσθαι κακουργείν τήν πόλιν», Plat., Euthyphron), was heißen soll, dass jemand der Polis von Grund auf schaden will, wodurch ein weiteres Mal auf die außerordentliche Bedeutung des Herdes für den Oikos wie auch für die Polis hingewiesen wird.

[10] In diesem Sinne kann logisch begründet werden, weshalb z.B. in Athen nur die Männer wählen, da jeder Haushalt nur mit einer Stimme vertreten wird, und dass kein anderer Grund oder Unterschied für diese Regelung ausschlaggebend ist.

[11] Ktesios: der Besitztümer, der Güter des Oikos.

[12] Es gibt weit mehr Berichte über Trankopfer auf dem Altar des Zeus Ktesios als Berichte über Opferungen, was logisch ist, wenn wir uns die Identifizierung des Zeus Ktesios mit dem «kadiskos» ins Gedächtnis rufen.

[13] An diesem wie auch an vielen anderen Fällen können wir sehen, dass das Leben außerhalb der Städte nach wie vor weitgehend auf alten Traditionen beruht. Daher ist es auch heute noch in den Dörfern möglich, den Kult des Zeus Ktesios nach den väterlichen Sitten weiter zu führen etc.

[14] Der kadiskos, also das kleine Gefäß, ist eigentlich ein alltäglicher Gegenstand des hellenischen Haushalts und deshalb gibt es keine Funde von kadisken des Zeus Ktesios, da der alltägliche Gebrauchsgegenstand mit dem kultischen identisch ist.

[15] Mit dem Beinamen Ktesios wird Zeus auch an den öffentlichen Altären verehrt.

[16] Die Existenz paralleler Realitäten, die miteinander verbunden sind und sich gegenseitig widerspiegeln, ist ein allgemeiner Bestandteil der hellenischen Religion und Kultpraxis, den viele aber, die dieser Tradition nicht angehören, nicht verstehen können, so dass ihnen der dahinterliegende Sinn verborgen bleibt. So werden uns die Anthropologen/Ethnologen und der durchschnittliche moderne Mensch den Kult des Zeus Ktesios durch die Identifikation mit der Hausschlange erklären, die auf somatischer (d.h. materieller, physischer) Ebene beispielsweise das Getreide im Lagerhaus vor Ratten und Mäusen schützt. Doch obwohl diese Tatsache die gültige Widerspiegelung einer parallelen Realität darstellt, ist eine eindeutige Identifikation der Schlange mit dem agathos daimon oder die des Zeus Ktesios mit der Schlange nicht gegeben.

[17] Und zwar in einem Maße, dass wir sagen können, dass der Kult des Zeus Ktesios nicht erloschen ist, vor allem in den ländlichen Gebieten, wo die Hausschlange weiterhin eine dominierende Rolle im Hauskult einnahm.

[18] Aristoteles, Der Staat der Athener, 55.3

[19] Wir wissen, dass, wenn die Mitglieder des Oikos für längere Zeit außer Hauses waren, bei ihrer Rückkehr auf dem Altar des Zeus Herkeios Opfer darbrachten.

[20] Diese drei Gottheiten üben eine apotropäische Wirkung aus und schützen uns vor Krankheiten, Eindringlingen und weiteren äußeren Gefahren.

[21] Der Wege.

[22] Am Eingang des Hauses finden wir eine Kreuzung, an der wir eine der drei Richtungen wählen können.

[23] Siehe die nächste Anmerkung.

[24] Ein Beispiel dafür finden wir in vielen alten und modernen Häusern in Griechenland, wo die anzestralen Anbetungsriten von der christlichen Religion übernommen wurden. So finden wir in den christlich-orthodoxen Haushalten an Stelle des Altars oder des Götterschreins einen ähnlich aufgebauten christlichen Schrein, in dem die Ikonen aufbewahrt werden.

[25] Wir erinnern den Leser daran, dass in der hellenischen Religion die zweidimensionale Darstellung (z. B. Malerei) als Dekoration üblich ist, aber für Kultzwecke nur dreidimensionale Darstellungen in Frage kommen (d.h. Statuen, Friese und allgemein Objekte mit Tiefe)

[26] Insbesondere kennzeichnend ist die Tatsache, dass sogar die Sklaven oft am Hauskult teilnahmen. Noch charakteristischer ist die Tatsache, dass beim Kauf eines neuen Sklaven und nachdem dieser zum ersten Mal das Haus betrat, auf dem Hausaltar geopfert wurde, um den Sklaven als Mitglied der Familie anzuerkennen. Mehrere Gelehrte interpretieren das als den Eintritt eines Gegenstandes in den Haushalt, zu dem der Gegenstand nun gehört, und sie gehen noch weiter, indem sie den Eintritt der Braut in ihren neuen Oikos in derselben Weise deuten. Wir sind mit dieser Vorstellung nicht einverstanden, weil es sonst keine Teilnahme dieser «Gegenstände» an den allerheiligsten Riten des Hauskultes gegeben hätte.

[27] Entsprechend den athenischen Gepflogenheiten ist es üblicherweise die Frau, die nach der Heirat den elterlichen Hauskult aufgibt und dem Hauskult ihres Gatten folgt, wobei dies nicht zwingend ist.

[28] Aus diesem Grund verursacht die Geburt im Oikos ein vorübergehendes Miasma, bis das Gleichgewicht wiederhergestellt ist.

[29] Dafür brauchen wir natürlich einen voll funktionsfähigen Kamin, in dem wir (zumindest während der Wintermonate) Feuer brennen und den wir gelegentlich für die Zubereitung unserer Mahlzeiten nutzen können.

[30] Wir sollten natürlich darauf achten, dass die Kerze aus natürlichem Wachs besteht und keine Chemikalien enthält und der Kraftstoff aus reinem Öl und nicht aus irgend einem Erdölprodukt gewonnen wird.

[31] Das Feuer ist nicht nur für den Hauskult von größter Bedeutung.

[32] Wir können an zwei Stellen im Haus Altäre finden. Der eine Altar befindet sich üblicherweise in der zentralen Halle des Hauses in exponierter Stelle (groß gebaut) und der andere im eigens für die religiösen Bedürfnisse der Familie eingerichteten Raum, zu dem nur die Mitglieder des Oikos Zutritt haben.

[33] Es ist erstaunlich, wie viele Merkmale des Hauskultes im Laufe der Zeit unverändert geblieben sind, trotz dem Aufkommen einer anderen Religion. So hat zum Beispiel das Christentum bei der Errichtung seiner Hausschreine die äußeren Formen des hellenischen Hauskultes übernommen. Aber auch die Beispiele ungebrochener polytheistischer Traditionen, die uns in dieser Sache gleichen, wie zum Beispiel des Hinduismus, zeigen uns, wie wir unser Zuhause zum Zwecke der Anbetung gestalten können.

[34] Auch in früheren Zeiten gab es neben dem Herdfeuer im Zentrum des Hauses diesen besonderen Bereich, nur kann dieser von den Archäologen nicht rekonstruiert werden, weil es sich dabei nur selten um eine Baukonstruktion wie in der Spätantike handelte.

[35] Wie bereits vorhin erwähnt, ist ein häufiges Auftreten von Schlangendarstellungen festzustellen. Der römische Hausschrein ist als Lararium bekannt.

[36] In Fällen, in denen dieser Raum nicht vollständig von den Gemeinschaftsräumen des Hauses getrennt werden kann, müssen wir kleine Vorhänge aufhängen, die das Heiligtum «schützen» und die wir nur dann öffnen, wenn wir einen Ritus begehen wollen.

[37] In der klassischen Antike gehörte der Louteras (Wasser-Becken) zu den grundlegenden Hausgegenständen und kam in allen Reinigungsriten zum Einsatz.

[38] Kleine Tripoden für den Weihrauch können wir heutzutage ohne weiteres im Handel erstehen.

[39] Jedes saubere Gefäß kann zu diesem Zweck verwendet werden, obwohl es auch möglich ist, eine Reproduktion einer antiken Trinkschale aus Ton zu beschaffen, die für den täglichen Gebrauch geeignet ist. Dabei ist es wichtig, darauf zu achten, dass das Gefäß poliert wurde und keinen Säurealterungsprozess etc. durchlaufen hat. Das Trankopfer kann aus nur einem Tropfen auf dem tönernen kleinen Altar bestehen. Wenn wir aber das Trankopfer ganz normal ausgießen wollen, verwenden wir eine Schale zum Auffangen des Trankopfers.

[40] Es wäre wohl unvernünftig, wenn ein Neuling, der gerade erst den Pfad unserer Ahnen eingeschlagen hat, mit der Beobachtung der «Unheilstage» beginnt (griech. apophrádes hēméres, röm. Dies nefastus), wenn er noch nicht einmal die richtige geistige Haltung für die Durchführung eines Ritus entwickelt hat.

[41] Die natürlich notwendig sind, um uns zu leiten, da wir nicht ohne weiteres davon ausgehen können, dass heute irgendjemand, der sich nicht damit befasst hat, in der Lage ist, die Kultpraxis nach eigenem Gutdünken so zu gestalten, dass das Ergebnis erfolgreich ist.

Anm.d.Ü.

* «aph‘ Hestias archesthai» bedeutet so viel wie «vom Μittelpunkte od. der Hauptsache anfangen» (Gustav Eduard Benseler) oder «etwas am rechten Fleck, an der Wurzel anfassen».

** Herkos: äußerer Zaun, Hecke, Umzäunung eines Hofes.

*** die traditionellen Anschauungen und Sitten, das Überlieferte.