Zum Glück gibt es keine Spartaner mehr

Zum Glück gibt es keine Spartaner mehr

Stilian Ariston, 19. Gamelion 2791 / 9. Februar «2015»

Für die romäischen Nationalsozialisten der Goldenen Morgenröte (Chrysi Avgi) bricht eine neue Zeit an. Ihr Vorsitzender N. Michaloliakos und andere hochrangige Mitglieder der Partei sitzen in Untersuchungshaft wegen des Verdachts, mit der Goldenen Morgenröte eine kriminelle Organisation gegründet zu haben. In den letzten Jahren haben sich mehrere Mitglieder der Partei zahlreicher Delikte schuldig gemacht. Die Palette reicht von illegalem Waffenbesitz bis hin zur Ermordung politischer Gegner und Immigranten, weshalb manche von ihnen zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt wurden. Nun wird der Oberste Gerichtshof Griechenlands darüber befinden, ob die Partei eine kriminelle Organisation ist und folglich, ob die Verdächtigen sich der Gründung einer kriminellen Organisation schuldig gemacht haben. Das Urteil wird von Gegnern und Mitgliedern mit Spannung erwartet. Denn das Urteil wird im Falle einer Verurteilung die Auflösung der Partei nach sich ziehen.

Die romäischen Nazis treffen bereits Vorkehrungen für den Fall, dass ihre Partei vom Staat verboten wird. So haben sie eine, zumindest dem Namen nach «neue» Partei gegründet: die «Ethnische Morgenröte» (Ethniki Avgi). Vielleicht kommt ihr diese «Zwangserneuerung» letztlich entgegen, denn seit dem Jahr «1993» feilt sie an ihrer äußeren Wahrnehmung. Heute nennt sie sich nicht nur direktdemokratisch, sondern sieht sich darüber hinaus auch noch in der Tradition der Widerstandskämpfer Griechenlands gegen die deutschen Nazis. Somit würde ein neuer Name und ein neues Logo die Profilerneuerung komplett machen.

Uns interessiert an dieser Stelle der Name und das Logo der neuen Nazi-Partei. Dies mag den einen oder anderen überraschen, schließlich zeigte der Hellenismos nie Interesse für die politischen Parteien der Romiosini. Das hat sich nicht geändert. Jedoch gibt es Ausnahmen, welche die Abweichung von der Regel rechtfertigen. Den Hellenismos interessieren alle Parteien und Träger in dem Maße, wie diese sich für ihn interessieren. Und das Interesse der romäischen Faschisten für das Hellenentum ist seit der Militärdiktatur (1967-1974), heute noch von Nationalisten für ihre «national gesinnte» Wohlfahrtspolitik gewürdigt [1], nur noch größer geworden [2].

Für jede Misanthropie, rassistische Entgleisung und abstruse Geschichtsklitterung wird die althellenische Kultur als Beispiel herangezogen, die dann quasi jede Untat rationalisiert. Also sind die Hellenen die ersten Nationalsozialisten gewesen, Rassisten sollen sie auch gewesen sein und Feinde der Juden auch (eine Feindschaft, die sie bis zu anderen Galaxien zurückverfolgen). Und sie verwenden Worte, die schon damals in Gebrauch waren, und betrügen damit die Menschen, zu denken, gleiches Wort damals und heute, ebenso gleiche Bedeutung damals und heute [3]. Diese Vergöttlichung und Verzerrung des Hellenentums ist in den letzten 15 Jahren soweit gegangen, dass heute jeder unter dem Generalverdacht gestellt wird, Faschist zu sein, wenn er ein «unangemessen» großes Interesse am Hellenentum als Lebensweise bekundet. Gerade weil die Hellenen für jeden Faschismus herhalten müssen, Symbole unserer Kultur von Nationalisten pervertiert werden und Sätze antiker Philosophen passend umgedeutet werden, scheint dieser generelle Verdacht gerechtfertigt, doch das Bild täuscht [4].

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Das Symbol der Chrysi Avgi ist der Maiandros, ein hellenisches Symbol für den Gott Eros, und der Maiandros ist auch das Symbol der Ethnischen Morgenröte. Eine bekennende christliche Partei, welche Subventionen für die Mönchsrepublik Athos plant [5], sich aber mit hellenischen Symbolen schmückt, das Hellenentum zu ihrer Kultur erklärt und die Beibehaltung der Einheit von Kirche und Staat heilig hält, Gedichte an Hitler schreibt, den Hitlergruß gibt, vergreift sich an den Symbolen des Hellenentums und zwingt sie in den Dienst des Totalitarismus. Sie wissen, dass das Hellenentum noch zertrümmert am Boden liegt, sich gegen seinen Ausverkauf nicht zu Wehr setzen kann, und schlagen zu. Machen den Täter zum rechtmäßigen Erben seines Opfers, setzen die gleichen in Auflösung befindenden Legenden von Einheit und Fortentwicklung fort und stilisieren den Nationalismus, die wahrscheinlich schädlichste Ausgeburt des Monotheismus, zu einer schlechthin genuinen hellenischen Ideologie. Ihnen stellte sich keiner in den Weg. Bis gestern.

Diese Tage sind vorbei.

Kein Nationalismus der Romiosini hat das Recht, die Worte «Ethnos» und «Hellenentum» in den Mund zu nehmen. Der Nationalismus ist eine moderne politische Bewegung, wie man auf Encyclopedia Britannica lesen kann, die homogenisiert hat, was sein Vater Monotheismus von den natürlichen, sprich entwickelten, nicht gegründeten Ethnien übrig ließ. Er setzte ethnische Identität mit Staatsbürgerschaft gleich, die Ethnien mit den bis zu ihren Grenzen reichenden Nationalstaaten, setzte das Ethos, das die Ethnie eine solche sein lässt, herab und stellte das Blut an seiner Stelle auf. Die natürliche Ordnung der Ethnosphäre, welche von Vielfalt und Pluralismus gekennzeichnet ist, wurde zuerst von seinem Vater, dann von ihm ruiniert, in ihr Gegenteil gekehrt, das eingefallene Christentum zu ihrer Identität gemacht, Europa zum Abendland. Er befindet sich außerhalb der Natur, die er ständig attackiert. Mit vermeintlichen Gegensätzen wie Nationalismus-Internationalismus oder Gleichheit-Zwiespalt stellt er die Menschheit vor künstlich erzeugten Dilemmas, welche sie in das Unglück stürzen, vor dem er sie angeblich bewahren sollte. In Hellas setzt er das Hellenentum mit dem «griechischen» bzw. romäischen Nationalstaat und seinen Grenzen in einen Topf, fremd ist ihm die Vorstellung, dass Ethnien sich über die Grenzen ihrer Staaten erstrecken können und der Götzenkult des Nationalismus an ihrer Substanz nagt. Die Ethnien sind immer inhomogen. Insofern mag der Nationalismus im Namen der Nation sagen, was er will, doch die Ethnie gehört jener Welt an, die sein Vater in Brand setzte.

Das Hellenentum, das echte zumindest, will heißen historisch existente, ist keine verklärte Ideologie, sondern die Identität, Lebensweise, Religion und das innerpsychische Bild des hellenischen Ethnos. Das Wort Ethnos (Volk) stammt von Ethos ab [6]. Ethos bedeutet Verhalten, Charakter, Sitte. Der Ethniker, «Heide» im Deutschen, hat dieselbe Wurzel. Dieses Ethnos wurde vom romäischen Staat, Byzanz, verfolgt, in den Untergrund gejagt, seine Tempel und seine Heimat verwüstet, seine Religion und Lebensweise systematisch auseinandergenommen, seine Mitglieder gefoltert, enthauptet, verbrannt. Nach vielen Jahrhunderten und politischen Umbrüchen, entscheidet der Feind, die Identität seines Opfers anzunehmen, entscheidet der Feind … «du» zu sein. Deine Kultur wird zu seiner Vergangenheit degradiert, er selbst ist die Fortsetzung, Einheit von Hellenentum und Byzanz. Die Philosophen der Hellenen werden Verkünder des religiösen Faschismus / Monotheismus, die Sprache zum identitätsstiftenden Faktor und die Orthodoxie das Merkmal echter Hellenizität, da sie das Hellenentum in den Jahren der Osmanenherrschaft bewahrt habe. Alles wofür die Hellenen gekämpft und gestorben sind, ist nun ihr Erbe, auch wenn sie eben genau das negiert haben. Als Alexandros, Sohn des Amyntas zu den Athenern ging und sie zu überzeugen suchte, nicht gegen Xerxes in den Kampf zu ziehen, antworteten diese «Götzendiener», deren Weisen den «Einen Gott» gefunden haben sollen, folgendes: «Wir wissen selber, daß die persische Macht vielmal größer ist als die unsrige, es war nicht nötig, uns das vorzuhalten. Trotzdem werden wir um unsere Freiheit kämpfen, solange wir noch Kraft haben. Mache keinen Versuch, uns zur Versöhnung mit den Barbaren zu überreden … solange die Sonne ihre alte Bahn wandelt, gibt es keine Versöhnung zwischen uns und Xerxes. Im Vertrauen auf den Beistand der Götter und Heroen, deren Häuser und Bilder er gottlos verbrannt hat, werden wir ihm fest entgegentreten.» Den spartanischen Boten versicherten sie: «Vieles und Großes verbietet uns das [Versöhnung mit Xerxes], selbst wenn wir es tun wollten; erstens und hauptsächlichst die niedergebrannten und zerstörten Götterbilder und Tempel, für die wir blutigste Rache üben müssen, ehe wir uns mit dem Manne, der das getan, versöhnen können; ferner die Bluts- und Sprachgemeinschaft mit den anderen Hellenen, die Gemeinsamkeit der Heiligtümer, der Opferfeste und Lebensweise.» (Herodot, 8.143 und 8.144. Dt. Übrs. von A. Horneffer)

Für die Heimat und Altäre fochten sie den Kampf für die Freiheit und Autonomie von Hellas. Daran sollen sie immer denken, wenn sie sich herablassend über die hellenischen Ethniker, die Götter der Hellenen äußern oder ihre diffusen Ehrenbekundungen am Denkmal für die Gefallenen abhalten. Denn die Antwort der Athener wurde zur Antwort von ganz Hellas, zum Kriegsschrei der Spartaner, die bis zum bitteren Ende dem Feind die Stirn geboten haben. Und zu ihrem eigenen Glück gibt es die Spartaner nicht mehr, denn auch den totalitären Diadochen Konstantins des «Großen» und Justinians wären sie fest entgegengetreten.

Plethon, Marullus, Kallentzis und alle anderen haben nicht für die Instrumentalisierung und Pervertierung des Hellenentums Blut und Wasser geschwitzt, sondern für seine vollständige Restauration. Diese werden wir weiter führen, solange wir atmen. Die Götter sind unsere Zeugen. Wir lassen uns nicht verführen und täuschen, mag sich die Goldene Morgenröte noch so hellenisch geben. Für Freiheit, echte Demokratie und Selbstbestimmung werden wir eintreten, wo und wann wir können, und unsere Symbole und Heiligtümer nicht an Faschisten abtreten. Niemals. Wir werden nie das wahre Gesicht des Nationalismus verkennen, nie vergessen, was Nationalismus bedeutet und bedingt. Das garantieren wir allen Nazis dieser Welt. Wir werden nicht zulassen, dass dem Hellenismos passiert, was der germanischen Weltanschauung in den Händen der Nazis passiert ist.

Die Nazis müssen sich nicht vor dem Weltjudentum, dem Zionismus oder Schneewittchen fürchten, brauchen bei uns keine Horrorszenarien beschwören und Verschwörungstheorien bedienen, sie gehören nicht zu uns; solange sie unsere Kultur plündern und für Tücke und Hinterhalt unsere Symbole gebrauchen, unsere Geschichte, um zu blenden, werden wir ihr größter Alptraum sein. Und wir versichern allen Betrügerinnen und Betrügern, dass unsere Methoden nicht Messerstechereien, Pogrome und Schädelbruch sind, sondern die Würde der Arete: Tapferkeit, Gerechtigkeit, Geradlinigkeit.

Wir werden unsere Kultur schützen vor allen Gegnern und «Mitgliedern» des Hellenentums. Die Tage des Nationalismus sind gezählt. Die Morgenröte der Ethnien naht.

Anmerkungen:
1) Die Junta (Diktatur) der Offiziere ist für die Besetzung Zyperns verantwortlich und hätte sich um Haaresbreite eines Krieges zwischen Griechenland und der Türkei verantwortlich gemacht. Doch die Nationalisten gaben und geben den Juden, Kommunisten, Amerikanern etc. die Schuld am selbstverursachten Desaster. Dass sie die Kleinasiatische Katastrophe mitverursacht haben, zeigen sie bis heute keine Reue. Denn auch hier waren «ausländische Kräfte» am Werk. »Das verbrecherische Unterfangen Ioannidis und seiner Komplizen führte Griechenland an den Rand einer kriegerischen Auseinandersetzung mit der Türkei, die auf den Putsch der nationalistischen Rechtsextremisten gegen Makarios mit der am 20. Juli begonnenen Landung türkischer Truppen auf der Insel reagierte. Am 23.7.1974 stand Griechenland somit vor dem Abgrund. Dem für einen Krieg völlig unvorbereiteten Land drohte eine neue ›Kleinasiatische Katastrophe‹. […] Angesichts des drohenden außenpolitischen Unheils brach die Junta zusammen.«
Pavlos Tzermias: Neugriechische Geschichte: Eine Einführung. S. 206, 3. überarb. u. erw. Aufl., Francke Verlag, Tübingen 1999.

2) Freilich meinen sie mit «Hellenentum» nicht das real existierende, sondern das von Nationalisten und Kirche vor zweihundert Jahren fabrizierte. Dieses «Hellenentum» ist ihre eigene Kultur, die Romiosini, als Fortsetzung der hellenischen Kultur. Diese Ideologie, «Hellenochristianismus» genannt, eine Einheit von Hellenentum und Romiosini, wird an griechischen Schulen gelehrt und vom «griechischen» Staat propagiert. Daher verstehen wir nicht, inwiefern sich die Goldene Morgenröte als eine Erneuerung Griechenlands verstehen will, wenn sie doch nur die gleichen Lügenmärchen recycelt.

3) Diese Taktik haben sie sich von den orthodoxen Apologeten abgeschaut, aber da schenken sich beide sowieso nichts.

4) denn die Militärdiktatur, die Chrysi Avgi, die Partie LAOS – sie alle waren und sind christlich, wie auch ihre Mitglieder. Stolze «Hellenen» für Hellas und Jesus im Kampf gegen das Weltjudentum, die Zionisten etc. Und wissen sie von vielen Genoziden ihrer Feindbilder an andere Völker, vom Völkermord an den Hellenen scheinen sie bis heute nicht gehört zu haben.

5) ironischer Weise sind die Mönche von Athos für den Zusammenbruch und die Einnahme Byzanz´ durch die Osmanen verantwortlich gewesen. Die christlichen Mönche wurden von den Hellenen am allermeisten gehasst, denn «als übelste Zerstörer fungierten jene ’schweinischen Schwarzröcke‘, wie die Griechen sagten, die wie Menschen aussähen, doch wie Schweine lebten» (K. Deschner, Kriminalgeschichte des Christentums Bd. 3, S. 208, Reinbek bei Hamburg 2004) und die sich als die größten Ungeheuer der Christenheit erwiesen haben. Wen verwundert diese unheilige Allianz, neu ist ist sie nicht. Wie wir aus dem Byzantinischen und Dritten Reich, aber auch aus der Militärjunta wissen, waren Faschisten und Christen aneinander nicht unbedingt abgeneigt, und generell reichte das nächstenliebende Christentum seine Hand immer wieder gern dem Nationalismus, wann immer die Zeiten oder Machtverhältnisse dies natürlich zuließen. Aber wir wollen dem Monotheismus nicht vorwerfen, ein vorzügliches Verhältnis zu seinen Schöpfungen zu haben. Der Apfel fällt nicht weit vom Baum.

6) Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, 9. Aufl., S. 241, München: Oldenbourg, 1965 [org. 1908].

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