Celsus, Gegen die Christen, Matthes & Seitz Verlag

Rezension zu: Celsus, Gegen die Christen, Matthes & Seitz Verlag, 1984. Übrs. T. Keim, Vorwort: Friedrich Wilhelm Korff.

Kelsos gehörte zu jenen Hellenen, die das Christentum in seinen Wesenszügen erkannten und seine irrationalen Postulate ad absurdum führte. Sein Werk, wie auch das des Prophyrios und Iulianos, endete auf dem Scheiterhaufen, doch sind Auszüge davon im „Contra Celsum“ des Origenes erhalten, der den Versuch unternahm, Kelsos zu widerlegen. Die deutsche Übersetzung stammt aus dem 19. Jh. und antiquiert, es empfiehlt sich daher, auf das Original zurückzugreifen. EIne neue Übersetzung muss unbedingt in Auftrag gegeben werden.

Das Vorwort (S. 9-45) hingegen ist sehr lesenswert. Korff erklärt das gesellschaftliche Klima, in dem Kelsos gelebt hat. Dass wir Kelsos und seine Zeit, den Konflikt zwischen Hellenismos und Christentum verstehen. Das römische Imperium als solches war eine Bedingung, für die Ausweitung des Christentums, ohne dieses »wäre das Phänomen des Christentums wahrscheinlich auf Palästina begrenzt geblieben« (S. 11). Mit dem Aufkommen des Christentums, begünstigt durch die spätantike Erlösungs- und Wundersucht, trafen zwei komplett verschiedene, sich ausschließende Welten aufeinander, die Gegnerschaft war vorprogrammiert, nicht zuletzt wegen der ethnischen Religionen, die sich mit dem Christentum nicht vereinbaren ließen: »Zu den alten Gottesdiensten ging man guten Gewissens … grüßte die Götter stehend, fiel nicht auf die Knie; jetzt treffen sich bleiche, neurotische Gestalten, die sich gegenseitig ihre Sünden vorrechnen. ›Den Sündern, sagen sie, ist Gott gesendet worden? … Den Sündlosen ist er nicht gesendet worden? Welches Böse ist’s, sagt Celsus, »nicht gesündigt zu haben?‹ (3,60)« (S. 15).

Die Antike Religion war dem Christentum hochhaus überlegen, aber der spätantike Synkretismus und Mystizismus schwächte, begünstigte Bewegungen wie den Jesus-Kult. »Dabei wußte jeder Römer, wußten sogar die Christen, daß das Christentum dem Heidentum an philosophischer Weltweisheit unterlegen war« (S. 17).

»Nicht nur die Heilslehre der Christen mußte einem gebildeten Heiden primitiv erscheinen, sondern die Lebenseinstellung der Christen erschreckte: Anmaßung, Radikalität, Intoleranz, religiöses, politisches, soziales Außenseitertum, Pazifismus, Internationalismus, Staatsverdruß, parasitäres Verhalten, das, weil es davon überzeugt war, daß das Ende der Geschichte unmittelbar bevorstehe, alle ernsthaften Geschäfte dieser Welt zu einem dummen Kehraus zu machen schien« (Tertullian: »Apol.« 32.) (S. 17-18), theologische Streitereien wurden zu politischen Konflikten, führten bürgerkriegsähnliche Zustände hervor, es begann die Ära der Gotttrunkenen. Wie wilde Tiere traten die Christen erst gegen die Juden und vermeintlichen Ketzer in ihren Reihen, schließlich auch die Römer, Hellenen und Ägypter, die ihrer Kultur treu blieben – fehlte ihnen anfangs doch die Zahl an Anhänger, um dem Polytheismus den Krieg zu erklären. Sogar Kaiser verzweifelten am Wahn der christlichen Intoleranz, von der sie selber befallen, versuchten erst mit Verbannungen oder den Verbot theologischer Streitereien, die verfeindeten Christenlager zu befrieden, suchten schließlich die Flucht, »weil die Renitenz der christlichen Plebs in Rom schwer zu ertragen war« (S. 39).

Zu meiner großen Freude wird mehrmals Walter Friedrich Otto zitiert, der genau wusste, dass nicht »die Erkenntnis des einen Gottes … den Kredit der vielen aufgehoben: Zuerst wurde die Natur entseelt und die Wirklichkeit schattenhaft; dann fielen die Gestalten und Mächte von selbst dem einen Schöpfer und Regierer anheim, und es blieb nur noch ein Schritt bis zum modernen Materialismus. Der natürliche Kampf zwischen der monistischen logischen Wissenschaft und der Fülle des Welterlebens, den noch das letzte große System der griechischen Philosophie unverkennbar zeigt, konnte nicht früher zum Siege gelangen, als bis das Welterleben selbst verblaßt war, weil der unsicher gewordene Mensch sich nur noch mit seinem Ich beschäftigen konnte und nichts mehr finden … als ein ungeheures Ich«. (Walter Friedrich Otto: Das Weltgefühl des klassischen Heidentums, in: Mythos und Welt. S. 26, Darmstadt, 1963, zitiert nach Friedrich Wilhelm Korff: Vorwort zum Wahren Wort des Celsus, in: Celsus, Th. Keim (Übers.): Gegen die Christen. S. 13-14, Matthes & Seitz Verlag, München 1984). Hier tritt uns der Übergang vom antiken Kollektivismus zum abendländlichen Individualismus gegenüber. Denn der Konflikt zwischen den väterlichen Religionen und dem Christentum war kulturell bedingt, nicht auf theologisch Fragen beschränkt. Korff erhellt die Zeit des Kelsos und hilft mit seinem Wissen, beim Verständnis der Lektüre – aber auch er kann an der schlechten Übersetzung nichts ändern.

Allein wegen des Vorwortes, das die Zeit des Kelsos in ihren Grundzügen, Gründe für den Konflikt zwischen Christentum und Polytheismus und die Vorbehalte der Polytheisten gegen die Christen bündig zusammenfasst und den eigentlichen Text einleitet, ist die Lektüre lesenswert, das gilt aber nicht für die Übersetzung des Kelsos. Also habe ich zwei Sterne für das Vorwort gegeben, und keine für die Übersetzung. Reclam musste doch wissen, dass diese eine Überarbeitung bedarf und heutige Leser nicht zufrieden stellen kann. Hoffentlich entscheidet sich der Verlag für eine Neuauflage mit einer zeitgemäßen guten Übersetzung. Kelsos ist wichtig. Er hatte die Warnzeichen erkannt. Hätten die Kaiser auf die Verbreitung seiner und des Porphyrios Schriften anstatt auf drakonische Töne und Repression gesetzt, wären sie vielleicht erfolgreich gewesen. Wir werden es nie mit Sicherheit wissen.

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