Über die Natur

Vlassis G. Rassias: Φύσις, in: Rassias (Artikel, News, Veranstaltungen). Zuletzt abgerufen am 25. Januar 2.013. Aus dem Griechischen ins Deutsche von Stilian Ariston. Auszug aus Rassias’ Lexikon der griechischen Philosophie Thyrathen.

Nordgriechenland - Land des Dionysos

Die Physis («Natur») ist eines der wichtigsten Forschungsobjekte der Philosophie, das wichtigste überhaupt für die ersten Philosophen und die von ihnen angestrengte unmittelbare Beobachtung der Dinge. Wie Burnet richtig bemerkt, ist «Physis» zunächst das beständige, primäre und wirkliche Sein (einleitend, essentiell und konstant, im Gegensatz zu den einzelnen, spezifischen Dingen, die zweitrangig, erzeugt und vergänglich sind), auf welches sich die Kosmogonisten des 6. und 5. in ihren zahlreichen Schriften «Über die Natur» bezogen haben.

Die Natur ergibt die einzige, erste und letzte Wirklichkeit, deren unaufhörliche Energie die Geburt, das Wachstum und die Zerstörung der einzelnen, spezifischen Dinge ist. Der Begriff leitet sich aus dem Verb «fyo» ab, das «entwickeln» bedeutet, «generieren, erzeugen», und hat eine zweifache Bedeutung, denn er deutet sowohl den Entstehungsprozess als auch sein Ergebnis an, will heißen: die Eigenschaften und die Struktur des letzteren (bei Homeros, Theognis und Pindaros bezeichnet der Begriff «fyi/φυή» oder «fya/φυά» die äußere Schönheit, die edle Erscheinung, imposante Statur). In der Philosophie wird das Studium der Natur hauptsächlich als Erforschung des Urstoffs der Dinge und des Wesens ihrer Entstehung verstanden, und zweitens, als Erforschung der Daten, die von den Sinnen registriert werden.

Wie bereits gesagt, haben die ersten Philosophen, die Natur aus ihrer hylozoistischen Sichtweise als eine stoffliche, unendliche, rastlose und autonome Kraft verstanden und dargestellt, die unaufhörlich und selbständig ihre zusammenpassenden Segmente erzeugt, wie auch die individuellen Lebensformen. Thales zufolge, bildet die Natur eine einzigartige und lebendige Gesamtheit, welche ein Antriebselement, ein inneres Antriebsprinzip (die Seele oder Gott) besitzt, mit dem sie sich identifiziert. Im gleichen Sinne ist bei den Stoikern mit «Physis», die innerweltliche Kraft und Arché (Urstoff, -substanz) gemeint, die «alle Dinge formt und erschafft» (SVF 2, 937), «der Welt Einheit und Zusammenhalt verleiht» (SVF 2, 549, 1211), «von allein sich bewegt und erschafft, als feuriger Geist oder schöpferisches Feuer» (SVF 2, 1132 u. a.), «sich äußert als Notwendigkeit oder Heimarmene» (SVF 2, 913), «als Weltseele, Gott, Vorsehung, Demiurg, Weltgesetz sich äußert» (SVF 1, 158, 176, SVF 3, 323).

Cicero («De Natura Deorum», 2, 22) überliefert von der Stoa, dass die Natur als «schöpferisches Feuer, feuriger Geist, und vernünftig, empfindlich, beseelt, vernunftbegabt, empfindungsfähig und selbstverursacht» beschrieben wird, und Diogenes Laertius notiert (7, 148), dass die Stoiker «bisweilen dasjenige Natur nennen, das den Kosmos erhält, und manchmal jenes, welches die irdischen Dinge erzeugt. Die Natur ist eine Seinsart, welche sich von sich aus ändert, entsprechend ihres eigenen Samens, ihrer inneren Ursachen, und sie generiert und erhält alle Dinge, die von ihr geboren werden, zu festgelegten Zeiten, und formt sie gemäß ihrer Abstammung».

Im krassen Gegensatz zu den Hylozoisten, geben die Philosophen der pythagoreisch-platonischen Richtung der Psyche den Vorrang, der Neuplatoniker Theodoros Asinaios nennt die Natur ein «Fahrzeug der Seele».

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