Über die väterlichen Götter

Vlassis G. Rassias: »Peri ton patroon Theon«, in: Rassias (Startseite: Texts and Interviews Translated into German), zuletzt abgerufen am 8. Gamelion 2791. Auszug aus der griechischen Publikation »Über die griechische Krankheit, Band I: Die väterlichen Götter« (3. Aufl., Athen 2003). Ins Deutsche von Simon Zavrakidis. Von Stilian Ariston korrigiert.

Die Griechen waren eines der wenigen Völker in der Geschichte der Menschheit, das sich der menschlichen Natur wegen nicht schämte oder schuldig fühlte, das Leben liebte und im Tod nicht dieBefreiung von den „ordinären“ irdischen Dingen sah; ein Volk, dem jegliche Form der Selbsterniedrigung völlig undenkbar schien und das im ursprünglichen und wahrsten Sinne des Wortes „politisch“ war. „Politik“. Dieser besondere Begriff veranschaulicht die enge Bindung des Griechen an die Geschehnisse innerhalb des psychogeographischen „Zeit-Raums“, in dem er hineingeboren wurde und als dessen natürlicher und unzertrennlicher Bestandteil er sein Leben lebte.

Die Griechen selbst haben ihm einen namen gegeben („Polis“), welcher sehr bald den spezifischen Unterschied zwischen ihnen und den „Barbaren“ ausmachte, wie auch die etymologische Wurzel dessen, was später einmal „politismós“ (Zivilisation) genannt werden sollte. Im Zuge dieser Entwicklung begannen die Griechen, nur das zu akzeptieren, was sich ihnen rational erschloss – ohne dass man von ihnen vorher verlangt hätte, sie sollten im Staub kriechen oder das verachten, was sie nun einmal waren, sei es im Guten oder im Schlechten. Keine ihrer unzähligen „ethnischen“ Gottheiten oder, um es anders auszudrücken, der Manifestationen des kosmischen göttlichen Seins in ihrem vertrauten psychogeographischen Umfeld war für die Griechen anarchisch oder absolutistisch, schließlich galt ihnen jede Art des Absolutismus als regelrecht barbarisch, insofern hatte kein „Existierendes“ das Recht, „vor allen anderen existiert zu haben“.

Im Gegensatz zum wilden Gott der Bibel, der die Welt angeblich… „aus dem Nichts“ (!) erschaffen haben soll, wurden alle griechischen Götter geboren und all ihre Geburten dienten einem bestimmten spezifischen Zweck. Es gibt nicht einen einzigen griechischen Gott, der bloß „zum Spaß“ oder ohne Grund geboren worden ist, nur um über die Welt der Sterblichen zu gebieten oder um ewig in einem konstanten Zustand der Ataraxie das Privileg der Zugehörigkeit zur Götterklasse zu genießen. „Die Götter haben die Welt nicht erschaffen, sondern erobert“ (G. Murray, Four Stages Of Greek Religion, New York 1912). Tatsächlich eroberten die „Olympier“ den Olymp im Sturmangriff. Zeus bezwingt den Kronos, d.h. nach einer etymologischen Bedeutung des Namens: den Chronos (die Zeit), der „seine Kinder verzehrt“, alles verschlingt, das in ihm entsteht und wieder vergeht, damit das Geschlecht der olympischen Götter dem unheilvollen Kreislauf aus Geburt und Tod entgehen kann.

Möglicherweise hatte Jacob Burckhardt vollkommen recht, als er den Schluss zog, dass die anzestrale griechische Religion „einen Aspekt der Wesensart des griechischen Volkes“ darstellte. Der Grieche wünscht sich von seinen Göttern einfach nur, dass sie ihn unterstützen und ihm wohlgesonnen sind, aber keine moralische Belehrung oder großartige Wundertaten. Er möchte schlicht und einfach, dass sie weiterhin die Vollkommenheit des existierenden Kosmos und seinen Bestand garantieren. Er möchte nicht, dass sie in Gestalt von Wundernin sein Leben eingreifen, und ebenso wenig will er, dass sie wie der Gott der Israeliten die Geschichte selbst in eine grässliche lineare Gotteserscheinung (Theophanie) verwandeln. Die griechischen Götter verstecken sich nicht hinter den dichten Nebelschwaden einer Pseudomoral oder dem Schein überwältigender Wundertaten. Sie sind Manifestationen, Ausdruck, Prinzipien, Urbilder des einheitlichen, weltumspannenden Göttlichen, das dem Kosmos immanent ist und bis zum letzten Winkel durchströmt. Sie sind keine vom Naturgesetz unabhängigen, noch dazu „absolute“ und mit „allgütigen Herzen“ ausgestattete außerkosmische Entitäten. Das ewige omnipotente Gleichgewicht des Universums umfasst sowohl die Synthese (Zusammensetzung) als auch die Aposynthese (Zersetzung), sowohl das, was wir grob als „gut“, als auch das, was wir ebenso grob als „böse“ bezeichnen. Es beinhaltet genauso viel Milde wie es Gewalt beinhaltet, die „Freundschaft“ genauso wie den „Streit“. (Harmonie entsteht aus dem Zusammenspiel von Freundschaft und Streit, wie Empedokles sehr richtig bemerkt hat.)

Heraklit beschreibt Gott auf sehr treffliche und vor allem auf griechische Weise, wenn er erklärt: „Gott ist Tag und Nacht, Sommer und Winter, Krieg und Frieden, Hunger und Sättigung“. Alle Dinge befinden sich in einer ständigen Wechselbeziehung mit ihrem Gegenteil. (Aphrodite wird als Göttin der Keuschheit und der Ehe, aber auch der unbändigen Sinnlichkeit verehrt. Darüber hinaus finden wir sie in Sparta bisweilen als Aphrodite Enoplios bewaffnet und als Aphrodite Morpho auch gefesselt dargestellt. Dionysos passt mit seiner Epiklesis als Zagreus und Iakchos zur strengen Atmosphäre der Orphik wie zu den Eleusinischen Mysterien; außerdem tritt er im Rahmen des ekstatischen und rohverschlingenden Mänadismus als Gott des ewigen Lebens auf, aber ebenfalls auch als der unumstrittene Gott des Todes. Apollon bringt die Harmonie, die Vergebung, die Reinigung und die Heilung, gleichzeitig vertritt er aber die geistige Härte eines Eleleus [Schlachtrufers] und harten Bestrafers u.a.) und gewährleistet so das universelle Gleichgewicht: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Aus diesem Grund wird die Vorherrschaft der Griechengötter des Dodekatheons, die Durchsetzung der olympischen Ordnung und die damit einhergehende Gestaltung der ungeordneten Unendlichkeit zum Kosmos symbolisch mit einem Überfall, der Eroberung nach einer erbarmungslosen Schlacht dargestellt (G. Murray: The Four Stages of Greek Religion, New York 1912 und M.I. Finley: The World Of Odysseus, London 1956). [Anm.: das griechische Wort kósmos bedeutet „Ordnung, Schmuck“.]

Der Grieche verschließt seine Augen nicht vor den Tatsachen, er verfällt nicht der Illusion eines vorgeblich ewigen Kampfes zwischen dem „absolut Guten“ und dem „absolut Bösen“, der zum angeblich endgültigen Sieg des ersteren über den letzteren hinauslaufen soll (zoroastrischer Dualismus) oder der Illusion einer vermeintlich uralten Teilung des Kosmos zwischen dem „guten“ autokratischen Gott und Iblis Shaitan oder Satan (islamischer und judäochristlicher Dualismus), der gleichzeitig Optimismusspritzen verpasst werden, damit das Interesse der Gläubigen nicht nachlässt (das Versprechen auf eine endgültige Begleichung aller Rechnungen in einer weit entfernten „Zeit der Erfüllung“). Der griechische Polytheismus unterscheidet sich von den oben erwähnten „offenbarten“ (d.h. historisch begründeten) Religionen nicht nur deshalb, weil er die Existenz eines angeblich absolut Bösen (wie z.B. den Teufel der Judäochristen) nicht anerkennt, zumal das für die meisten ethnischen Religionen gilt, sondern weil für den Griechen jede Absolutheit, als Idee, völlig inakzeptabel war (außerdem sind das „Gute“ und das „Böse“ streng menschliche Vorstellungen, die in der kosmischen Arena keine Anwendung oder Gültigkeit finden). Abgesehen von all dem unterscheidet sich der griechische Polytheismus zusätzlich durch die Tatsache, dass er zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, zumindest soweit wir wissen, das äußerst tiefsinnige Konzept der Notwendigkeit, die Existenz der unerbittlichen Gottheit Adrasteia (Unentrinnbarkeit) und des Gesetzes der Heimarmene (Schicksal) erfassen konnte.

Es handelt sich dabei um das allmächtige kosmische Gesetz der Notwendigkeit, welches für die Griechen Bestand hat, seitdem das anfang- und endlose ewige All existiert, also seit immer. Dieses Gesetz regiert das All mit seiner unbeugsamen Logik, ist sogar der Macht der Götter übergeordnet, die es beherrscht. Sogar der allmächtige Gott Zeus Kronides soll gestürzt werden, sobald aus seinem Samen und von einer sterblichen Frau (Semele) der Herrscher des Weltlichen Dionysos (Dio-Nous = Zeus’ Geist) geboren wird. Von da an soll Dios-Nous derjenige sein, der an Stelle des bekannten Umstürzlers des Kronos-Chronos, an Stelle von Zeus das Weltliche regiert, während sich Zeus als „Olympier“ (Strahlender) zur höchsten ethischen Instanz des Kosmos wandelt. Hier müssen wir erwähnen, dass der Begriff der Notwendigkeit nicht unvereinbar mit dem Gedanken der Freiheit ist. Im Gegenteil, er beinhaltet sie als eine Errungenschaft der Harmonie, Tugend und Gerechtigkeit. „Doch das allgemeine Gesetz ist lang und breit ausgespannt durch den weithin herrschenden Feueräther und den unermeßlichen Himmelsglanz“, sagt uns Empedokles. Ein abgrundtiefer Unterschied zu den theokratischen Religionen der Antike, aber auch der Gegenwart. Da sie den Kosmos nicht erschaffen haben, wissen die „olympischen“ Götter, dass sie kein Recht haben, seine Zusammensetzung zu verändern, weder zum (nach menschlichen Maßstäben) „Besseren“ noch zum (ebenfalls nach menschlichen Maßstäben) „Schlechteren“ (M. I. Finley: The World Of Odysseys, London 1956).

Da die Griechen der „Substanz“ [ousia], von der sie letztlich selber abstammten, Ehre entgegenbrachten („eins ist der Menschen und Götter Geschlecht. Von einer Mutter haben wir beide den Atem, doch trennt uns gänzlich verschiedene Macht“, verkündet Pindaros), aber auch das Ideal der Würde hoch in Ehren hielten, definierten sie die „Eusebeia“ (Pietät) schlicht als den Respekt und die Achtung „gegen die Götter und Verstorbenen“. Und schon bald wurde aus ihnen eines der zweifellos frommsten Völker in der Geschichte der Menschheit.

Alle kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Tätigkeiten der Griechen standen in unmittelbarer Beziehung zu den griechischen Göttern: die Literatur ist sehr oft religiöser Natur, wobei sie der Falle, „heiligen Schriften“ zu verfassen, geschickt aus dem Weg zu gehen wussten. So auch das Drama, das als ein rein religiöses Phänomen startete und trotz aller Umwandlungen über die Jahrhunderte hinweg religiös blieb. Die Philosophie, sowohl die vorsokratische „über die Natur“ als auch die darauffolgende „über den Menschen“, war in der Regel religiös konnotiert, ebenso die Gesetzgebung und die sportlichen Wettkämpfe. Walter W. Hyde informiert uns diesbezüglich, dass jede griechische Polis viel mehr Heiligtümer beherbergte, als irgendeine moderne christliche Stadt an Kirchen hat. Allein in der Polis Athen gab es über zweihundert Heiligtümer! (Greek Religion And Its Survivals, New York 1963).

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