Epikur, G. Krüger, Von der Überwindung der Angst

Rezension zu: Epikur, G. Krüger, Von der Überwindung der Angst, 2. Aufl., München 2004

In den letzten Jahren ist ein neuerwachtes Interesse an der griechischen Philosophie zu beobachten. Neue Publikationen und Übersetzungen sind damit einhergegangen, wobei der Blickwinkel der Autoren meist ein akademischer gewesen ist, fehlte oft die Bezogenheit zur griechischen Welt; zwar informieren sie uns Leser über die Ereignisgeschichte der Philosophie, aber am Ende setzt sich der Eindruck, die griechische Philosophie sei Spekulation, Theorie, so dass wir letztendlich nur an ihrem Kern vorbeischrammen. Mit Epikuros kommen wir der Sache näher, nämlich der Philosophie als eine „praktische Lebenskunst“ (S. 5). Krügers Buch zum Leben und Denken Epikurs’ empfand ich als eine sinnvolle Bereicherung.

Epikuros ist einer der beeindruckendsten Vertreter der griechischen Philosophie gewesen. Bereits mit 14 Jahren wande er sich der Philosophie zu, wusste dabei seine Eltern stets hinter sich, denen er Zeit seines Lebens in Liebe verbunden blieb. Mangels anderer Optionen, ließ er sich in den Platonismus unterweisen, wechselte dann aber zur demokritischen Schule unter Nausiphanes über. Epikuros fasziniert deshalb, weil sich in seiner Schule Altes und Neues, klassische und hellenistische Zeit, Kollektiv und Individuum die Hand reichen. Als die Bindung an die Polis wegfiel, entwarf er ein Lebenskonzept, das vielen Menschen einen Halt gegeben hat. Er empfahl ausdrücklich den Rückzug aus der Politik, außer es geht nicht anders, und ein aktives Leben im Kreise Gleichgesinnter. Er ging mit gutem Beispiel voran und installierte einen solchen im eigenen Garten. Schon bald sollte seine Schule bis zu den Grenzen der griechischen Welt Bekanntheit erlangen. Wir nennen sie heute noch „Kepos“, dem griechischen Namen für „Garten“. Von den 300 Schriftrollen, deren Verfasser er gewesen sein soll, sind uns nur Fragmente und Briefe überliefert. Vieles über Epikuros wissen wir von zweiter Hand.

Ziel seiner Schule war ein glückliches Leben im Zeichen der Hedoné (Lust). Die Abwesenheit von körperlichem Schmerz und geistiger Unruhe war ihm die größte Lust; allein sie befähigt zu Glück, Ein Hedonist im heutigen Sinn ist er nicht gewesen. Trotz Krankheit, starb Epikuros mit 72 Jahren einen glücklichen Tod, weil er, wie die Philosophen vor ihm, keinen Unterschied zwischen Philosophie und Lebensweise machte. Denn bei Epikuros dient „die Philosophie der seelischen Therapie“ (S. 5). Seine Philosophie könnte man die Kunst des Seelenfriedens nennen. Weil Reichtum und Ehrungen Unruhe verursachen, empfiehlt er, nicht danach zu streben, ausgenommen ist die Befriedigung unserer natürlichen Bedürfnisse, natürlich im rechten Maß, denn Maßlosigkeit findet nicht zur Lust, beeinträchtigt unserer körperliche Unversehrtheit.

Auf dem Fundament seiner Kultur bauend, bewahrt er den Menschen vor seiner Angst vor dem Tod durch friedliche Akzeptanz seiner Unvermeidbarkeit. Er geht so weit und meint, der Tod würde uns eigentlich nichts angehen: solange wir hier sind, ist er fort, kommt er aber, sind wir bereits gegangen. Denn der Mensch endet mit seinem Tod, seine Seele löst sich in ihre Atome auf. Unsterblich sind nur die Götter, sie genießen ewige Seligkeit in ihrem Reich zwischen den Welten (Metakósmia), kennen keine Sorgen, bereiten auch den Menschen keinen Kummer. Weit entfernt von der Welt der Sterblichen befinden sie sich, sind mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Und doch verehrte sie Epikuros, in ihrer Glückseligkeit waren sie seine Vorbilder.

Abgesehen davon, war Epikuros auch Atomist. In seinen Schriften zum Universum, beschreibt er diesen zusammengefügt aus unzähligen Atomen, wie die Götter und die menschliche Seele auch. Im Grunde ist besteht alles aus Atomverbindungen. Manche seiner kosmologischen Thesen und Erklärungen klingen naiv in modernen Ohren, aber nur deshalb, weil die Atomphysik klaren Tisch machte, mit Messgeräten und Computern, die Epikuros nicht kannte, Segmente der Wirklichkeit zu Fakten machte. Epikuros war allein auf seinen Verstand und die Weltanschauung und Tradition seiner Ethnie angewiesen. Darin liegt seine Größe: die Wirklichkeit verstehen, deuten und anschließend vermitteln zu können.

Schon allein die Tatsache, dass er gewisse Elementarteilchen unterscheiden konnte, zeigt, dass wir es hier mit einem Denkgiganten zu tun haben, einer, der Newton, Marx und Nietzsche in seinen Bann zog.

Ich empfehle die Lektüre definitiv weiter, meine aber, dass der Titel des Buches zwar den Inhalt des Kepos auf den Punkt genau trifft, nicht aber das Buch selbst. Denn der Schwerpunkt liegt eher in der epikureischen Atomphysik. Nichtsdestotrotz laden Schriftart und -größe zum lesen, das Layout ist auch angenehm, vor allem aber ist im Buch auch der griechische Originaltext zur deutschen Übersetzung gedruckt, zu der es übrigens Anmerkungen gibt, die die Lektüre erleichtern sollen.

Meinen Dank an den Herausgeber, das Buch lässt sich definitiv „sehen“.

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