Louis Ménard: Religionen und soziopolitische Strukturen

Louis Ménard: Religionen und soziopolitische Strukturen, in: diipetes (Artikel), zuletzt abgerufen am 29.03.«2016». Übersetzt von Stilian K. Ariston.

LOUISMENARD[1]

Die Vielfalt menschlicher Völker hat die Vielfalt der Religionen und Sprachen zur Folge. Linguisten haben die Sprachen in Familien klassifiziert. In gleicher Weise könnten wir auch Religionsfamilien unterscheiden, die den Völkerfamilien entsprechen würden. Die primäre Enthüllung, will heißen der erste Eindruck, den die Gesamtheit der Wesen auf der menschlichen Psyche hinterlässt, wird jedes Mal, abhängig vom besonderen Verständnis einer jeden Ethnie, in einer anderen Weise interpretiert. Jemand kann das Universum als einen Mechanismus, einen Organismus oder als eine Symphonie auffassen. Die drei großen Religionsformen der Antike stimmten mit diesen drei unterschiedlichen Arten von Weltanschauung überein. Der Monotheismus sieht in der Natur die Erscheinung eines äußeren Willens. Der Pantheismus stellt sie sich als eine lebendige Einheit vor, welche das antreibende Prinzip ihrer selbst in sich selber trägt. Der Polytheismus erblickt in der Natur eine Gesamtheit unabhängiger Kräfte, deren kombinierte Aktivität allerdings die universelle Harmonie hervorbringt.

Wie die Wirklichkeit das Ideal spiegelt, gestalten sich die Gesellschaften nach derselben Weise wie ihre Mitglieder die kosmische Ordnung begreifen. Die monistischen Religionen kongruieren mit den verschiedenen Formen der Autarchie, die Monarchie mit dem Monotheismus und die Priesterkasten mit dem Pantheismus. Der Polytheismus auf der andren Seite, dessen Prinzip in der Vielfachheit der ersten Ursachen besteht, findet seine soziale Manifestation in der Demokratie.

Die ursprüngliche Religion der arischen Familie* ist der Polytheismus. Im Laufe der Jahrhunderte bildeten sich zwischen den Mitgliedern dieser Familie jedoch Unterschiede heraus, wohingegen die religiösen Reformen immer Spiegelbilder der Revisionen in der religiösen Betrachtung gewesen sind. Die Kasten in Indien wurden zu der Zeit institutionalisiert, als der vedische Polytheismus von der komplexen Einheit des brahmanischen Pantheismus absorbiert wurde. Der iranische Dualismus, nichts anderes als eine weitere Version des Monotheismus, entspricht der persischen Timar-Monarchie.

Nur die Griechen und Römer hielten dezidiert am authentischen Polytheismus fest und pflegten die demokratischen Institutionen während der gesamten Glanzzeit ihrer Geschichte. Erst in der Zeit des Niedergangs ist es den monistischen Lehren gelungen, in der Politik wie auch in der Religion Fuß zu fassen.

(Aus dem Buch «Du Polythéisme hellénique», Paris: Charpentier, 1863)

*: die Mitglieder der indoiranischen Sprachfamilie heißen Arier.

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