Luciano De Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophie I

Rezension zu: Luciano De Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophie: Die Vorsokratiker, Zürich: Diogenes, 1985.

De Crescenzos “Geschichte der griechischen Philosophie” ist eine befriedigende Einführung in die Philosophie des Hellenentums. In diesem Band werden die Gedanken, Schriften und das Leben der sogenannten Vorsokratiker vorgestellt, angefangen von Thales bis zu Gorgias von Leontinoi. Den Schreibstil des Autors empfand ich unangemessen, manchmal despektierlich, und seine eingeschobenen Kurzgeschichten strapazierten meine Geduld, aber zumindest arbeitet er sich methodisch voran und vergisst nicht, seine Quellen anzugeben. De Crescenzo erklärt nicht nur die Philosophen, sondern auch ihre Zeit und ihr Umfeld. Warum und wo wurden Kolonien gebaut, wie sahen diese aus, wie kamen manche Philosophen in Kontakt mit der Philosophie, warum haben sie sich auf Reisen begeben usw. Vieles wird klar gestellt, leider verdunkelt der Autor mit seinem abendländischen Denken wieder die Sache, aber wem sein Werk nur als Einführung dient, wird kein “Schaden” davon tragen.

Mir hat gefallen, dass der Autor den Hylozoismus der Vorsokratiker sehr gut darstellt. Er macht aus ihnen keine Materialisten. Er rückt Konzepte wie Nous, Monade oder Apeiron in die richtige Perspektive. Die hellenische Weltanschauung leuchtet bei den Vorsokratikern am hellsten: die harmonische Ordnung des Seins, der unenstandene Kosmos, der belebte Stoff kommt bei allen vor. Doch die Philosophen gingen viel weiter. Anaximander entwickelte eine eigene Evolutionstheorie, Pythagoras bereicherte das mathematische Wissen, Thales erklärte, dass aus dem Wasser alles hervorgegangen sei, machte dieses Element zu seiner arché. Die Geschichte der griechischen Philosophie wird auf spannende Weise erzählt.

Leider attestiert er manchen Philosophen monotheistische Tendenzen, wie zum Beispiel dem Xenophanes. Für sein Unverständnis der hellenischen Religion kann man sicherlich seine abendländische Perspektive verantwortlich machen, dennoch muten manche Passagen naiv an. Hätte er sich etwas mit der hellenischen Weltanschauung auseinandergesetzt, wie z.B. Edward Oliver James, wüsste er, dass Xenophanes “einziger Gott”, “unter Göttern und Menschen am größten”, Zeus ist, und sein Polytheismus, wie Walter Burkert zeigt, deutlich impliziert ist. Außerdem verwechselt er die Kritik an religiösen Bräuchen mit der Ablehnung des väterlichen Götterkultes, dabei kritisierten manche Philosophen einige Bräuche, da sie diese der Natur der Götter nicht würdig befunden haben.

Außerdem deutet er die Haltung des Heraklitos zu Pythagoras als Neid, generell deutet er ziemlich frei die Meinungen und Positionen der Philosophen, leitet von diesen Charakterzüge ab. Das sollte eigentlich nicht sein. Trotzdem empfehle ich das Buch weiter, weil es eine sehr gelungene Einführung in die Thematik ist, mehr aber nicht. Nach der Lektüre der zweibändigen “Geschichte der griechischen Philosophe”, empfehle ich, mit “Die vorsokratischen Philosophen: Einführung, Texte und Kommentare” von Kirk, Raven und Schofield fortzufahren.

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