Der YSEE, die ethnischen Hellenen und der Hellenismos

Der YSEE, die ethnischen Hellenen und der Hellenismos
Stilian Ariston

ΣΤΕΦΑΝΙ ΕΛΛΗΝΙΣΜΟΥ

Der Oberste Rat der ethnischen Hellenen (im Folgenden YSEE) ist eine hellenische Dachorganisation in Griechenland mit Zweigstellen im Ausland, die für die Rechte der ethnischen Hellenen und für die Restauration der genuinen hellenischen Kultur und Religion kämpft, welche seit etwa vierzig Jahren in Griechenland wieder öffentlich aktiv ist. Er ist die einflussreichste hellenische Organisation und gehört zur alten Garde des Europäischen Kongresses Ethnischer Religionen (ECER). Der YSEE vertritt die eingeborene hellenische Religion und Kultur in der Öffentlichkeit. Der Oberste Rat der ethnischen Hellenen ist eine «nativistische Bewegung».

Das erklärte Ziel des YSEE ist «die Verteidigung und Wiederherstellung der ethnischen hellenischen polytheistischen Tradition, Religion und Lebensweise in der gegenwärtigen griechischen Gesellschaft», die Rückkehr des «hellenischen Menschen» ins alltägliche Leben, die Einstufung der hellenischen Religion als Körperschaft des öffentlichen Rechts (Griechenland) ebenso wie die Bekämpfung des Antihellenismus. Außerdem ist ihm die gesellschaftliche Anerkennung des kulturellen Völkermords an den Hellenen ein besonderes Anliegen («324»-«988»). Der YSEE schützt und verteidigt die hellenische Identität gegen die mannigfaltigen zersetzenden Auswirkungen des romäischen Nationalismus und orthodoxen Extremismus auf ihre öffentliche Wahrnehmung. Mit Seminaren, Kundgebungen, Pressemitteilungen, juristischen Mitteln, Aufklärungsarbeit, sozialem und ökologischen Engagement und der Tradierung der hellenischen Religion durch den ihm nahestehenden Thiasos (Kultgemeinschaft) «Delphys», hält der YSEE die hellenische Tradition am Leben, schärft ihr Profil nach außen und beschützt sie vor Entartung und Einflüssen, die Christentum, Okkultismus und «Neopaganismus» mit sich brachten.
Aus dem Aktivismus der ersten Jahre wurde eine «Bewegung», die, früher noch schwach aufgestellt, in unseren Tagen zunehmend an aussagekräftigen Konturen gewinnt. Es handelt sich hierbei um einen konkreten Fall von Reindigenisierung, der sich am Kontakt mit den Ureinwohnern Nordamerikas entzündete. Bezeichnenderweise wird die Revivalisierung hellenischer Kultur, Religion und Lebensweise
Rehellenisierung genannt (Επανελλήνιση, Epanhellínisi).

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Die ethnischen Hellenen könnten lapidar als die «antiken Griechen» der Neuzeit umschrieben werden; sie stellen eine kleine religiös-kulturelle Minderheit mit eigener kultureller Identität und Tradition dar, nämlich der indigenen hellenischen. Ethniker heißen im Griechischen alle Menschen, die – von ihren Gegnern auf den religiösen Aspekt ihrer ethnischen Identität reduziert – als «Paganisten» und «Götzendiener» verleumdet in die Geschichte eingingen (Hellenen, Germanen, Kelten, «Indianer», Shintos, Hindus etc.), die fremde Eroberer geschrieben haben.
Die ethnischen Hellenen bezeichnen sich selber einfach nur als «Hellenen», während das Adjektiv «ethnisch» allein zur Konkretisierung und Abgrenzung nach außen dient. (Begriffe wie «Polytheist» und «Animist» erfüllen ähnliche Funktionen, finden der Verständlichkeit halber Verwendung.) In Übereinstimmung mit seiner Etymologie wurde der Ethniker (lat. Ethnicus) wieder seiner ursprünglichen Semantik zugeführt, bedeutet nicht länger den abwertenden «Götzendiener», sondern bezeichnet den «Träger einer ethnischen Identität», eines «indigenen Ethos», welcher an der «semantischen Welt» seiner Ethnie angeschlossen, voll und ganz an ihrem Ethnismus (lat. Ethnicum) partizipiert.
«G. W. Bowersock deftly draws out the vicissitudes of this vocabulary of ethnicity and religion and its later permutations in Christian Greek texts, wherein ethnikos (‹ethnic›) becomes the standard word for ‹pagan›. This usage ‹suggests at one and the same time the local character of pagan cults … and the role of Greek culture in sustaining those cults› (Hellenism in Late Antiquity, 10-11)» (Paula Fredriksen, Augustine and the Jews: A Christian Defense of Jews and Judaism, S. 388-389, New Haven/Connecticut: Yale University Press 2010).

«ethnisch Adj., seit früherem 16. Jh. selten nachgewiesene Entlehnung aus kirchenlat. ethnicus (< griech. εθνικός) in der Bed. ‹heidnisch› (vgl. 1), […]. 1 Zunächst in der heute veralteten […] Bed. ‹heidnisch, abgöttisch (im Unterschied zu christlich; jüdisch)› (vgl. paganisch). Dazu die gleichzeitig nachgewiesene, auf gleichbed. lat. ethnicus zurückgehende veraltete Personenbezeichnung Ethnikus, auch in der eingedeutschten Form Ethniker, in der Bed. ‹Heide›.»
Hans Schulz, Otto Basler: Deutsches Fremdwörterbuch, Band 5. S. 289, Berlin 1974.

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Die Kultur der ethnischen Hellenen ist das Hellenentum: die Kultur der antiken Griechen und hellenischen Ethniker der nach-christlichen Zeit. Infolge der Verfolgung durch die Romiosini bzw. «Ostrom» sah die hellenische Tradition sich genötigt, das Parkett der Geschichte zu verlassen, um mit Georgios Gemistos-Plethon wieder ans Licht zu treten. Plethons Versuch einer Restauration der hellenischen Kultur konnte zur damaligen Zeit nicht realisiert werden. Seinem Tod folgte die Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen und die Wiederherstellung des Hellenentums rückte erneut in weiter Ferne.
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Romiosini – «das (ost)römische Kaisertum und vor allem eine auf das byzantinische Christentum gegründete Identität» (Tessa Hofmann:
Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich: 1912-1922. S. 190, Münster 2004) – unter der Feder einer griechischsprachigen nationalistischen Geschichtsschreibung mit der hellenischen Geschichte verknüpft. Schließlich wurde die Romiosini zur Fortsetzung des Hellenentums («neues Griechentum») umgedeutet bzw. mit diesem identifiziert. Insofern überrascht es nicht, dass romäischen Legenden zufolge die «Türken die Gegner der Griechen in der Marathonschlacht gewesen sein» sollen (Johannes Theoph. Kakridis: Die alten Hellenen im neugriechischen Volksglauben, S. 81, München 1967). Seit zweihundert Jahren wird die hellenische Geschichte und Kultur in Neugriechenland missbraucht, bewusst verfälscht und vereinnahmt, teilweise neu erfunden und mit Hilfe «frommer Lügen» der rhomäischen angeglichen, um eine vermeintliche Kontinuität zu suggerieren, die unkritisch als Selbstverständlichkeit gehandelt wird. Dabei werden nicht nur die alten Lügen als für die «Stärkung des Nationalgefühls» notwendig verteidigt, die vor allem die soziale Stellung der Kirche gestärkt haben, sondern darüber hinaus auch neue erfunden (zwecks einer Identifizierung der heutigen Bewohner Griechenlands mit den alten Griechen). «Einen besonderen Fall stellt der Versuch dar, das Bild der Hellenen dem stereotypen Bild von den zeitgenössischen Griechen bewusst durch Fälschung anzupassen. Der in Deutschland akademisch ausgebildete Gelehrte und konservative Politiker Konstantinos Tsatsos (1899-1987) publizierte 1954 einige Auszüge aus einem vermeintlich spätantiken Brief eines römischen Senators, der darin seinen Eindruck von den Griechen schildert. In diesem Brief, der vorgeblich aus der Gruppe der Oxyrrhynchus Papyri stammen sollte, wurden alle negativen Merkmale der Hellenen aufgeführt: Egoismus, Zwietracht, Habgier, Arroganz gegenüber allem Nicht-Griechischen oder Gesetzesungehorsam. Der Haupteffekt, der dadurch beim griechischen Leser dieses von Tsatsos selbstkomponierten Textes erzeugt werden sollte, war die kopfnickende Identifikation mit seinen antiken ‹Vorfahren›. In einem zweiten Schritt sollten aber genau durch die Aufzählung der negativen hellenischen Wesensmerkmale die Gründe für die Missgeschicke der Griechen in Antike und Gegenwart in didaktischer Absicht geliefert werden» (Anna Heinze, Sebastian Möckel, Werner Röcke (Hg.), Grenzen der Antike: Die Produktivität von Grenzen in Transformationsprozessen, S. 282, Berlin/Boston 2014). Doch obwohl sich Tsatsos im Jahr 1983 gezwungen sah, seine Fälschung «nach dreißig Jahren in einer Zeitschrift» öffentlich zuzugeben, wird sie heute auf Blogs fleißig weiter verbreitet. Wer Einwände gegen solche Fälschungen erhebt, wird nicht selten als «Antihellene» [!] abgestempelt und mit den typischen Verschwörungstheorien zugeschüttet. 

Der neue «griechische» Staat verlangte nach einer gemeinsamen «nationalen Identität» aller griechischsprachigen orthodoxen Christen innerhalb seines Hoheitsgebietes. Ungleichgewichte und Widersprüche mussten harmonisiert, in Einklang gebracht werden. Dementsprechend wurde die Geschichte des Landes, die eigene Kultur und schließlich die Orthodoxie in ein neues «griechisches» Nationalbewusstsein «gegossen». Bereits im Jahr 1830 hatte man damit begonnen, das orthodoxe Christentum in diese neue nationale Identität zu integrieren (Thomas W. Gallant, Modern Greece, S. 69, London 2001). Die heute weit verbreitete Vorstellung einer unteilbaren Einheit von Hellenentum und Christentum, hellenischer Identität und christlich-orthodoxem Glauben macht die Kernüberzeugung des «Hellenenchristentums» aus, wie die offizielle Ideologie von Staat und Kirche auch genannt wird. Das heißt, dass der rhomäische Staat quasi von der Verfälschung und Anpassung der hellenischen Kultur und Geschichte lebt und deshalb kein Interesse daran hat, irgendetwas daran zu ändern.

Deshalb heißen und verstehen sich heute auch die Romäer [m./si. Romiós] bzw. die griechischsprachigen orthodoxen Christen als «Hellenen». Geschuldet den Auslassungen der offiziellen Geschichtsschreibung und nationalistischer Rückspiegelungen, identifizieren sie ihre eigene Kultur und Identität mit dem Hellenentum, als dessen Fortsetzer und kulturelle Erben sie sich heute wähnen. Es ist gar nicht so lange her, da nannten die griechischsprachigen Christen «sich selbst ‹Rhomäer›, d.h. Römer, nicht ‹Hellenen›, weil so Anhänger des altgriechischen Heidentums bezeichnet wurden. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert unter europäischem Einfluß» (Alexander Demandt: Kleine Weltgeschichte. S. 107, 2. Aufl., München 2004).

Doch auch in der Zeit davor war ein Trend zu verzeichnen, ausgelöst von byzantinischen Intellektuellen, welche die hellenische Kultur für sich entdeckten und zum eigenen Erbe erklärten. In zunehmendem Maß glaubten sie, von den alten Griechen abzustammen und nannten sich deshalb «Hellenen». An ihrer Religion und Identität änderte dies freilich nichts. Tatsache ist, «daß im Mittelalter jede bewußte Verbindung … mit dem alten Griechenland aufgelöst wurde. Hellene bedeutete nun den Heiden, eine Bedeutung, die sich auf Kreta bis auf den heutigen Tag erhalten hat.» (Kakridis, S. 10).

«Der bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gebräuchliche Begriff [Anm: Romios] hat seine Wurzeln in der Bezeichnung, welche die Byzantiner, oder ‹Rhomäer› sich selbst gaben. Die Bezeichnung ‹Hellene› hatte dagegen fast ausschließlich die Bedeutung ‹Heide›, ‹Nichtchrist›. In osmanischer Zeit wurden die ‹Hellenen› zu mythischen Gestalten eines naiven Volksglaubens, denen übermenschliche Kräfte zugeschrieben wurden.»
Ioannis Zelepos:
Die Ethnisierung griechischer Identität 1870 – 1912: Staat und private Akteure vor dem Hintergrund der Megali idea. S. 43, München 2002.

Andere «Legenden» und «Überlieferungen» besagten wiederum, dass die Hellenen vom «Erzengel im Krieg niedergemetzelt», «von Gott verflucht bzw. in Dämonen verwandelt», «von bösen Mücken gestochen» worden waren; Riesen gewesen sind, die einmal hingefallen, nicht mehr aufstehen konnten (Westmakedonien, 20. Jh.) oder laut einer Überlieferung aus Epirus (20. Jh.) von Mücken, ausgestattet «mit eisernen Stechrüsseln», niedergemäht wurden (Kakridis, S. 27, 43). Solchen und andere Geschichten dienten den Romäern als Erklärung für den Untergang des hellenischen Geschlechts.
Nun muss man wissen, dass Romäer und Hellenen die gleiche Sprache sprechen, das gleiche Land bewohnen und so manch andere Gemeinsamkeiten haben. Sogar die eigenen Eltern können Romäer sein, man selber aber Hellene. Denn wenngleich auch zum Romäer erzogen, kann das Kind sich später für die hellenische Tradition entscheiden und Hellene werden. Die wenigsten ethnischen Hellenen sind in einer hellenischen Familie aufgewachsen. Diese «Identitätskonvertierung», mag sie vorerst auch seltsam klingen, speist sich aus dem Unterschied zwischen «Kulturnation» und «Staatsnation», und leuchtet nur dann ein, wenn dieser Unterschied berücksichtigt wird.

Denn was beide Seiten unterscheidet, ist die Kulturtradition. Es sind keine verschiedenen «Nationen» im heutigen Sinn des Wortes. Der biologische Hintergrund ist der gleiche, selbstverständlich, doch bilden sie im Grunde verschiedene Menschentypen bzw. Ethnien (wenn auch nicht alle ethnischen Hellenen dies so formulieren würden, erst recht, wenn sie von der modernen Semantik des Wortes Ethnos ausgehen). Im Hellenentum heißt es: «eine Ethnie ist eine Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen Ethos» (= Charakter, Verhalten, Sitte, Verhalten, Gepflogenheit). Demzufolge ist die Ethnie ein «Kulturvolk», eine «Menschengruppe […] mit einheitlicher Kultur», sprich: Ethos (Duden online, Stichwort: «die Ethnie», zuletzt abgerufen am 25.12.«2012»), zu dem, begründet durch den holistischen Charakter der Ethnien, auch eine gemeinsame Religion gehört. Das Wort έθνος/Ethnos stammt von έθος/Ethos ab (Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, 9. Aufl., S. 241, München 1908, Neuaufl. 1965). Demnach bestimmt der Begriff Ethnos tatsächlich ein Kollektiv, dessen Mitglieder über die eigene Kultur zueinander in Beziehung stehen. Kurz: Das Ethos ist identitätsstiftend.

Was aber nicht heißen soll, dass die hellenische Ethnie homogen sei; wie alle gewachsenen Ethnien, war auch sie polymorph und inhomogen. Vielfältigkeit ist ein charakteristisches Merkmal des Ethnismus (= bed. ethnische Identität, Polytheismus), da bei ihm das Moment des Lokalen prägend ist. Ethnie und ethnisch werden im Hellenentum also anders verstanden, als es heutzutage üblich ist, nämlich mit Blick auf die ursprüngliche Etymologie des griechischen Wortes Ethnos (→ Ethos). Das Adjektiv ethnisch hingegen verhält sich synonym zu indigen, eingeboren, autochthon, polytheistisch, animistisch etc. Dieses Hintergrundwissen rückt Begriffe wie «ethnisches Hellenentum» (= indigene hellenische Kultur), «ethnische hellenische Religion» usw. in die richtige, sinngebende Perspektive. Im Übrigen sind Begriffe wie «ethnische Hellenen», «hellenische Ethniker» und «ethnisches Hellenentum» keine neuen Wortschöpfungen und auch außerhalb der Schriften der Kirchenlehrer bezeugt.

Die «Ethnien» (Kulturvölker) werden auch mit dem Prädikat «echt» oder «wirklich» von den «Nationen» (Staatsvölkern) unterscheidet. Mit dem Begriff sind nicht alleinig die sogenannten «Naturvölker» angesprochen, sondern alle gewachsenen Ethnien, die gemäß ihrem eigenen Ethnismus untereinander und zur Welt in Beziehung treten. Der Götterkult ist also nur ein Aspekt des Hellenismos, durchdringt dieser ja auch die Weltanschauung, die Sitten und den Charakter der hellenischen Kultur.

Ethnie: Ethnie (E.) stammt aus dem Frz. und geht zurück auf das griech. éthnos, i.e.S. Volk als Abstammungsgemeinschaft, i.w.S. eine Gruppe von Menschen, die durch verschiedene gemeinsame Eigenschaften (Sprache, Kultur, Tradition, Religion, Gebräuche etc.) verbunden ist bzw. sich verbunden fühlt, die ein bestimmtes Gemeinschaftsbewußtsein besitzt und die sowohl in ihrer Selbst- als auch in der Fremdwahrnehmung durch andere als kulturell unterscheidbar gilt. Bei ethnischen Gruppen handelt es sich i.d.R. um Teilbevölkerungen innerhalb eines Staates, die sich in einer zahlenmäßigen Minderheitenposition befinden (z.B. Arbeitsmigranten, religiöse Gruppen, autochthone Volksgruppen, indigene Völker).
Dieter Nohlen (Hg.), Rainer-Olaf Schultze (Hg.): Lexikon der Politikwissenschaft, Band 1, A-M: Theorien, Methoden, Begriffe. S. 227, 4. Auflage, München 2010.

«Seit Mitte 19. Jh. als zentraler Begriff der Geschichtswissenschaft/Völkerkunde in der Bed. ‹zu einer durch gemeinsame historische, religiöse, kulturelle, sprachliche, politische und soziale Merkmale geprägte, verstreut oder zusammenlebende größere Menschengruppe, Volksgemeinschaft gehörend, diese betreffend, dadurch bedingt, charakterisiert› […].»
Hans Schulz, Otto Basler: Deutsches Fremdwörterbuch, Band 5. S. 289, Berlin 1974.

Im Gegensatz zur Ethnie, bildet die Rasse eine «Bevölkerungsgruppe mit bestimmten gemeinsamen biologischen Merkmalen» (Duden online, Stichwort:«die Rasse», zuletzt abgerufen am 25.12.«2012»). Im krassen Gegensatz zum heutigen Nationalmodell des Nationalismus, der das («reine») Blut, die Gene und die Staatsbürgerschaft in den Vordergrund stellt und ihnen eine beinahe sakrale Bedeutung zukommen lässt, drückt in einer Kultur wie dem Hellenentum das Ethos die Kultur- und Volkszugehörigkeit aus, zumal die Ethnien nicht mit Nationalstaaten identifiziert werden können.
Viele ethnische Hellenen betonen immer wieder, dass die Weltanschauung des Hellenismos in keinster Weise am «griechischen» Nationalstaat gebunden ist.
Nicht die Staatsbürgerschaft ist entscheidend, sondern der Ethnismus. Auf
Paideia und Arete wird großen Wert gelegt, nicht auf das Erbgut. Die Gene bestimmen nicht den Charakter eines Volkes und sind auch kein Träger von Ethnismus, Ethos oder Arete.
Dem hellenischen Menschen liegen keine besonderen Körperflüssigkeiten zugrunde, sondern ein spezifisches individuelles und kollektives Verhalten. Nicht von ungefähr war z.B. Thales ein Hellene, obgleich seine Eltern Phönizier gewesen sind (Diogenes Laertios, 1, 22).

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Die Rückkehr zum Hellenismos bringt es mit sich, die engen Vorstellungen des Nationalismus zu Staat, Nation und nationaler Identität über Bord zu werfen, weil sie das indigene Verständnis von der Ethnie erschweren, ja geradezu verhindern und dazu noch ein von Außenstehenden konzipiertes Modell vermitteln. Jedoch muss man sich von Fremdes distanzieren, um zum Eigenen zu finden. Der Nationalismus ist ein fremdes und paradoxes Modell «nationalen Bewusstseins». Das Hellenentum hatte sein eigenes. So gesehen, ist die bewusste Differenzierung zwischen Hellenen und Romäern eine logische Konsequenz der Rückkehr zur hellenischen Tradition. Sinn und Zweck der Rehellenisierung ist schließlich die Aufgabe der semantischen Welt, die den Hellenen aufgezwungen wurde und die Wiederaneignung hellenischer Weltanschauung und Denkweise, wie von Kaiser Julian einst unter anderen Bedingungen vorgemacht.
Auf die Grenze zwischen den beiden Identitäten, der hellenischen und romäischen, wurde auch nach dem Fall von Byzanz großes Gewicht gelegt. «Das Patriarchat wandte sich dezidiert gegen jene Hellenisierungstendenzen, die ein neues Identitätsmodell zum Nachteil des christlich-orthodoxen propagiert hatten. Es gab also eine unübersehbare Spannung zwischen diesen beiden Identitätsentwürfen, die aus der Debatte um die altgriechische Namensgebung an orthodoxe Kinder erkennbar ist […], die das Patriarchat von Konstantinopel 1819 offiziell verurteilte» István Keul:
Religion, Ethnie, Nation und die Aushandlung von Identität(en): Regionale Religionsgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa. S. 81, Berlin 2005.

So wandte sich auch der «apostelgleiche» orthodoxe Mönch Kosmas von Aitolien (1714-1779), der heute noch hohes Ansehen im orthodoxen Christentum genießt, mit folgenden Worten an seine Glaubensbrüder: «Ihr seid keine Hellenen, keine gottlosen Menschen, sondern fromme Christen!» (nach Kakridis, S. 9-10). Die Eigenbezeichnung der Romäer veränderte sich erst im Laufe der Zeit, vor allem aus politischen Gründen. Trotz allem wurde zwischen der hellenischen und der christlich-orthodoxen Identität strikt unterschieden. Indes konnten manche Romäer, Keul führt Johannes von Damaskus als Beispiel an, in der griechischen Sprache und Philosophie versiert sein,

«ohne dass man sie ethnisch als Griechen bezeichnen dürfte. Die Byzantiner verstanden sich bekanntlich nicht als Hellenen/Griechen, sondern einfach als Romaioi (Rhomäer) […]. Der Begriff ‹Hellene› … war damals meistens negativ gefärbt (als Synonym für Heide); eine Anklage wegen Hellenismus galt in orthodox-kirchlichen Kreisen sogar als Häresie … [Der] Zerfall des … Byzantinischen Reiches … zur Entstehung von Regionen, in denen ausschließlich griechisch gesprochen wurde. Begleitet wurde dieser Prozess im ausgehenden Byzanz von Versuchen einer Revitalisierung der griechischen Antike und eines hellenischen Bewusstseins einschließlich der altgriechischen Religion. Verbunden sind diese mit dem Namen Georgios Gemistos-Plethon (ca. 1360-1452). Die Orthodoxie … wollte die Grenze zu den alten Hellenen aufrechterhalten. Sie beharrte auf der Selbstbezeichnung ‹Rhomäer› … Der Begriff ‹Hellene› wurde dann in einem sehr bestimmten Sinn verwendet (aufgrund der allgemein benutzten griechischen Sprache usw.) … Dies machte Georgios Scholarios … deutlich. Was die Sprache angehe, sei er natürlich Grieche, doch sei seine ganze Ausrichtung überhaupt nicht die griechische, sondern die christliche, deshalb nenne er sich Christ und nicht Hellene.»
István Keul: Religion, Ethnie, Nation und die Aushandlung von Identität(en): Regionale Religionsgeschichte in Ostmittel- und Südosteuropa. S. 77-79, Berlin 2005.

Diese Fakten sind der Mehrheit heute noch relativ unbekannt und den jungen Menschen dürfte der Begriff «Romiosini» nicht mehr viel bedeuten, auch wenn sie sich mit dem Terminus «christliches Hellenentum» – meist unbewusst – auf sie beziehen. Um Irritationen zu vermeiden und sich gegenüber der Romiosini abzugrenzen, aber auch die ureigene hellenische Identität in den Vordergrund zu stellen, führten die Hellenen die Bezeichnung des «Ethnikers» wieder ein. Denn ihre Absicht besteht ja nicht in der Definition der Romiosini, sondern in ihrer Alterität, Differentiation und Eigenständigkeit wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Die Bezeichnung ethnikoí Héllenes («ethnische Hellenen») ist sinnverwandt mit Héllenes Ethnikoí («hellenische Ethniker»), wobei letztere häufiger Anwendung findet.

«Ethniker – Das Griechische Wort Ethniker bedeutet eigentlich zum Volk gehörig. Im Neuen Testament kommt es bloß zweimal bei Mathäus vor (6, 7. 18, 17.), zur Bezeichnung von solchen, die sich weder zur jüdischen noch christlichen Religion bekennen. Ethniker in der lateinischen Überlieferung find dann bloß gentiles, und es fragt sich, ob man pagani und im Teutschen Heiden dafür gebrauchen dürfe. Als das Christentum Staatsreligion geworden war, und die Tempel und Bilder der alten Götter in den Städten nicht mehr geduldet wurden, flohen deren treue Anhänger auf das Land, und erhielten von den Dörfern (pagi), wo sie ihre alten Gottesdienste fortsetzten, den Namen pagani, Dörfler, wovon der teutsche Name Heiden eine bloße Überlieferung ist. […] Vor dem Jahr 365 kann dieser Ausdruck nicht vorkommen.»
Christoph Martin Wieland, Johann Gottfried Gruber: Sämmtliche Werke: Philosophische und kulturhistorische Werke, Band 6. S. 439-440, Göschen 1825.

Der Ethnismus wird oftmals auf seinen religiösen Aspekt reduziert. Dieses Stück Identität wird gemeinhin mit der pejorativen Bezeichnung «Paganismus» bestimmt. Indes ist der hellenische Polytheismus nicht «pagan», er wurde in den hellenischen Stadt-Staaten (Poleis) ausgeformt und verdankt ihnen seinen Charakter. Die Ethniker bekennen sich als solche zum «väterlichen» Wertesystem, in diesem Kontext wären das dann die «Aretai». Ethnischer Hellene sein, heißt Hellene «dem Ethos und der Weltanschauung nach» zu sein (Rassias). Die heutigen ethnischen Hellenen folgen der Tradition, die von der hellenischen Ethnie selbst abstammt und die durch selbsttragende Prozesse zustande kam.

https://hellenismosheute.files.wordpress.com/2013/07/cf86ceb8ceb9cebdcebfcf80cf89cf81ceb9cebdceae-ceb9cf83ceb7cebcceb5cf81ceafceb1-5.jpg?w=640&h=480
(Alljährliche Hommage zu Ehren der Krieger, die in der Schlacht bei Marathon für die Heimat gefallen sind. Athen, «2012». Quelle: YSEE)

Zudem ist ihr «Bekenntnis» zum Hellenismos eine dezidierte Absage an Romiosini und orthodoxer Kirche, die in Griechenland als selbstverständliche Fortsetzung der hellenischen Kultur verstanden und im Ausland als solche akzeptiert sein will («Es gibt kein Hellenentum außerhalb der Orthodoxie»), von den ethnischen Hellenen aber als «Fremdherrschaft», «Besatzerin» wahrgenommen wird, der sie das Hellenentum als Alternative gegenüberstellen. Die Gründe für diese Haltung sind vielfältig; einerseits sind sie dem kulturellen Genozid der Hellenen durch das Oströmische Reich, andererseits aktuellen Zwistigkeiten geschuldet, die wiederum aus den Verbrechen der Vergangenheit gespeist werden, zumal in Griechenland die Verunglimpfung und Abwertung der «Götzendiener», des «Götzendienstes» nie eingestellt wurde. In einer Erklärung des YSEE, aus der die Anthropologin Dr. Evgenia Fotiou zitiert, heißt es: «wir befinden uns unter kultureller Besatzung, welche vor 22 Jahrhunderten mit dem Römischen Reich begann, vor 16 Jahrhunderten mit der gewaltsamen und blutigen Auferlegung des römischen Christentums gefestigt wurde und die sich bis heute fortsetzt». Fotiou erklärt: «Ein ethnographisches Beispiel, das dies veranschaulicht, ist, dass im Anschluss an die Zeremonie zur Sommersonnenwende, die ich 2013 beobachtet habe, die Teilnehmer sich gegenseitig gewünscht haben, nächstes Jahr frei zu sein (‹Και του χρόνου λεύτεροι›).» (Evgenia Fotiou, «We are the Indians of Greece»: Indigeneity and Religious Revitalization in modern Greece, CrossCurrents, Juni 2014, S. 220).

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Der YSEE arbeitet schrittweise auf die Renaissance des hellenischen Menschen und seiner Lebensweise hin, schließlich beschränkt er sich ja nicht auf einzelne Segmente des Hellenentums, wie z.B. die «Religion» oder «Philosophie»; seine Aufgabe, aber auch die der andren hellenischen Verbände, besteht in der vollständigen Restauration der hellenischen Kultur auf der Grundlage des stoischen Humanismus und der plethonischen Tugendhierarchie. Restauration bedeutet Wiederherstellung der Weltanschauung, der «Religion», des Brauchtums, in erster Linie aber der «mentalen Landschaft» der Hellenen.

Demnach ist die Rehellenisierung keine rein religiöse Angelegenheit, sondern die holistische Entwurf einer Restauration der ethnischen Identität. Dabei ist jedes «Stück» Hellenentum zu berücksichtigen, das überliefert ist, denn das Christentum hat von der hellenischen Kultur wenig übrig gelassen.

«Fast überall werden die herrlichsten Adoratorien des Heidentums zerstört, kostbare Bauwerke eingeäschert, geschleift, nicht zuletzt in Rom, wo man die Tempelreste als Steinbrüche benutzt, noch im 10. Jahrhundert haufenweise herumliegende Bildsäulen, Architrave, Gemälde zertrümmert, schöne Sarkophage als Waschwannen oder Schweinetröge gebraucht.»
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums Band 1, Die Frühzeit: Von den Ursprüngen im Alten Testament bis zum Tod des hl. Augustinus (430). S. 26, 6. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2006.

Der YSEE organisiert seit vielen Jahren Vorträge, Reden und Gesprächsabende über die Geschichte, die philosophischen Schulen, über die Mythologie und die Götter des Hellenentums, und auch über andere relevante ethnologische und historische Themen (z.B. über die Geschichte des «American Indian Movement»). Die Vorträge werden in der ihm nahe stehenden philosophischen Einrichtung «Hekatevolos» (Athen) gehalten.

Der satzungsmäßige Zweck des Hekatevolos besteht in der «moralischen Unterstützung und Wiederherstellung des Hellenentums, mit dem keine moderne Staatsbürgerschaft oder eine gewöhnliche nationale Kontinuität gemeint ist, sondern eine kohärente Weltanschauung und ein aus ihr hervorgehendes Wertesystem, das in allen Bereichen des Lebens verwirklicht werden kann; […] ein Hellenentum», welches allen «gesitteten und zivilisierten Menschen» von überall auf der Welt offen steht.

Das Hellenentum ist demzufolge eine formulierte Alternative zum Abendland, Orient und zur Romiosini und ihren «Nebenprodukten», religiösen Bewegungen und Ideologien. Eine Lebensweise. Er ist keine ausschließlich religiöse Angelegenheit. Unter den Hellenen gibt es auch Agnostiker, obwohl die meisten Hellenen, sofern philosophisch interessiert, entweder zur platonischen oder stoischen Schule gehören.
Der YSEE organisiert «frei zugängliche, öffentliche Riten an heiligen Plätzen der Vorfahren in ganz Griechenland». Zudem hat er sich dem neugriechischen Staat offiziell vorgestellt («2006») und von ihm die Einstufung der eingeborenen hellenischen Tradition als Körperschaft des öffentlichen Rechts gefordert.

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Fundamentalisten und Extremisten haben sich mehrmals gegen eine solche Anerkennung ausgesprochen. Diese und andere Ereignisse (Diskriminierung; Verleumdungen als «Satanisten» und «Neuheiden», Brandstiftungen, Morddrohungen) haben die Fronten zwischen der Kirche und der hellenischen Gemeinde in den letzten Jahren extrem verhärtet. Die häufigen Konflikte und Auseinandersetzungen, «ein regelrechter Krieg zwischen den Christen und den Anhängern der väterlichen Religion ausgebrochen» (Journalist Minas Papageorgiou), werden zum großen Teil online ausgetragen.

Die hellenische Gemeinschaft ist inhomogen, was man ihr auch im politischen Bereich ansehen kann. Die «Politik» («Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten») ist ein fundamentaler Aspekt hellenischer Identität und von außerordentlicher Bedeutung für das hellenische Selbstverständnis, zumal der politische Mensch ein hellenisches Geschöpf ist. Die allermeisten Hellenen sind Demokraten, manche zeigen eine Nähe zum Anarchismus («Herrschaftslosigkeit») oder bekennen sich zur platonischen Aristokratie. Ihre ökologische und anti-totalitäre Gesinnung fällt besonders ins Auge. Des Weiteren ist eine deutliche Ablehnung des Parlamentarismus, der Oligarchie, des Kapitalismus sowie des Leninismus erkennbar.
Der YSEE wurde in der griechischen Lokalzeitung «Kolonaki-Press» sogar «antifaschistisch» genannt, was sicherlich zutreffend ist. Außerdem besteht bei den meisten Mitgliedern des YSEE eine fast ausschließlich positive Haltung zur Französischen Revolution, die er als die «Phase der Rückkehr des politischen Menschen, der Demokratie und der Idee der Heimat» bezeichnet. Vlassis G. Rassias schrieb ein Buch und viele Artikel über die Französische Revolution.
In sozioökonomischer Hinsicht können die meisten ethnischen Hellenen sicherlich als «Frühsozialisten» bezeichnet werden. (Plethon und Menard waren Sozialisten.)

Die weltfremden Vorwürfe mancher Kleriker und Intellektueller, die Ethniker würden mit den Neonazis paktieren, eine «gemeinsame Ideologie» mit ihnen teilen, dienten wohl eher dem Zweck, von Problemen «im eigenen Hause» abzulenken. Denn Hellenismos und Nationalismus stammen aus zwei verschiedenen Welten.
Die Unterschiede machen sich vor allem in der Wahrnehmung der «Ethnie», des Volkes und seiner Identität bemerkbar, im Erkennen und Anerkennen dessen, was hellenisch ist und zum Hellenentum gehört (von hellenischer Seite kulturell, nicht ideologisch verstanden). Bedeutet z.B. «Nationalbewusstsein» bei den Nationalisten Identifikation mit dem «griechischen» Nationalstaat, ist die Ethnie für die Hellenen niemals mit einem Nationalstaat identisch. Auch im politischen Denken kristallisierten sich unlösbare Differenzen heraus; während der «hellenische» Nationalismus sich als Gegner der Globalisierung oder als «Erneuerer des Volkes» versteht, sieht der YSEE im Nationalismus den «Zwillingsbruder der Globalisierung», nennt Nationalismus und Internationalismus «künstliche Dipole», und betrachtet diesen auf Grund seines Homogenisierungsbestrebens als eine Gefahr für die Freiheit, Entfaltung und natürliche Lebensweise der Ethnien. Eine «naturgestiftete Vielfalt», so der YSEE, ist für alle Kulturvölker charakteristisch. Die Pluralität in der Ethnosphäre steht hier in Analogie zur Vielfalt in der Biosphäre. Nicht der natürliche Pluralismus ist «krank», wie manche behaupten, sondern Personen oder Gruppen, die die echte Natur durch eine neue, «erfundene» und die gültige, physische Wirklichkeit durch eine ideologische ersetzen möchten. Die Wirklichkeit wird verachtet, folglich ist der Nationalismus unnatürlich.
Der Hellenismos sieht es als die Aufgabe «aller geistig gesunden Menschen» an, den naturgegeben Pluralismus zu verteidigen und sich allen Systemen in den Weg zu stellen, die die Pluralität, die Vielfalt unter und innerhalb der Ethnien abschaffen wollen.

Die hellenische Religion bekennt sich zu keiner Partei noch hält sie irgendwelchen Ideologien die Treue. Die griechische Kultur gehört keiner Ideologie, keiner Partei, keinem modernen Nationalstaat. Die ethnischen Hellenen machen klar, dass sie immer zur Stelle sein werden, wenn ihre Symbole, ihre Geschichte und ihre Weltanschauung politisch missbraucht wird.

Der Hellenismos ist und bleibt eine selbstständige Kulturtradition, die allen Menschen offen steht. Die in Briefen und Pressemitteilungen hellenischer Organisationen an Presse und Staat zum Ausdruck gebrachten soziopolitischen Positionen (die Forderung nach Religionsfreiheit, Demokratie, Gleichheit vor dem Gesetz und Redefreiheit etc.) sind unabhängig von bestehenden politischen Parteien und Ideologien verfasst worden.

Wie die politische Haltung selbst, wird auch die Philosophie durch – keinesfalls endlose – Vielfalt ausgezeichnet. In der hellenischen Gemeinschaft werden alle philosophischen Schulen und Richtungen (vom Hylozoismus und Panpsychismus bis zum Pyrrhonismus) geachtet und geschätzt. Zwar ist eine Bevorzugung des Platonismus zu verzeichnen, doch liegt dies einerseits in dessen spätantiken Funktion als Bewahrer und Verteidiger der hellenischen Tradition begründet, andererseits in der Fülle seiner überlieferten Schriften.

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Als wichtigstes Organ der hellenischen Gemeinde liegt es am YSEE, das Profil der Hellenen nach außen hin zu schärfen und ihnen in öffentlichen und «politischen» Debatten eine Stimme zu geben. Auf diese Weise ist es ihm gelungen, dem besonderen, soziopolitischen Charakter des Hellenismos Rechnung zu tragen. Seine Aufgabe erschöpft sich nicht darin, Einsprüche zu erheben, Demonstrationen zu planen, an Regierungen, Ministerien, Parteien, Menschenrechtsorganisationen, Medien etc. zu schreiben, Pressemitteilungen zu verschicken oder Artikel zu verfassen, sondern Freiraum für hellenische Kultur und Lebensweise zu schaffen. Insbesondere sind seine Beiträge auf dieser soziopolitischen Ebene zu würdigen, ohne jedoch den falschen Eindruck entstehen zu lassen, dass er das einzige hellenische Kollektiv ist.
Der YSEE hängt keinem romantischen Archaismus nach, noch strebt er eine Rückkehr zu den sozioökonomischen Zuständen der Antike an, denn sein Ziel ist nicht die Rückkehr in die Vergangenheit, in irgend eine «Zeit», sondern die Heimkehr zum Hellenentum, zum Ethnismus der Hellenen. Zwar sind die ethnischen Hellenen Traditionalisten im weitesten Sinn des Wortes, doch gilt der Kampf ihrer Kollektive nicht der «Zeit» oder dem Fortschritt. Sicherlich ist der YSEE nicht modern, geht nicht mit der Zeit, lebt aber in ihr. Genau das sichert dem Hellenismos sein Überleben: seine unverkrampfte Anpassung an aktuelle gesellschaftliche Rahmen; eine Anpassung die nur so weit reicht, wie es für das Überleben des Hellenismos notwendig ist.

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Es gibt keinen Grund in die Antike zurückzukehren, denn hellenische Ethniker hat es auch nach dem Ende der Antike gegeben. Georgios Gemistos Plethon (1355-1452), Michael Marullus Tarchaniota (1554-1500) und, nach eigenen Angaben, der Folklorist Nikolaos Politis (1852-1921) sind Hellenen gewesen.

«Aus Liebe und aus Überzeugung bin ich auch in meinen religiösen Anschauungen ein Hellene.»
Nikolaos Politis, zitiert nach Alexis Politis: Romantische Jahre: Ideologien und Haltungen in Griechenland von 1830-1880. Vlg.: Εταιρεία Μελέτης Νέου Ελληνισμού, Athen 2003, Sprache: Griechisch (Hinweis und Zitat verdanke ich einem in Griechenland lebenden ethnischen Hellenen.)

Plethon, sein Schüler Juvenalius, der den Foltertod starb, und Marullus waren nicht allein. Gemäß Konstantinos Sathas formierte sich im Untergrund eine ganze Organisation, die für nur ein Ziel kämpfte: die Wiederherstellung des Hellenentums («Attische Gesellschaft»). Manche seiner Mitglieder, vornehmlich Söldner (Stratioten), gaben ihrer Hellenizität einen christlichen Anschein, so verehrten sie Helios in Gestalt des christlichen Heiligen Georgios. Jedoch konnte die Attische Gesellschaft ihr Ziel nicht verwirklichen. Sie löste sich auf und hinterließ kaum Spuren. Die Vision einer Wiederbelebung des Hellenentums sollte viele Jahrhunderte später wieder Feuer fangen. Im Rahmen der kurzweiligen Franzosenherrschaft auf den Ionischen Inseln (1797/8-1799), wurde von seitens der hellenischen Jakobiner die Abschaffung des christlichen Regimes und die Einführung des Sozialismus, der Demokratie und der «alten Religion» angestrengt (Vlassis G. Rassias: Ιακωβίνοι, «Λέσχη των Ιακωβίνων», mit Verweis auf Jovanovic S. 56, Goldstein und Kitromilidis, in Rassias: «Κείμενα», zuletzt abgerufen am 28.8.«2015»). (Hierdurch erklärt sich die positive Haltung vieler Hellenen zur Französischen Revolution, insbesondere zu den Jakobinern.) Doch wie die Bemühungen und partiellen Erfolge der Jakobiner, fand auch der im Dorf Eleusis bei Athen bis ins Jahr 1801 andauernde Kult der Demeter, die in den Märchen als heilige Frau erscheint, die nach ihrer entführten Tochter Aphrodite sucht, ein gewaltsames Ende (John Cuthbert Lawson: Modern Greek Folklore and Ancient Greek Religion, S. 79-80, Cambridge 1910), indes bezeugen beide eine eigentümliche Kontinuität hellenischer Tradition.

«Noch im 19. Jahrhundert glitten schwangere Athenerinnen einen Felsen beim Aeropag hinab, indem sie Diana anriefen.»
Gisela Graichen: Das Kultplatz Buch: Ein Führer zu den alten Opferplätzen, Heiligtümern und Kultstätten in Deutschland. S. 74, Hamburg 1990.

Offenbar ist dieser «stille Fluss» nicht mit Plethons Ableben versiegt, statt dessen strömte er im Untergrund an den Jahrhunderten vorbei. Insofern bleibt das Auge des Beobachters zu oft an der klassischen Zeit hängen, und vernachlässigt dabei sträflich die Neuzeit, die gemeinsam mit der ausgehenden Spätantike doch den Anknüpfungspunkt des heutigen Hellenismos darstellt. Hier knüpfen die Hellenen an, nehmen an dieser Stelle «den Faden» auf, so muss die Suche nach den Anfängen des neueren Hellenismos auch hier beginnen.

Fernab vom Vaterland, fand der Hellenismos in Frankreich eine zweite Heimat. Louis Menard, französischer Autor und Sozialist, Historiker und Entdecker des Kollodiums, blieb bis zu seinem Tod ein hellenischer Polytheist, «Verehrer der olympischen Götter» (Vlassis G. Rassias, in: Vorwort zur griechischen Ausgabe von Rêveries d’un paien mystique, S. 7, Athen 1999). Menard gehörte zu den Menschen, die hinter den Schleier der Mythen geschaut, die Lebensweise hinter den hehren Gestalten erblickten.

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In seinen «Pressemitteilungen» klärt der Oberste Rat die Öffentlichkeit bezüglich der Religion und Weltanschauung der Hellenen auf, indem er Fragen beantwortet, die hellenischen Ethnikern häufig in Griechenland gestellt werden. Er scheut sich nicht, seinen «Sehepunkt», seine Positionen offenzulegen und Antworten auf hartnäckige Ressentiments, Vorhaltungen, vermeintlich «peinliche» Fragen, Ridikülisierungen und «Selbstverständlichkeiten» zu geben, die mitunter noch großen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben. Dabei tritt er selbstbewusst auf und bedient sich einer spitzen und harschen Sprache, die für ihn typisch ist, schreckt auch vor Konfrontationen und Auseinandersetzungen mit dem Staat oder der Kirche nicht zurück. Fotiou resümiert: «Auch wenn ihre Ausdrucksweise gegenüber der orthodoxen Kirche und dem griechischen Staat bisweilen harsch ausfällt, kann argumentiert werden, dass diese Sprechhaltung die Ungerechtigkeit, Verspottung und Irrationalität widerspiegelt und mitunter zurückgibt, der sie durch den griechischen Staat und der griechischen Gesellschaft allgemein ausgesetzt wurden. In der Vergangenheit wurden Mitglieder oder Verbündete des YSEE zum Beispiel Opfer von Gewalttätigkeiten seitens mutmaßlich namenloser Gegner, dazu gehört auch die Brandstiftung einer pagan-freundlichen Buchhandlung in den 1990er Jahren. Dennoch befürworten sie keine Gewalt, sondern plädieren für einen religiösen Pluralismus.» (a.a.O., S. 227)

Ungeachtet der Vielzahl an «Antworten» und Erörterungen, sollte sich der Leser nicht zum Eindruck verleiten lassen, der YSEE würde für alle ethnischen Hellenen sprechen. Die autochthone hellenische Tradition kennt weder Oberhaupt noch religiöse «Führer» oder «Lehrer». Abgesehen von den religiösen und weltanschaulichen Antworten – über die man sich nicht streiten kann, denn entweder sind sie kulturhistorisch korrekt oder eben nicht –, können hellenische Ethniker auf verschiedene Probleme des menschlichen Lebens sehr wohl unterschiedlicher Meinung sein; die Inhomogenität des Hellenismos kann nicht von der Hand gewiesen werden.

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In seinen Artikeln begegnet einem oft der Begriff «Ethnische Hellenische Religion» (EHR); diese, der «Hellenismos» und die «Religion der Hellenen» sind Bezeichnungen, die der religiösen Tradition des Hellenentums am ehesten gerecht werden. Während andere die Bezeichnung EHR ablehnen und dem YSEE auf die Finger schauen, besteht letzterer hartnäckig darauf. Der Hellenismos ist keine Religion im heutigen Sinn des Wortes, doch wird er «Religion» genannt, auf dass sich die Hellenen verständlich machen und ihr Anliegen kommunizieren können. Die alten Hellenen kannten den «Glauben» nicht, «‹glaubten› nicht im christlichen Sinne an die Götter […].» Friedrich Wilhelm Korff: Vorwort zum Wahren Wort des Celsus, in: Celsus, Th. Keim (Übers.): Gegen die Christen. S. 10, München 1984.

In seinem Nachwort zu Platons Apologie des Sokrates erläutert Manfred Fuhrmann diesen Punkt: «In dem Hauptvorwurf, der eigentlichen Asebie-Anklage, verwendet das griechische Original für ‹anerkennen› das Wort νομίζειν ‹in Brauch haben, an etwas festhalten›. Man hat diesen Ausdruck oft mißverstanden und durch ‹glauben› wiedergegeben – Sokrates verstoße gegen das Recht, indem er nicht an die staatlichen Götter glaube» (Manfred Fuhrmann, Platon: Apologie des Sokrates. Griechisch/Deutsch. S. 100, Ditzingen 1986). Diesem Missverständnis entspringen Sätze wie: «Die Hellenen glaubten an Mythen» oder «Die griechischen Götter sind Mythen». So gehört die Übersetzung der hellenischen Religion mit «Glaube» oder ihre Verwechslung mit der Mythologie immer noch zur «Allgemeinbildung».

Der hellenische Polytheismus ist zwar an die Vorstellungen der griechischen Kultur, an ihre Mentalität gebunden, kommt aber wunderbar ohne Glaubensbekenntnisse zurecht, denn im traditionellen Polytheismus dreht sich alles um die Orthopraxie («richtige Praxis»), will heißen traditionstreu oder «nach der Sitte der Väter» zu praktizieren, Götter und Heroen zu ehren und die Riten einzuhalten (Martin P. Nilsson: Griechischer Glaube. S. 13, Bern 1950). Die Orthopraxie festigte die Ordnung in den Poleis, gehörte selber zur gesellschaftlichen Ordnung und versprach auch in Krisenzeiten Stabilität und Halt, so geschehen bei den Athenern nach ihrer Niederlage im Peloponnesischen Krieg. Im Ritualismus findet die hellenische Pietät ihren vollkommensten Ausdruck.

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Der «Hellenismos» ist heute die meist gebrauchte, verständliche und mit Abstand charakteristischste Bezeichnung für die eingeborene hellenischen Tradition. Er ist jedoch kein Neologismus. «In der Antike bezeichnete er die Beherrschung der griechischen Sprache, darüber hinaus auch die Aneignung griechischer Kultur und Religion. In diesem letzteren Sinne wurde der Begriff von denjenigen negativ verwendet, die Polytheismus, den ‹Götzendienst›, der Griechen ablehnten, zunächst von Juden, später von den Christen» (Heinz Heinen: Geschichte des Hellenismus: Von Alexander bis Kleopatra. S. 9, München 2003). Aber erst mit Kaiser Julian wurde der «Hellenismos» zum offiziellen Namen der hellenischen Tradition. Julian gab der hellenischen Tradition diesen Namen, spezifizierte somit den Begriff selbst, weil der Hellenismos «die gesamte vom Griechentum geprägte Bildung und Kultur, auch die ethischen und staatspolitischen Vorstellungen» umfasst (M. Giebel: Kaiser Julian Apostata: Die Wiederkehr der alten Götter. S. 8, Düsseldorf 2006). Er ist also weder «Glaube» noch ausschließlich «Religion».

Im heutigen Griechenland konnte der Hellenismos sich nicht als Name der eingeborenen hellenischen Tradition durchsetzen, im Gegensatz dazu hat er sich im deutsch- und englischsprachigen Raum bereits als offizieller Name der hellenischen Tradition etabliert. In Neugriechenland bezeichnet der «Hellenismos» nicht nur die romäische Geschichte und Kultur, sondern auch die «griechischen» Staatsbürger und Affären des «griechischen» Staates, wird vom Volk sogar mit der Orthodoxie assoziiert, weil sie den Kern der romäischen, als «griechisch» ausgegeben, Identität ausmacht. So wird gelegentlich unter «hellenischer Religion» die christlich-orthodoxe geführt. Ein weiterer Grund, der den Terminus «ethnisches Hellenentum» (ethnikos Hellenismos) notwendig machte. Und ein weiterer Grund für den YSEE, auf den Begriff der EHR zu beharren.
Der Sekretär des YSEE erklärt, was man sich unter dem Begriff «Ethnische Hellenische Religion» vorzustellen hat. Dies ist von Bedeutung für das Verständnis der hellenischen Kultur. Denn die indigene hellenische Religion ist vielmehr, als der Begriff zunächst vermuten lässt.

«Mit dem Begriff ‹ethnische hellenische Religion› wird die Summe der ‹Nomizómena› [Anm. d. Übrs.: der tradierten bzw. überlieferten Sitten und Anschauungen] der ethnischen (nicht-christlichen) Griechen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, über den Kosmos, die Götter, die Natur, die Tiere und die Menschen gemeint. Die ethnische hellenische Religion ist eine polytheistische, indigene, organische und allen voran eine natürliche Religion. Sie wurde nicht von einem oder mehreren Menschen, ‹Propheten› oder ‹Gottmenschen› gegründet. Es handelt sich bei ihr um eine anfangs- und endlose geistige ‹Koevolution› des biologischen, sozialen, politischen und kulturellen Wesens, das unter dem Begriff der griechischen Ethnie bekannt ist.«
Vlassis G. Rassias: Unterschiede zwischen der ethnischen hellenischen Religion und dem Christentum, in: Rassias (Artikel), zuletzt abgerufen: 15.2.«2012», griechisch.

In der Encyclopædia Britannica wird die hellenische Religion folgendermaßen definiert.

«Griechische Religion: die religiösen Anschauungen und Praktiken der antiken Hellenen. Die griechische Religion ist nicht identisch mit der griechischen Mythologie, welche von traditionellen Erzählungen handelt, jedoch sind beide eng miteinander verknüpft. Merkwürdigerweise hatten die Griechen, für ein so religiös gesinntes Volk, kein Wort für die Religion selbst; die naheliegendsten Begriffe waren eusebeia (‹Pietät›) und threskeia (‹Kult›).»
Encyclopædia Britannica Online, Stichwort: «Greek religion» (zuletzt abgerufen am 24. Januar «2013»), englisch.

Die verschiedenen Bezeichnungen wie «EHR», «Hellenischer Polytheismus», «hellenische Religion», «Hellenismos» etc., sollten die Leser nicht irritieren, denn es sind Synonyme und daher auswechselbar. Im christlichen Neugriechenland ist die hellenische Tradition den meisten als «Dodekatheismus» («Religion der zwölf Götter») bekannt und die ethnischen Hellenen werden dort meistens, auch in den Medien, mit den scheinbar neutralen, pejorativen Bezeichnungen «Götzendiener» und «Dodekatheisten» bestimmt, die – wie im Falle des «Paganismus» – die Hellenen auf ihre (falsch verstandene) Religion und die hellenische Ethnie zu einer «Glaubensgemeinschaft» reduziert, weshalb der «Dodekatheismus» von den Hellenen nur als Adjektiv, aber nicht als Substantiv akzeptiert werden kann.

Mit dem Begriff «Hellenismos» meinen die Hellenen ausschließlich das reale, historische Hellenentum, welches nicht von neuzeitlichen Ideologien und Nationalstaaten entworfen, sondern von der hellenischen Ethnie in Zeit und Raum getragen wurde. Der «Hellenismos» ist summa summarum die historische und dokumentierte hellenische Kultur. Alles andere, ob neuere religiöse Bewegungen wie auch Ideologien, betrifft und interessiert ihn auch nicht.

Der YSEE, die ethnischen Hellenen und der Hellenismos (PDF)

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