Walter F. Otto, Die Wirklichkeit der Götter

Rezension zu: Walter F. Otto, Die Wirklichkeit der Götter, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1963.

Walter F. Otto, der deutsche Hellene, stellt mit vorliegender Publikation wieder sein tiefes Verständnis für das Hellenentum und die hellenische Seele unter Beweis. Otto lehrt ein Verständnis für die hellenische Freiheit, und ihr Verhältnis zu den Göttern. Das Sein dieser Götter ist für die “Menschen der Freiheit der allerhöchste Wert” (S. 13), denn ihre Andacht Gottes ist selbstlos; frei von Hoffnung und Angst erheben sie sich und blicken auf den Olymp. In diesem Kontext holt Otto Epikuros ins Boot, denn er war, wie Otto gut weiß, der reinblütigste Vertreter der Weltanschauung seiner Ethnie. Weit entfernt von den “Filtern” des Monotheismus und Atheismus, den es so, sowieso nie gegeben hat bei den Hellenen, forderte Epikuros keinen Hedonismus, seine “Lust” ist Seelenfrieden durch Abwesenheit von Schmerz und psychischer Verstörung.

Die griechische Einheit von Geist und Materie, leider von Platon aufgehoben, und ihr Denken über die Götter, das zu menschlicher Verhaltensweise übersetzt wurde, erweckt den hellenischen Geist vor den Augen des Lesers. Wer liest, dass die Stille in der Natur die Musik aus Pans Syrinx ist, fängt an zu ahnen, wie sehr sich diese Götter von allen anderen unterscheiden. Schiller kannte keine “göttlichere Vision” als die Seligen Zwölf auf dem Olymp (S. 16).

Ottos Wort ist das Wort eines Mannes, der “von ihrem Erscheinen” betroffen war; er spricht aus hellenischer Perspektive, darin liegt sein Wert. Die Rückbesinnung auf das Hellenentum ist keine Ausgeburt verklärender Romantik gewesen, sondern entstand aus Notwendigkeit. Die Rückkehr des hellenischen Menschen tat not. Sein Geist war nicht vollends bezwungen.

Der monotheistische Fanatiker konnten ihre Tempel zerstören, so der Autor, “weil ihr Sein in keinerlei Beziehung zu ihm stand” (S. 76). Er sah sich in seiner Meinung bestätigt, als die Götter nicht eingriffen, denn die hellenische Seele war ihm fremd; sein Gott bekundet sein Sein über seinen Willen, die Griechengötter allein durch ihr Sein. Die Götter sind sich ihres Seins a priori bewusst. Wir verstehen, wie sehr uns das Hellenentum immer noch angeht, wie aktuell diese alte Seele ist. Otto führt uns diese Tatsache gekonnt vor Augen. Sein Schreibstil ist tadellos, seine Belesenheit offenkundig. Sein Deutsch ist leserfreundlich, denn er erhob seine Sprache zur Kunst; das merkte ich erst, als ich ihn mit anderen deutschen Autoren vergleichte. Der Leser genießt nicht nur seine Kenntnisse des Griechischen oder seines profunden Wissens, sondern auch von seinen edlen Stilformen.

Ein großer Teil seines privaten Briefwechsels mit Prinzessin von Sachsen-Meiningen ist auch festgehalten. Auszüge aus privaten Gesprächen mit Freunden in der Natur kom­ple­men­tie­ren den kleinen Band. Ich kann die Lektüre der “Wirklichkeit der Götter” allen ans Herz legen, die im Hellenentum ein Lebensideal gefunden haben.

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