Hellenismos: Was er ist und nicht ist

Hellenismos: Was er ist und nicht ist
Ein umfassende Darstellung des weltanschaulichen Gebäudes des heutigen Hellenismos, wie dieser sich seit dem Ende der Antike in Griechenland entwickelt hat. Ein unvollständiger Auszug aus einer unveröffentlichten Publikation. (Die fettgedruckten Begriffe fungieren als eine Art «Stichwörter», die den Text in lose umrissenen Sparten gliedert, so dass das Lesen und Erfassen des Textes erleichtert wird. Der Autor erstrebte keine Aufstellung aller Inhalte des Hellenentums auf, da eine solche illusionär erscheint, und allein der Versuch den festgelegten Rahmen sprengen würde. Eine Andeutung einer Querverbindung zwischen Begriffen, die zufällig nebeneinander stehen, ist nicht beabsichtigt.)

«Er nannte die religiöse Tradition ‹Hellenismus›, weil sie nicht aufs Theologische beschränkt war. Sie umfaßte vielmehr die gesamte vom Griechentum geprägte Bildung und Kultur, auch die ethischen und staatspolitischen Vorstellungen» …
Marion Giebel, Kaiser Julian Apostata: Die Wiederkehr der alten Götter, S. 8, Düsseldorf: Patmos 2006.

«Der Terminus hellenismos hingegen ist alt. In der Antike bezeichnete er die Beherrschung der griechischen Sprache, darüber hinaus auch die Aneignung griechischer Kultur und Religion.»
Heinz Heinen, Geschichte des Hellenismus: Von Alexander bis Kleopatra, S. 9, München: Beck 2003.

«Der Hellenismos ist ein Ethnismus … Er ist eine Verhaltensart auf kollektiver und individueller Ebene.»
Vlassis G. Rassias

(«όμαιμόν τε και ομόγλωσσον, και θεών ιδρύματά τε κοινά και θυσίαι ήθεά τε ομότροπα») «Bluts- und Sprachgemeinschaft, die Gemeinsamkeit der Heiligtümer, der Opferfeste und Lebensweise.»
Herodotos, 8.144

Nike

Ufnbenannt DER HELLENISMOS IST …

Homeros, Hesiodos, Philosophie von Thales bis Plethon [1], Eusebeia («Religion»), Kosmotheismus, Polytheismus, Agnostizismus, Ritualismus, Heroenkult, Orthopraxie, Mysterien, Orphik (z.T.), Kosmogonie und Weltanschauung der hellenischen Ethnie, Hylozoismus, Panpsychismus, Animismus oder Pandaimonismus, Ehrung der Toten. Attischer Kalender, Symbolismus, Mythologie, Architektur, Musik; Politik («Beschäftigung mit den öffentlichen Angelegenheiten») [2], Aristokratie [3], Demokratie [4], Kollektivismus, «Sozialismus» [5], die soziale Frage, Kosmopolitismus (spätere Stoa), Betonung der Pflicht vor den Gefühlen, Individuation (im psych. Sinn des Wortes und inn. d. eig. Kulturkreises). Theater, Sprache, Literatur [6], ta Patria [7]. Iatromantie [8], Theurgie (im weitesten Sinne) [9], Orakel [10], «Papyri graecae magicae» (z.T.; Schutzgebete etc.); Holismus [11], Ethnismus, historischer Optimismus, Objektivität [12], Ethik & das väterliche Wertesystem [13], Paideia & Kalokagathia, Beitrag zur Reindigenisierung und Revitalisierung der Ethnosphäre; die schönen Künste, Ernährung [14], Musik [15], Heilkunde [16], hellenische Medizin [17], Wissenschaft [18], Sport [19]. Zeitrechnung [20], kata physin zein [21], Polymorphie [22]; Toleranz, dialektisches Denken, Mitempfinden, Achtung vor den Bedürftigen und Schutzflehenden, Gastfreundschaft, Verständnis für andere ethnische Kulturen, Offenheit; Inhomogenität [23], Eklektizismus [24], aristokratische Gesinnung, organisches Verständnis des Universums, lineares Zeitverständnis [25], Bereitschaft zur Aufopferung für das Gemeinwohl, die Freiheit und die Heimat, und zum Kampf [26]. Akzeptanz der Wirklichkeit [27], Recht auf Suizid, Humanismus, Lebensbejahung, Diesseitigkeit; Akzeptanz des Todes, traditionelle Vorstellungen über den Tod und das Leben danach [28], Bewahrung der Tradition [29], Restauration der Ethnie nach großen Niederlagen und Katastrophen oder Verfolgungen und Völkermorden [30].

Ufnbengggannt DER HELLENISMOS IST NICHT …

Glaube, Hellenistische Religion, Mithraismus, Synkretismus, Naher Orient, Mittlerer Osten, Goetia [31], Hermetik, Kabbala, Gnostizismus, die Chaldäischen Orakeln [32], Mystizismus, Soteriologie, Messianismus, Monachismus, Monotheismus [33], Fanatismus, christlicher «Platonismus», Deisidaimonia («Aberglaube») [34], die spätere Orphik [35], der spätere «Kepos» [36], Schicksalsergebenheit, Jenseitsorientierung, orientalische Einflüsse. Fernöstliche Traditionen, Karma, Yoga. Romiosini [37]; Byzanz [38], Neugriechischer Staat [39], Neugriechische Staatsbürgerschaft & Identität [40]. Abendland, sein Politikwesen [41], seine religiösen Bewegungen und neuen Kulte (Okkultismus, «Neopaganismus» etc.) [42]. Moralismus, Fakelore, Ideologisierung [43], Subjektivität [44], Materialismus, Militarismus [45]. Theokratie, Gottkönigtum, völkisches Gedankengut. Parlamentarismus, Feudalismus, Industrialisierung, Kapitalismus, Liberalismus, Konservativismus, Neoliberalismus [46], Nationalismus, Internationalismus, Marxismus, Historischer Materialismus, Leninismus, Absolutismus, Totalitarismus [47], , neuzeitliche (künstliche) Dipole [48]. Emotionalität [49], Technophobie, Resignation, Demut, Selbstgeißelung, Dualismus [50], Individualismus [51]. Biologismus [52], Homophobie [53], Rassismus [54], Antisemitismus [55]. Ökumenismus, Universalismus, Homogenisierung, heutiges Politikverständnis [56], antinatürliches Gedankengut [57]; Zynismus, Verlogenheit [58], Verdrängung des Todes. Abendländische und romäische Version bzw. Deutung der Geschichte; unhellenische und unwissenschaftliche Deutung oder Interpretation des Hellenentums und all seiner Inhalte, Pseudowissenschaft, Intellektualismus [59]; romantische Verklärung und Glorifizierung oder Instrumentalisierung der Antike [60].

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ANMERKUNGEN: Erster Teil
1. Ionische Schule, Pythagoreer, Eleatische Schule, die Atomisten, die Sophisten, die Akademie oder «Platonismus» (exkl. orientalischen Denkens), die Kyniker, die Kyrenaiker, die Peripatiker oder «Aristoteliker», der Kepos oder «Epikureismus», die Stoiker, der Pyrrhonismus oder «die Skeptiker». Philosophie versteht sich als «Lebenspraxis».
2. Will heißen: mit dem öffentlichen Leben und den Problemen der Gemeinschaft, mit Ökologie und Ökonomie, statt mit Parteien, Parlamenten, Ideologien etc.
3. «Herrschaft der Besten».
4. «Volksherrschaft»; die Demokratie ist ein «Konglomerat» aus Selbstverwaltung (Autonomie), Isonomie, Isotimie, Isagorie, Isopoliteia und Parrhesia. In der Demokratie ist der Mensch ein mündiges Subjekt, d.h. ein Bürger.
5. Akzentuierung des Sozialpolitischen gegenüber dem Privaten, heißt: die Gemeinschaft hat den Vorrang vor dem Individuum.
6. Epos, Lyrik, Dichtung, Komödie, Tragödie, Rhetorik, Geschichtsschreibung, Astronomie, Siegeslieder, Geographie, Zoologie, Mineralogie, Phytologie, Medizin, Physik et cetera.
7. die väterlichen Sitten.
8. «Schamanismus» (Abaris, Epimenides etc.). Von «Iatromantis»: «Iatros» (Heiler, Arzt) + «Mantis» (Seher, Orakel). Trance, Ekstasis, Weissagung, rituelle Heilungen, kathartische & apotropäische Riten u.a. Auch Iatromantik(e).
9. Zeremonielle Iatromantie; philosophisch-religiöse Praxis, die auf eine persönliche Beziehung zu den Göttern abzielt; findet ihren Gegenpart in der Goetia, d.h. «schwarzen Magie». Theurgie ist hier abgekoppelt von den sog. Chaldäischen Orakeln und auf die Begriffsbedeutung bezogen. (Außersinnliche Fähigkeiten, Grenzerfahrungen des Seelenlebens.)
10. Traumdeutung, Bibliomantie (Homeros, Hesiodos), Pendel (Amm. Marc. 29,1,25), Kristallomantie (Beryll), Los-Orakel (Würfel, Hölzchen, Bohnenorakel), Arithmologie, Libanomantie (Weissagung aus dem Weihrauch), Dendromantie (Weissagung durch Bäume bzw. dem Rascheln ihrer Blätter im Wind), Antike Astrologie (Ptolomäus, Manilius), Pythagoras-Orakel (Astrampsychos), Kata Stoikheion Khrêsmoi Ek Olumpou (Alphabet-Orakel).
11. Einheit von Iatromantik, Medizin, Wissenschaft, Philosophie (Empedokles, Sosipatra, Asklepiodotos). Organische ethnische Identität (Weltanschauung, Sprache, Sitten, politisches Bewusstsein, Religion).
12. Bewertung oder Beurteilung von Phänomenen oder Ereignissen nach objektiven bzw. wirklichkeitsadäquaten Kriterien (Vernunft, Ethnologie, Biologie, Medizin, Physik). Achtung und Akzeptanz der Wirklichkeit, so weit diese erkennbar ist. Der «antike Mensch», sagt Egon Friedell, obwohl in seiner christlichen Perspektive begrenzt, «beseelt die Natur ganz objektiv … der moderne höchst subjektiv … Er fragt nicht: was sind [die Dinge] für mich, sondern: was sind sie für sich?». Seine Welt «durchblutet [ist] von Wirklichkeit», «sein Begriff der ‹Heimat› … ganz unromantisch». «Die Natur und überhaupt die ‹Wirklichkeit› ist amoralisch» (Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands, S. 49, 58, 69, 120, 11. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009).
13. Ethik: die delphischen Maximen, Solons Gebote, Fragmente des Demokritos, Nikomachische Ethik. Wertesystem: die Aretai. Dazu gehören die vier Kardinaltugenden der Weisheit, Besonnenheit, Tapferkeit und Gerechtigkeit sowie auch allgemeine Aretai wie Stolz, Selbstachtung, Bescheidenheit, Güte, Selbstbeherrschung und vor allem die Aufrichtigkeit, ohne die ein Mensch nicht stolz auf sich sein kann. Wir wissen, dass «die Griechen eine Aufrichtigkeit besaßen, die unserer Gesellschaft zum größten Teil abhanden gekommen ist» (Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands, S. 53, 11. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009).
14. Feigen, Käse, Olivenöl, Wein, Oliven, Wassermelonen, Kichererbsen, Fisch, Leberwurst etc.
15. Lyra, Kithara, Harfe, Syrinx, Aulos, Salpinx.
16. Seelenheilkunde, Diät, Kuren, Traumdeutung, Hypnose, Inkubation, Bäder, Phytotherapie, Aroma-Therapie, Kräuterumschläge, Psychosomatik («Gesunder Geist im gesunden Körper»), Philosophie (Pneumatische Schule), inneres Gleichgewicht herstellen, Harmonie. Könnte heute traditionelle Meditation (zur Entspannung und Stressreduktion), Aktive Imagination (wird u.a. bei Traumata eingesetzt) und neue natürliche Heilverfahren mit einschließen.
17. Chirurgie, Pharmakologie, Naturtherapie, Narkose, Pulslehre, Hygiene, gesunde Lebensführung [Sport, Diät], medizinische Forschung (Asklepiades), Kombination von Heilkunde und Schulmedizin.
18. Erforschung der Wirklichkeit. Astronomie, Kosmologie, Biologie, Ethnologie, Psychologie, Evolutionstheorie (Anaximandros). Heute auch Mikrobiologie, Psychoanalyse (Freud, Jung, Fromm), Neurowissenschaften, Quantenmechanik, und Wissenschaften, welche zwar bereits in der Antike existierten, seitdem aber deutlich weiter entwickelt, z.T. revidiert, erweitert, verfeinert wurden. Neben dem obligatorischen Interesse an wissenschaftlicher Literatur zum Hellenentum, ist im heutigen Hellenismos ein außergewöhnliches Interesse für die Ökologie, Astronomie und Ethnologie zu verzeichnen.
19. Athletik, Wettkämpfe, Olympische Spiele, Kampfsport, Wagenrennen.
20. Beginn der Zeitrechnung seit der ersten Olympiade im Sommer des Jahres 776 vor der christlichen Zeitrechnung. Hellenischer Jahreskalender mit hellenischen Monatsnamen (der Attische, wie er von der Akademie in Harran und von Plethon weitergegeben wurde).
21. «Gemäß der Natur leben»; Vertrautheit mit dem Körper und der Natur. Akzeptanz des Alterns und des Todes. In der Zeit leben, aber nicht unbedingt mit ihr gehen. (Der Terminus der «Moderne» ist relativ; so wird ein «primitives» Land als modern bezeichnet, wenn es sich dem Abendland anpasst und «verwestlicht» wird. Gemessen am wissenschaftlich hoch entwickelten «Westen» mag dieses Urteil berechtigt sein, aber doch nur dann, wenn der «Westen» zum Maßstab erhoben, an dem alle anderen gemessen werden sollen.)
22. Vielfalt und Diversität der Kulturen, Religionen, Lebensweisen, Anschauungen, sexuellen Orientierungen, Lebensformen (Artenvielfalt, Biodiversität) und Ökosysteme, wie es die Natur seit Anbeginn der Zeit lehrt.
23. Vielfalt und Diversität innerhalb und zwischen den Ethnien oder «Kulturvölkern» (Ethnodiversität). Die Inhomogenität ist das prägnanteste Merkmal der Ethnien und unterscheidet sie am meisten von den Nationen oder «Staatsvölkern» des Nationalismus. (Ethnien heißen die gewachsenen Kulturvölker, Gruppen von Menschen, welche ein gemeinsames Ethos, eine gemeinsame Kultur teilen.) Die Vielheit der Ethnosphäre reflektiert die Vielfalt und den Reichtum der Biosphäre. Die Polymorphie ist das augenfälligste Gesetz Gäas.
24. Eine spätere Denkrichtung der Philosophie.
25. Zyklizität der Zeit; das Universum ist organisch und selbstentstanden, seine Gesetze sind: Sympathie, Ananke, Antipeponthόs und der physikalische Determinismus. Gemäß der «hellenischen kosmischen Pietät … ist das Universum beseelt, lebendig und göttlich. Die ‹Welt voller Götter› in Platons 10. Buch der Gesetze bietet uns ein klassisches Beispiel für den Fortbestand des vorplatonischen Panpsychismus und Hylozoismus, die schrittweise ihren Weg zum proklischen Platonismus und zu Plethons Nomoi fanden.» Niketas Siniossoglou, Radical Platonism in Byzantium: Illumination and Utopia in Gemistos Plethon, S. 257, New York: Cambridge University Press, 2011.
26. So antworteten die Athener dem makedonischen König Alexandros I., der im Auftrag des Mardonius, ihnen das Angebot der Perser vorlegte, den Athenern «ihre alten Fehler» zu verzeihen, sie zu verschonen, sogar die Kosten für den Wiederaufbau ihrer Polis und Heiligtümer zu tragen, wenn sie sich Persien ergäben: «Wir wissen selber, daß die persische Macht vielmehr größer ist als die unsrige; es war nicht nötig, uns das vorzuhalten. Trotzdem werden wir um unsere Freiheit kämpfen, solange wir noch Kraft haben … Im Vertrauen auf den Beistand der Götter und Heroen, deren Häuser und Bilder er [Xerxes] gottlos verbrannt hat, werden wir ihm fest entgegentreten.» Herodotos, 8.143 (Übrs. A. Horneffer). Denn es ist besser für die Freiheit zu sterben, als in Knechtschaft zu leben. Der Echo dieser klaren, kompromisslosen Worte begleitet die Hellenen im Kampf gegen Vereinnahmung, Assimilation und Verzerrung der eigenen Identität und des weltanschaulichen Gebäudes durch andere Personen oder feindliche Kollektive. Hierzu zählen insbesondere der Monotheismus, der Nationalismus und der «Neopaganismus».
27. Anpassung der Gedankenwelt an die Wirklichkeit; Überprüfung und Begründung der Überzeugungen (Kelsos), ob sie in rechter Beziehung zur Wirklichkeit stehen.
28. Eingehen in das Reich des Hades. Endgültigkeit d. T. bei Aristoteles und Epikuros; Weiterleben einer persönlichen Seele und Palingenesie (Wiedergeburt) in der pythag.-plat. Schule; Weiterleben einer unpersönlichen Seele bzw. ihre Vereinigung mit dem All bei den Stoikern.
29. Wie von den Hellenen Konstantinopels im 7. Jh. und den Hellenen Lakoniens bis zum 10. Jh., später von Plethon, Juvenalios, den beiden «Stradiotti» Marullus und Kallentzis, wahrscheinlich auch vom Volkskundler Nikolaos Politis, dem bis zum Ende des 19. Jhs. anhaltenden Demeter-Kults im Dorf Eleusis bei Athen und den hellenischen Polytheisten während der kurzen «Franzosenherrschaft» auf den Heptanisa-Inseln Ende des 19. Jhs. vorgemacht.
30. Aktuell: Bevorstehende Anerkennung hellenischer Kollektive als religiöse Gemeinschaften in Griechenland, anschließend: Aufbau einer hellenischen Schule, des ersten hellenischen Tempels im neuzeitlichen Athen und einer ebensolchen Bibliothek.

ANMERKUNGEN: Zweiter Teil
31. Hexerei, Schadenszauber. Magie. Totenbeschwörung, Leichenschändung.
32. Die Chaldäischen Orakeln gewannen in der Spätantike an enormen Einfluss auf den Hellenismos, leider fanden sie auch ihren Weg in die Philosophie. Ursprünglich in einer anderen Sprache verfasst, sind wir heute nur um Besitz der griechischen Übersetzung. Ihnen kommt im heutigen Hellenismos keine Bedeutung zu. Als ihr Verfasser gilt Julian der Theurg; der Überlieferung zufolge, soll er der erste gewesen sein, der den Titel des Theurgen trug. Anscheinend ist er ein Zeitgenosse Marc Aurels gewesen. Die Chaldäischen Orakeln, wurde geglaubt, sollen von den Göttern offenbart worden sein (The Chaldaean Oracles: As set down by Julianus, S. vij, Übrs. von F. Patrizzi und Th. Stanley). Viel wahrscheinlicher ist, dass sie das Endergebnis spiritistischer Aktivitäten sind.
33. Judentum, Christentum, Islam und ihre Sekten.
34. Angst vor Gott, übertriebenes Interesse an der «Magie», übermäßiger Glaube an das «Übernatürliche», Wunderglaube.
35. Pseudo-Orphiker.
36. Pseudo-Epikureer.
37. Kultur und Identität der orthodoxen Christenheit des byzantinischen Ritus. Ursprünglich nannten sich die griechischsprachigen Christen Romioi, Romäer, doch in den späteren Jahren des Byzantinischen Reiches setzte sich in manchen Kreisen der Intellektuellen der Trend durch, sich als «Hellenen» zu bezeichnen, da man immer stärker davon ausging, Nachfahren der antiken Griechen zu sein. Die Bedeutung dieses Trends wird zuweilen überzeichnet. Diese Entwicklung betraf nicht das gemeine Volk, welches sich natürlich weiterhin seiner romäischen Identität bewusst gewesen ist. «Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert unter europäischem Einfluß.» (Alexander Demandt, Kleine Weltgeschichte, S. 107, München 2004). Heute wird die Romiosini in Griechenland einerseits als Weiterentwicklung der hellenischen Kultur ausgegeben, andererseits mit ihr gleichgesetzt. Viele nationale Legenden fungieren als Stützen dieser Theorie. Neue quasi-religiöse Bewegungen der Romiosini: Archäozentrismus, Epsilonismus (Omada-Epsilon), ein auf christlichem Fundament und Rassenmystik gebildeter Ufokult mit soteriologischen Zügen vermischt mit Konzepten aus der antiken Philosophie.
38. Das Oströmische Reich. Die Byzantiner bezeichneten sich selber nie als solche, sondern als Romäer.
39. Der im Londoner Protokoll 1830 anerkannte Staat der «Hellenischen Republik». Sein Territorium erstreckt sich über weite Teile des Hellenenlandes, schließt aber auch Thrakien und Teile Makedoniens ein. Seine Staatsbürger sprechen die griechische Sprache.
40. Die «Hellenische Republik» will sich als Fortsetzung des Hellenentums verstehen und ihre Bürger als Erben der hellenischen Kultur. Die Sprache, das Land, nationale Mythen und die vom neugegründeten Staat angefertigte Nationalidentität, sollen die Richtigkeit und Beständigkeit dieser Theorie garantieren; in den Schulbüchern als Tatsache gehandelt, suggeriert sie eine Einheit orthodoxen Glaubens und griechischer Identität. Bereits im Jahr 1830 hat man begonnen, das orthodoxe Christentum in diese neue nationale Identität zu integrieren (Thomas W. Gallant, Modern Greece, S. 69, London 2001).
41. Nationalismus* (Staatsvolk; Gleichsetzung von Ethnie und Nationalstaat), Kapitalismus, Parlamentarismus. Beschäftigung mit Personen oder Parteien anstatt mit Institutionen. *Der Nationalismus (und sein auf Staatsbürgerschaft und Pass begründetes Volksverständnis) ist eine neuzeitliche Erfindung (Enzyklopädie Britannica, Stichwort: Nationalism) und markiert die Geburt der modernen Nationalstaaten. Er «bezeichnet eine Reihe von Glaubenssätzen über die Nation (S. 5) … Der Nationalismus schafft die Zuvorkommenheit und die Unterschiede ab, welche von ihr toleriert werden, mittels einer Vernichtungsabsicht aller unterschiedlichen Ansichten und Interessen um des einen Ideals willen, was die Nation gewesen und sein soll (S. 17) … der Nationalismus ist eine relativ neue Ideologie (S. 18)» (Steven Grosby, Nationalism: A Very short Introduction, New York: Oxford University Press, 2005).
42.
Okkultismus, Spiritismus, Theosophische Gesellschaft, Satanismus, Anthroposophie, Ariosophie, New Thought und New-Age-Bewegung, «Neuheidentum» (Hexenkult, Göttinnen-Bewegung usw.), «Church of all worlds», Esoterik, «Neoschamanismus», UFO-Kulte, Engelskulte, Luziferianismus, Satanismus et cetera. Freimaurerei, der Orden der Rosenkreuzer und des Golden Dawn u.a.
43. Verformung der Wirklichkeit (des «Seins») durch Vorurteile und Dogmen; Ersetzung der Natur durch die Ideologie, wie erstere angeblich sei oder sein soll.
44. Bewertung oder Beurteilung von Phänomenen oder Ereignissen nach subjektivem Empfinden bzw. irrationalen Kriterien (Glaube, Ideologie, Dogma, Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaft).
45. Dem Kriegerwesen kam bei den Lakedaimoniern eine zentrale Bedeutung zu und die Ausbildung des Jungen zum Krieger fing schon in jungen Jahren an. Das ist Tatsache. Aber Sparta war weit davon entfernt, eine Militärjunta oder ein imperialistisches Kriegslager zu sein, wie manche sagen. Im großen Ganzen haben wir es hier mit einem Klischee zu tun. «In Hellas wünschten sie nur die moralische Vormacht zu sein» (Egon Friedell, Kulturgeschichte Griechenlands, S. 112, 11. Aufl., München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2009). Abgesehen von der Tatsache, dass der Begriff «Militarismus» abwertend konnotiert ist, ist er nach dem 1. Weltkrieg und dem Dritten Reich mit Vorsicht zu gebrauchen. Ist mit M. eine Gesellschaft gemeint, im Zentrum derer die Kriegerausbildung und das Kriegerhandwerk steht, dann würde dieser Begriff auf Sparta zutreffen. Wird aber mit M. eine Gesellschaft beschrieben, in welcher die Schlacht zelebriert und feindliche Überfälle an der Tagesordnung stehen, wäre es wohl unangemessen, die spartanische Gesellschaft mit dem Prädikat «militaristisch» zu versehen. Grundsätzlich war der Imperialismus den Hellenen fremd. Die Makedonier, ein zurückgebliebener hellenischer Stamm, bildete lediglich eine Ausnahme, nicht umsonst wurden sie wegen ihres Kulturzustandes von den Hellenen «hartnäckig als Barbaren» bezeichnet (Friedell, S. 307).
46. Die Ordnung entfesselter Märkte; der Glaube, dass der Markt sich selbst regulieren und die Arbeitstätigen entsprechend ihrer Leistung entlohnen könne. Die Regierungen bemühen sich, falls Krisen in Aussicht sind, die «Märkte», die Investoren zu beruhigen und ihr Vertrauen in die Finanzstabilität zu festigen.
47. «White Power», Faschismus, totalitäre Regime und Theokratien.
48. Nationalismus-Internationalismus, Kapitalismus-Leninismus etc.
49. Sentimentalität; bei Entscheidungen aufs «Gefühl» setzen, diesem übermäßige Beachtung zukommen lassen und dabei das Dialektische vernachlässigen.
50. Vorstellung oder Lehre von zwei Prinzipien, die sich gegenüberstehen. Das «Böse» gegen das «Gute», das «Licht» gegen die «Finsternis»; eine angenommene scharfe Trennung oder sogar ein kompromissloser Antagonismus zwischen Materie und Geist, Seele und Leib, Einheit und Vielheit, des Apollonischen und Dionysischen; Denken und Fühlen; 1 und 2, A und Z, Ich und Du, Schwarz und Weiß, der «Legionen des Lichtes» und der «Finsternis» usw. Über den Orient fand der Dualismus seinen Weg auch nach Griechenland (Materie-Geist, Leib-Seele), hielt sich in den Kreisen der Denker auf, ohne groß auf das Denken des normalen Griechen einzuwirken. Der Dualismus verbreitete sich über die Orphik in mehrere Teile Griechenlands. Seine Bedeutung wurde im Verlauf der Jahrhunderte heruntergeschraubt bzw. gedämpft und das Verhältnis der «Prinzipien» zueinander verschoben, nicht ohne ein Echo in der «orphisch-platonischen» Denkschule zu hinterlassen. Der Dualismus ist dem Hellenentum insgesamt gesehen fremd.
51. Übertriebene Betonung des Individuums gegenüber dem Kollektiv; die «Person» hat den Vorrang vor der Gemeinschaft. Hervorhebung der Bedeutung des Privateigentums.
52. Vulgärbiologie; Induktion von Aussagen aus der Biologie.
53. Abneigung gegen Homosexuelle, Furcht vor Homosexuellen, Schwulenfeindlichkeit. Moralisierung und Pathologisierung der Homosexualität begründet mit subjektiven Kriterien (Religion, Ideologie, Vulgärbiologie), ungeachtet der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus den entsprechenden Forschungsfeldern der Anthropologie, Biologie und Psychologie.
54. Allgemeine Abneigung gegen Alterität oder Hass und Vorurteile gegen andere Menschen allein aufgrund ihrer Abstammung; Fremdenfeindlichkeit. Auch: Rassenwahn mit hohem soziopathologischem Potential.
55. Judendiskriminierung, Judenfeindschaft, Judenhass, allgemeine Judenfeindlichkeit allein aufgrund von Identität oder Herkunft. Gefangen in ihren Dipolen, Dualismen, Ideologien und den oft dazugehörigen Verschwörungstheorien, suchen viele Menschen mit rechter oder nationalistischer Gesinnung ihren Weg zurück zu den «Wurzeln» mit einer einhergehenden, nicht nur pauschalen, d.h. unsorgfältigen Abkehr von der jüdisch-christlichen Weltanschauung, aber auch einer Feindschaft, zuweilen auch eines intensiven Hasses gegen die Juden. Da sie den Ethnismus («Heidentum») als einen Glauben oder eine Religion auffassen, erscheint ihnen eine Lösung vom christlichen Glauben genug, dabei übersehen sie aber ihre weiterhin abendländischen respektive romäischen Denkkategorien, das «Christentum» in ihren Köpfen. Denn sie verstehen nicht, dass nicht sie aus der Kirche austreten, sondern die «Kirche» aus ihrem Innern entfernen müssen. Ohne eine rechte Vorstellung vom «Heidentum», sehen sie darin eine «reine», «nationale» Alternative zum «internationalistischen» Judäochristentum. Weil ihre «Suche» sich im Abendland begrenzt, mit gleichem «Kopf» verläuft, kommen sie nie beim Ethnismus an, sondern landen in einer politisierten «neopaganen» Weltanschauung, bleiben weiterhin am System haften, welches sie zu überwinden suchten, zu dem auch der Antisemitismus selbst gehört. Ihr Hass richtet sich an Menschen, «Personen», Gruppen, ist in keinster Weise eine Kritik oder formulierte Alternative zu Anschauungen oder Institutionen. Es hat den Anschein, dass viele mehr gegen, als für eine Sache sind. Augenscheinlich gilt ihr Interesse dem Fortbestand und der «genetischen Reinheit» der «weißen Rasse», nicht der Reindigenisierung und Revitalisierung der Ethnosphäre. Der Antisemitismus ist nicht mit einer Kritik am Judentum oder der Ablehnung seiner Weltanschauung oder seines Wertesystems zu verwechseln.
56. Parlamentarismus, Großprivateigentum; der Untertan, Steuerzahler, Wähler, Konsument im Mantel des Bürgers.
57. Gegen die Natur gerichtetes Denken und Handeln; so zum Beispiel der Nationalismus, Nährboden völkischer Paranoia, und seine Homogenisierungs- und Gleichschaltungsbestreben der Völker, oder der Monotheismus und seine Ersetzung der natürlichen Vielheit durch das Gedankenkonstrukt «einzig wahrer Gott» und der Weltanschauungen durch den «einen wahren Glauben». Vereinheitlichung, Gleichschaltung, Liquidierung der Alterität; Taten wider die Ethnodiversität, die natürliche Polymorphie und Vielheit der Arten und Kulturen; Kulturimperialismus. Wirklichkeit aufkündigende Verschwörungstheorien. Ideologien als Maßstäbe dafür, was «richtig» und «falsch», «natürlich» und «widernatürlich», «gut» oder «schlecht» sei, ungeachtet dessen, was naturgestiftet ist, d.h. in der natürlichen Ordnung der Dinge seinen Bestand hat. Abwesenheit der Absicht, möglichst nahe an der Wirklichkeit zu «bauen», das am ehesten der Wirklichkeit entsprechende Argument gelten zu lassen, das «Sein» zu achten und die Weltanschauung an der Wirklichkeit zu orientieren, und nicht umgekehrt. Die fehlende Absicht im rechten Verhältnis zum Wirklichen zu stehen.
58. Beispielsweise: die Sklaverei, am besten die antike, verurteilen, aber eine moderne Variante davon einführen. (Man nennt die Sklaverei heute auch «Leiharbeit». Weil der Lohnsklave entlohnt wird, sieht diese Institution auf den ersten Blick nicht wie Sklaverei aus. Bedenkt man aber, dass die Sklaven in der Antike auch entlohnt wurden, erweist sich dieser Schluss als unhaltbar. Der Lohnsklave kommt mit seinem Lohn für seine Ernährung, Bekleidung und Unterkunft auf, ohne dass der Vorgesetzte für ihn verantwortlich wäre oder ihn verpflegen müsste. Weder lässt er ihn unter dem Fließband nächtigen noch muss er für sein Wohl sorgen. Der Arbeiter traut sich nicht, ob der realen Gefahr seiner Entlassung, auf die «Anfrage» des Chefs, Überstunden zu schieben oder auch am Wochenende zu arbeiten, mit Nein zu antworten. Aufgerieben und erschöpft nach langer Arbeit, ist an einer Beschäftigung mit Politik, der Frage, wie er sein Leben gestalten oder in was für einer Gesellschaft er leben möchte, nicht zu denken, insbesondere wenn er eine Beziehung zu pflegen oder Kinder zu erziehen hat. Dafür kommen ihm die sog. Berufspolitiker solidarisch entgegen, an die er dann die Last der Verantwortung abgeben und seine «Stimme» delegieren kann. Jetzt muss er sich nicht mehr für seine Gemeinschaft kümmern, kann seine ganze Aufmerksamkeit auf die Arbeit richten, denn nun steuern andere sein Leben stellvertretend oder «repräsentativ» für ihn). Eines sagen, aber etwas anderes meinen. Demokratie sagen, aber Parlamentarismus meinen. Liberalismus sagen, Kapitalismus meinen. Sozialismus sagen, Leninismus meinen. Anarchismus sagen, Gesetzlosigkeit meinen. Aristokratie sagen, Monarchie meinen. Ethnische Identität sagen, Nationalismus meinen. Rechtsstaatlichkeit predigen, aber Waffen an totalitäre Regime verkaufen. Mit der Diplomatie auf der Zunge, Feigheit kaschieren und zur hohen Kunst potenzieren. Auf diese Weise werden Worte unklar und den Begriffen wird zu neuen Inhalten verholfen; Feigheit und Rücksichtslosigkeit hinter Ehrenwürden, Titeln, Alter, gesellschaftlicher Position, Schulabschlüssen und nebulösen Worten verbergen.
59. Theorie abgekoppelt von der Praxis; Philosophie als Gedankenspiel, nicht als Lebenspraxis. Gefühle auf eine unreife Pathosäußerung reduzieren, den irrationalen Anteil der Psyche abwerten oder ignorieren.
60. Von Nationalstaaten (Mazedonien, Griechenland, Türkei), Parteien (NSDAP, Goldene Morgenröte), Ideologen. Macht und Rechtfertigung aus einer glorifizierten und in ihrer Größe überzeichneten Vergangenheit oder absichtlich verzerrten Geschichte beziehen. Politische Instrumentalisierung von Mythen, Symbolen und Epen einer Kultur. Begründung eigener Ansichten mit der Behauptung, in einer Linie mit der beinahe vergöttlichten Antike oder Vergangenheit der «Nation» zu stehen. Vorbehalte oder Neigungen auf die Antike projizieren; die Antike verformen oder nach Belieben gestalten, um erwünschte Schlussfolgerungen aus ihr ziehen zu können.

Hellenismos – Was er ist und nicht ist

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