Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums, Band 1

Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums Band 1, Die Frühzeit: Von den Ursprüngen im Alten Testament bis zum Tod des hl. Augustinus (430). 6. Auflage, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006.

Karlheinz Deschner (1924-2014) hat die Geschichte des religiösen Faschismus detailreich aufs Papier gebracht. Nach der Lektüre des ersten Bandes, weiß des Leser, so etwas wie das Christentum hat es nie zuvor gegeben. Die Abgründe des Hasses, der Verlogenheit und Arglist kennen keinen Boden. Sich selbst zeichnet das Christentum mit goldenen Farben, “[…] während alle anderen, voran die ‘Ketzer’, immer im Unrecht stecken, unsittlich, verbrecherisch, total korrupt sind […].” (S. 13). Die Verbrechen waren keine Ausrutscher, keine Fehler, sondern gehören zum Kern dieser Ideologie. “Man verfehlt das Ideal nicht nur partiell, nur gradweise, nein, man schlägt ihm sozusagen ständig ins Gesicht und spielt sich zugleich mit aller Prätention als Verfechter seines Ideals auf, ja, als erste Moralinstanz der Welt.” (S. 15) Der Autor entblößt die Täuschungstricks moderner Historiker, bekennt seinen fehlenden Respekt ihnen gegenüber und erklärt offen und ehrlich, dass “jede Geschichtsschreibung … vom Hintergrund der eigenen Weltanschauung her geschrieben” wird (S. 46). Wissenschaft ist eben nicht wertefrei. Deschner erklärt auch ihnen den Krieg, bietet ihnen die Stirn, reduziert ihre fromme Heuchelei auf einen rationalen Kern.

Täuschen, tricksen, schmeicheln und betrügen – das war die Taktik der vorkonstantinischen Christen. Später fügte das Christentum Mord, Raubzug und systematische Verdummung der Menschen seinem Repertoire hinzu. Die Menschheit wurde zurück in die “geistige Steinzeit” zurück katapultiert. Doch wie fing das alles an? Und wie kam es überhaupt dazu? Karlheinz Deschner gibt Antworten auf diese brennenden Fragen, räumt mit alten Lügengeschichten auf und offenbart in seiner “Kriminalgeschichte” die nackte Wahrheit über ein religiöses und politisches Machtsystem, das nicht nur das Hellenentum, seine Religion und Philosophie ausrottete, sondern auch die Weichen für den Totalitarismus und die allgemeine Missachtung der Natur legte; der Übergang vom natürlichen Kosmos zum kirchlichen Kosmos prägt bis heute das von Konstantin begründete Abendland. Der erste Band beginnt mit dem Auftakt im Alten Testament, wie Deschner das Kapitel genannt hat, und endet mit Augustinus. Die Zeitspanne dazwischen wird in ihren Grundzügen skizziert. Der Autor war sich nicht zu schade, den Anwalt der Entrechteten und Verleumdeten zu geben. So zeigt er, wie die Christen sich über die Mythen der Griechen lustig machten, den Ehebruch darin verurteilten, ja, ihn schlimmer bewerteten als die Anstiftung zum Massenmord im Alten und Neuen Testament. Er zeichnet den rabiaten Antisemitismus des Johannesevangeliums heraus und deckt die dahinterstehende Schizophrenie mit der Aufzählung all jener Elemente, welche sich die Christen vor den Juden “geborgt” hatten.

Überraschenderweise beginnt der erste Band, nach dem Vorwort des Autors, mit einer Kriminalgeschichte des Judentums, die auch nicht zu verachten ist. Jahve, dieser fürsorgliche Gott, stiftet zum Mord an Frauen und Kinder an (S. 74-75). Seine Eigenschaften gingen wohl später auf die Christen über. “Dieser Gott genießt nichts so wie Rache und Ruin.” (S. 75) Er widmet sich besonders den Großverbrechern Moses, Samuel und David. Erst dann arbeitet sich der Autor zu den frühen Christen und ihren Kaisern, wobei er besonderes Gewicht auf Athanasius, Augustinus, Ambrosius und Konstantin legt. Deschner enttarnt und bedient sich dabei nicht nur akademischer Werke, sondern auch Schriften der Kirchenvertreter. Diese belügen die Völker heute immer noch, mit ihren überzogen verfassten Geschichten zu den Christenverfolgungen, welche Halbwahrheiten “und sogar Urkundenfälschung” nur so strotzen (S. 200). Dass die Christen nicht wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, weiß inzwischen jeder belesene Mensch, doch wie steht es mit den Opferzahlen? Diese belaufen sich auf 3000 bis 5000 Christen – in allen drei Jahrhunderten! Auch Origenes bezeugt die kleine Zahl der Getöteten. Dennoch lügen sich christlich-orthodoxe Theologen die Zungen heiß, machen aus Tausenden Millionen, heute noch.

Deschner ist also notwendig, um den Dschungel der Lügerei und Betrügerei eines Eusebius oder Laktanz übersichtlich zu machen. Es sind nicht nur Theologen die Lügen, auch heutige Historiker führen ihre Leser hinters Licht, machen aus Kirchenlehrern und Kaisern Pfadfinder, die sie nie gewesen sind. “Man muß die Geschichte kennen, um sie verachten zu können. Das Beste an ihr ist, daß sie vorübergeht.” (S. 33) – und das gilt auch für sehr viele Historiker.

Die antiken “Kirchenväter”, häufig verklärt, werden mit besonderer Sorgfalt aufs Korn genommen, und was sie über ihre damaligen Mitmenschen geschrieben haben ist bezeichnend für ihren Charakter (Auszüge aus ihren Werken): keine Spur von Milde und Güte; eher waren sie hasserfüllt, intrigant und arrogant (um nur einige ihrer Eigenschaften zu nennen). Doch Deschner beschäftigt sich auch mit den spätantiken Kaisern, die als die “Großen” in die Geschichte eingingen. Schließlich spielten sie bei der Verbreitung und Durchsetzung des Christentums eine entscheidende Rolle; vor allem Konstantin, mit dem alles anfing und der den ersten Religionskrieg der Menschheitsgeschichte auslöste. Er räumt auf mit den Lügengeschichten gegen Julian und Maxentius, diese waren nicht die Ungeheuer, als die sie dargestellt wurden. Und die traditionellen Götterkulte kein Götzendienst, denn in “Wirklichkeit identifizierte die antike Religion diese Bilder gar nicht mit den Göttern. Sie waren nur ’symbolhafte Repräsentationen, aber nicht die Gottheiten selbst’ (Mensching). Doch für die Christen waren die Götter ‘tot und nutzlos’ (Aristides), konnten sie ‘weder sehen noch hören noch wandeln‘ (Offenbarung des Johannes).” (S. 188). Wie sehr doch das Christentum die Wahrnehmung der Menschen verzerrte!

Während im Hellenentum (für Euseb das Böse schlechthin, S. 207) und Rom kein Anlass zum Bekehren bestand, “Exklusivität widersprach dem Polytheismus prinzipiell”, bemerkt Deschner, machten sich die Christen die Christianisierung der bis dahin freien Ethnien zur Mission. Und starten ihren abartigen, ja schizophrenen Antijudaismus, mit dem sie Hitler locker von rechts überholen. Was nannten sie nicht Ignatius, Justin, Chrysostomos? “Sprößlinge des Teufels”, “Hurenkinder, voll jeder Schlechtigkeit” (S. 125-127). Die Synagogen Hurenhäuser und Stätten des Bösen, so auch die Kirchen der “anderen” Christen, die auch des Teufels gewesen sein sollen, voller Niedertracht, sogar Verfolger Christi. “Kann man irgendwo Haß lernen, schänden lernen, schamlos lästern, lügen, verleumden, dann bei den Heiligen, den größten Heiligen des Christentums!” (S. 167) Nicht nur die Menge, auch die Kaiser haben sie zur Verfolgung der Ethniker bewogen, mal mit sanften Floskeln, mal mit drohendem Finger.

Das frühe Christentum hat sich mit Feuer und Schwert gewaltsam durchgesetzt, und stampfte alles andersartige nieder: der Polytheismus wurde nicht überwunden, die Menschen konvertierten nicht einfach zur neuen Religion. Das ist ein Märchen. “Fast überall werden die herrlichsten Adoratorien des Heidentums zerstört, kostbare Bauwerke eingeäschert, geschleift, nicht zuletzt in Rom, wo man die Tempelreste als Steinbrüche benutzt, noch im 10. Jahrhundert haufenweise herumliegende Bildsäulen, Architrave, Gemälde zertrümmert, schöne Sarkophage als Waschwannen oder Schweinetröge gebraucht.” (S. 26) Alles, was andersartig war, seine Heterogenität bewahren wollte oder anders dachte, wurde bekriegt und kriminalisiert: alle eingeborenen Religionen des Mittelmeerraumes, der Mithraskult, das Judentum, vermeintlich ketzerische Christen wie die Donatisten und Arianer etc. Die Liste ist schier unendlich.

Eine Theokratie entstand, die das Leben der Menschen zur Hölle machte und die gleichzeitig so unverschämt war, die Wahrheit und Liebe als ihr Eigentum zu “brandmarken”. Das alles wurde von den Kaisern unterstützt und begleitet (Deschner spricht in diesem Zusammenhang von der “unheiligen Allianz von Thron und Altar”). Deschner beweist zudem, dass der Polytheismus nicht etwa vom Monotheismus abgelöst, wie heute noch propagiert, sondern verfolgt und ausgerottet wurde. Die hellenische Tradition wurde verfolgt, ihre Tempel abgefackelt, die Philosophen verfolgt, Statuen zertrümmert, das Hellenentum verteufelt. Dies ist insofern auch heute wichtig, da sich die orthodoxe Kirche in Griechenland als Beschützerin und Bewahrerin der hellenischen Tradition (!) inszeniert und als ihre Fortsetzung ausgegeben wird! Deschner hebt in seinen ersten zwei Bänden den totalitaristischen und gewalttätigen Charakter des Monotheismus hervor, der in unserer Zeit leider verkannt wird. Doch ist die fundamentale Kritik des Christentums nicht neu, Voltaire, Deschner & Co. folgten lediglich den Spuren von Kelsos und Porphyrios; vor allem letzterer führte das Christentum ad absurdum und demaskierte seine Thesen, weshalb seine Bücher den christlichen Feuern zum Opfer fielen und heute nur fragmentarisch erhalten sind.

K. Deschners Kriminalgeschichte steht auf 100.000 Nachweise, ein Grund für die Bedeutsamkeit seiner Werke. Denn Geschichte kann nur dann etwas lehren, wenn sie bekannt ist. Durch diese Bücher erfahren wir endlich die Wahrheit über die Entstehung des “christlichen Abendlandes” und das unerträgliche Leid der unzähligen Opfer, die auf dem Altar des Wahnsinns geopfert wurden, und denen Deschner eine Stimme gibt. Der Siegeszug des Christentums war alles andere als “friedlich” – auch wenn offiziell das Gegenteil behauptet wird – und hatte für die ganze Welt schreckliche Folgen; das beweist Deschner mit seiner “Kriminalgeschichte”, die die Entwicklung Europas aus einer völlig anderen und neuen Perspektive erzählt.

Endlich einer der die Wahrheit spricht und sich nicht beirren lässt – dafür bedanke ich mich an Herrn Deschner: für seinen Mut, seine Mühe und seine sorgfältige Arbeit. Der 1. Band fängt mit einer viel zu langen Einleitung an (S. 12-70), geht dann mit einer kurzen Kriminalgeschichte der antiken Hebräer weiter (S. 72-116), und fängt dann erst so “richtig” an, um bei Kirchenlehrer Augustinus zu enden. Die Quellennachweise von Band 1 sind im zweiten Band zu finden; etwas, das ich nicht gut finde. Ich hoffe, dass der Verlag diesen Umstand in den zukünftigen Neuauflagen ändern wird, denn die Quellen gehören zum Buch, das sich auf sie stützt.

Ich empfehle Deschners “Kriminalgeschichte” allen Menschen weiter, die sich für die Spätantike und für die Geschichte Europas interessieren. Doch seine ersten vier Bände empfehle vor allem den Anhängern des Hellenismos und den am Hellenentum Interessierten. Deschner bestätigt im Grunde, was Vlassis Rassias über den Genozid an den Hellenen publiziert hat. In einem Satz: das Hellenentum hat sich nicht selbst überlebt; es wurde brutal ausgerottet.

Die “Kriminalgeschichte” fehlte all’ die Jahre davor, und ich bin dankbar, dass K. Deschner diese Lücke in der Geschichtsschreibung gefüllt hat; er hat ein umfassendes, wissenschaftlich fundiertes, äußerst gut strukturiertes und vor allem gut recherchiertes Werk geschrieben. Mir persönlich hat es sehr gefallen zu erfahren, was die antiken “Kirchenväter” geschrieben haben und wie die Theologen der Neuzeit über sie dachten (es gibt Auszüge aus den Werken verschiedener Theologen). Die Kriminalgeschichte des Christentums ist nicht bloße Geschichte. Sie ist Aufklärung!

Mit Deschners Tod ist die Menschheit um einiges ärmer geworden.” Vlassis G. Rassias

Advertisements