Karl R. Wernhart, Ethnische Religionen

Rezension zu: Karl R. Wernhart, Ethnische Religionen, Kevelaer 2004.

Die deutschsprachigen Werke über die ethnischen Religionen lassen sich an einer Hand abzählen. Die meisten davon sind alt und vergriffen, Wernharts Buch gehört zu den aktuellsten unter ihnen. Die Lektüre setzt kein spezielles Wissen voraus; der Text ist in einer Art aufgebaut, dass jeder an den ethnischen Religionen Interessierte schon zu Beginn die notwendige «Basis» vermittelt bekommt, auf die er in den nachfolgenden Seiten bauen kann. Obwohl Herr Wernhart mit Füßen fest auf dem Boden der katholischen Kirche steht, bemüht er sich um eine objektive Darstellung dieser Religionen (S. 7).
Kultur und Religion einer Ethnie ziehen wandelbare «Außengrenzen» zu anderen Ethnien (S. 9). Das Wort «Ethnie» oder «Ethnos» stammt aus dem Griechischen und ist vom Wbeiden ort «Ethos» abgeleitet. «Ethos» bedeutet soviel wie Verhalten, Charakter, Gepflogenheit, Sitte. Es ist eben dieses «Ethos», welches Stämme zu einer Ethnie zusammenwachsen lässt und ihr ihren besonderen Charakter verleiht. Mitglied des Ethos ist, wer an dessen Ethos partizipiert. Eine Ethnie ist demnach eine Gemeinschaft von Menschen mit einer gemeinsamen Kultur und Lebensart, in den Worten von W. E. Mühlmann die «größte feststellbare souveräne Einheit […], die von den betroffenen Menschen selbst […] gewollt wird.»
Das ist der Einstieg in den Stoff.
Ethnische Religionen sind Bestandteil des Ethnismus (ethnische Identität) einer Ethnie, jedoch keine statischen Phänomene; wie alle Religionen, unterliegen auch sie dem Wandel der Zeit.
Wernhart denkt, dass der Mensch an sich religiös ist und die Transzendenz sich in seinem Verhalten spiegelt.
Ein spezieller Abschnitt im Buch bildet jener über den Schamanismus. In den Schamanen erblickt er das Pendant zum Psychotherapeuten. Schamanen sind Ritualisten; sie vermitteln zwischen den Welten und genießen hohes Ansehen in ihrer Gesellschaft. Durch die Trance, eine «psychomentale Vermittlung», treten sie mit der unsichtbaren Welt in Verbindung und erhalten Ermutigung und Rat. Mir hat dieser Abschnitt besonders gut gefallen, nicht nur wegen seiner Informationsdichte, aber auch weil der dahinterliegende ehrliche Wunsch nach Verständnis deutlich hervorgehoben wird. Für Hr. Wernhart ist der Alleinigkeitsanspruch: die «Vernichtung unglücklicher Menschen» (S. 20). Doch die Homogenisierung der Welt und die Angleichung indigener Völker an den Westen, bereits im Jahre «2004» Realität (S. 26-27), könnte für die ethnischen Religionen genau das bedeuten. Und mit ihnen geht der Ethnismus der Ethnien verloren und auch die Polymorphie der Ethnosphäre.
Ein anderer wichtiger Punkt im Buch ist die Auseinandersetzung mit Trance und Ekstase, von der Hirnforschung erfassbare psychische Realitäten, der Magie und Askese. Darüber hinaus dringt Wernhart zum Kern der Religion vor und stößt dort auf den Kult, das eigentliche Merkmal der Religion. In seinen Augen bilden Feste und Zeremonien der ethnischen Religionen Bezugspunkte für die Sozietät.

Wir sehen also, dass das Buch eine breitgefächerte Phänomenologie behandelt. Der Text ist logisch gegliedert und die Sätze klar formuliert. Seine inhaltliche Breite und sprachliche Einfachheit machen den Reiz des Buches aus.
Man lernt viel über die ethnischen Religionen und die Kulturanthropologie.
Bedauerlich ist, dass der Autor auf eine Gegenüberstellung ethnischer und gegründeter Religionen verzichtet hat, denn die Unterschiede zwischen den beiden Religionskategorien erschöpfen sich nicht im Polytheismus oder Animismus der ethnischen Religionen. Der Verfasser lehnt sich konzeptionell an der modernen Begrifflichkeit der Ethnien, welche bloß als nicht-industrielle Völkerschaften definiert werden, aber eine Einführung in die Unterscheidung zwischen Kultur- und Staatsvölkern nicht vornehmen.
Nichtsdestotrotz ist das Buch eine Bereicherung für die deutschsprachige Sachliteratur.

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