Über die Natur der ethnischen Götter

Vlassis G. Rassias: Über die Natur der ethnischen[1] Götter, in: Rassias (Artikel, News, Veranstaltungen), zuletzt abgerufen am 10.04.»2014«. Wurde zuerst im hellenischen Magazin DIIPETES veröffentlicht. Aus dem Griechischen ins Deutsche von Stilian Ariston.

1. Die Notwendigkeit für Erklärungen und Definitionen

Wer sich auch immer mit dieser Thematik auseinandersetzt, kann unschwer erkennen, dass sowohl die einen, die die ethnische hellenische Religion anfeinden wie auch manch andere, welche zwar nicht aktive Mitglieder derselben sind, aber so tun als ob[2], sich systematisch davor drücken zu erklären, was das denn sein soll, das sie jeweils anfeinden oder angeblich ehren. Mit wenigen Worten, klarzustellen, was die Götter sind. Natürlich ist diese Ausflucht rational und ohne Weiteres durchschaubar, da keine der beiden zuvor erwähnten Menschengruppen eine besonders große Affinität zur Klarheit verspürt, die ihrerseits wiederum nur für die aufrichtigen und wohlmeinenden Menschen zu haben ist. Bevor wir nun an dieser Stelle über die Natur der Götter, die Natur unserer Götter sprechen, ist es notwendig, kurz auf jene Worte Bezug zu nehmen, mittels derer der Theologe und Philosoph Sallustios[3] uns in sein bekanntes Werk »Über die Götter und die Welt« einführt.

Sallustios schreibt: »Diejenigen, die über die Götter hören wollen, müssen von klein auf gut und nicht mit närrischen Meinungen erzogen worden sein. Es ist ebenfalls notwendig, dass sie von Natur aus logisch und gut sind, um die Lehren, die sie hören, auch akzeptieren und richtig verstehen zu können. Außerdem ist das Wissen um die allgemeinen Begriffe unerlässlich; aber allgemeine Begriffe sind jene Dinge, die alle Menschen zweifellos anerkennen, wenn sie richtig danach gefragt werden.«[4]

Es ist klar, dass von den oben angeführten Voraussetzungen nur wenige in der heutigen Zeit gegeben sind, in der die Menschen eine abergläubische Erziehung erdulden müssen, mit der Vernunft nicht allzu viel am Hut und kaum Zugang zu den allgemeinen Begriffen unsrer hellenischen Vorfahren haben. Und deshalb sind wir aufgefordert, größere Anstrengungen zu unternehmen, um die Natur der Götter verständlich zu machen. Wir hoffen, dass die Leser, zumindest die wohlmeinenden unter ihnen, uns dies nachsehen werden.


2. Eine einleitende Definition

Wenn eine erste, einleitende Definition der Götter gegeben werden müsste, würde diese folgendermaßen lauten: »Götter« heißen einige vollkommene und ordnungsstiftende Wesen, welche durch Unsterblichkeit und Wissen ausgezeichnet sind. (An dieser Stelle ist es von Interesse, unser Augenmerk auf eine sehr aufschlussreiche Stelle der jüdischen Mythologie, nämlich auf Genesis 3,22 zu richten, wo die Geschichte von den sogenannten »Erstgeschaffenen Edens« erzählt wird und der jüdische Nationalgott Jehova angeblich genau das selber zugibt, nämlich, dass die Natur des Göttlichen aus Unsterblichkeit und Wissen besteht.) Die Götter umströmen / durchströmen unbehindert den ganzen materiellen Kosmos und wirken auf ihn ein, beteiligen sich an der αειγενεσία, d.h. an der konstanten Zusammensetzung und Auflösung der Formen, mischen sich nicht in die Wirkfelder anderer Götter ein, sind dem physikalischen Determinismus verpflichtet und dienen den kosmischen Gesetzen. Die Götter wirken unaufhörlich und »ziehen« sich selbstverständlich nicht zurück, gehen nicht in einer Person »auf«, werden nicht »ersetzt«, hören nicht auf zu existieren, werden nicht »besiegt« gemäß dem Gusto oder den Erwartungen respektloser Sterblicher oder organisierter Systeme der Asebie.


3. Wesen, und nicht Personen

Wir sprachen bereits von »όντα« [transkribiert: Ónta, dt. »Wesen«], und zwar im Plural. Wir erinnern an dieser Stelle daran, dass die Bestimmungen »Eines« und »Einheit« nur einen vergleichenden numerischen Wert besitzen und notwendigerweise Vielheit voraussetzen. Alles ist »vervielfachtes Eines«, und darin kann es kein unabhängiges »Eines« geben. 

Wir greifen also nun auf den bereits verwendeten Begriff »Wesen« zurück und heben auch andere Punkte deutlich hervor, damit wir vermeiden, dass unser vorprogrammierter Verstand bei modernen einschränkenden und unnatürlichen Konzepten stehen bleibt, die das Verständnis dessen, was wirklich ist, obstruieren. Man könnte sicherlich von »Mächten« sprechen, weil die Götter genau das sind, denn auch Sallustios sagt dies mit klaren Worten: »die Götter bestehen nicht aus Körpern, weil die Mächte immateriell sind«[5]; aber leider übersetzt der heutige Verstand dies mit den uns geläufigen »Naturmächten« wie zum Beispiel mit der Schwerkraft u.a. Dieser Begriff vermittelt offensichtlich ein falsches Bild von der eigentlichen Natur der Götter. Also werden wir auf die Bezeichnung »ónta« bestehen, Präsens Aktiv des Verbs »ειμί« (»sein«, »existieren«)[6], und möchten vor allem betonen, dass die Götter keine »Personen«[7] nach der Art sind, wie die jüdischstämmigen Religionen ihren vermeintlichen »einzigen« »Gott«[8] wahrnehmen, weil jede »Person« (lat. Persona) [A.d.Ü.: griech.: πρόσωπο[9], transkr. Prósopo] naturgemäß eingeschränkter sein muss als das wahrhafte Sein[10] und somit notwendigerweise wirkt, anstatt »zu sein« und, im Falle der Götter, die Kohärenz und Ordnung eines Systems zu gewährleisten, das ihre Existenz zur Grundlage hat.

Darüber hinaus setzt »ωπός« (Auge) die »Begrenzung« (also eine äußere »Hülle«, unabhängig vom Grad der Materialität) eines zwangsläufig individuellen Wesens voraus, sowie einen externen fremden Außenraum als Aufenthaltsort solch eines individuellen Wesens und obendrein, seine Wahrnehmung als Person/Gestalt (lat. »Vultus«), was natürlich absurd wäre, denn dadurch würde Gott endlich und nicht-allgegenwärtig gemacht. Während die widersprüchlichen Theologen der jüdischstämmigen Religionen gezwungen sind, ihren angeblich persönlichen »Gott« irrationaler Weise außerhalb des manifestierten Universums zu setzen, sind die Götter für uns Ethniker gerade wegen ihrer offensichtlichen Unpersönlichkeit imstande das gesamte Sein zu durchdringen/durchströmen und sich ineinander zu diffundieren, ohne jedoch die besondere Natur des jeweiligen Gottes zu verändern[11].

Kehren wir nun wieder zu Sallustios zurück, und zwar zu der Stelle, an der er folgenden Hinweis über die 12 Götter gibt: »… während diese zwölf Götter auf irgend eine Weise über die Welt herrschen[12], meinen wir, dass auch andere Götter in ihnen enthalten sind. Zum Beispiel Dionysos in Zeus, Asklepios in Apollon und die Grazien in Aphrodite.«[13] Zusammenfassend betonen wir, dass die vollkommenen, guten[14], unsterblichen, gerechten, weisen und ewigen Götter, auch unpersönlich, geschlechtslos[15], unveränderlich, unendlich und miteinander verbunden sind, körperlos, aber von dualer Substanz sind. 


4. Die Unantasbarkeit der Götter

All dies macht klar (und widerlegt selbstverständlich obendrein die listigen Theorien, die in den letzten eineinhalb Jahrhunderten fieberhaft von verschiedenen theosophischen Kreisen in Umlauf gebracht werden, und die besagen, dass die Götter angeblich… die vergöttlichten Seelen von Sterblichen seien!), dass die eindeutig unpersönlichen Götter sich in Raum und Zeit aufhalten, aber davon völlig unberührt bleiben. Nichts hält die Götter in sich gefangen und vor allem zerfallen diese nicht mit der Zeit wie beispielsweise die auflösbaren Dinge, weshalb sie zu Recht »die Unsterblichen« und »Unvergänglichen« genannt werden. 

Außerdem, und dieser Punkt ist sehr wichtig, haben die Götter, wie schon vorhin bemerkt, kein Geschlecht und auch keine andere Eigenschaft sterblicher Wesen. Kein Gott kann sich jemals von der ersten Ursache trennen. Das gleiche meint auch Sallustios, wenn er schreibt: »jeder Gott ist gut, frei von Leid und Veränderungen … Jeder Gott ist ungeschaffen und hält sich weder in Körpern noch im [dreidimensionalen] Raum auf, trennt sich nie von der ersten Ursache und den anderen Göttern[16] (genauso wenig wie die Gedanken sich vom Verstand trennen lassen).«[17]


5. Eine sehr nützliche Zusammenfassung

Die bis heute beste Definition der Natur der Götter habe ich in einem polytheistischen »Glaubensbekenntnis« gelesen, das vor Jahren, 1991, die Redaktion der Zeitschrift »Scroll of Oplontis« veröffentliche, die es bedauerlicherweise nicht mehr gibt. Ich mache sie an dieser Stelle publik:
»
Das Wort ›Polytheismus‹ ist von den griechischen Wörtern ›poly‹ (viel) und ›theos‹ (Gott) abgeleitet und bedeutet »Verehrung vieler Götter«. Polytheismus ist deshalb als ein Glaube an die Existenz vieler Götter definiert. Er ist die Idee, dass es zahlreiche göttliche Kräfte gibt. Er ist die Idee, dass das Göttliche letztendlich in zahlreichen separaten Entitäten oder Wesen wohnt. Es gibt viele Götter und Göttinnen. Die Götter sind die größten und mächtigsten Wesen. Sie sind weise und gerecht. Sie sind unsterblich. Sie verdienen Achtung und Anbetung. Die Götter haben viele Formen und können sich auf vielfältige Weise offenbaren. Sie sind sowohl immanent als auch transzendent.

Sie sind in den Elementen und Formen des Seins gegenwärtig. Sie manifestieren sich in den Kräften der Natur, in Materie und Energie, aber sie sind auch transzendente Wesen, die an keine materielle Form gebunden sind. Die Götter können sich in menschlichen oder anderen Wesen offenbaren, als Pflanzen oder Tiere oder als materielle Gegenstände. Es gibt für die Götter und Göttinnen keine Grenzen der Form oder des Seins. Sie sind, was sie sein wollen. Das Göttliche ist vielfältig und verschieden, sowohl in der Erscheinung als auch in seinem Wesen. Es ist nicht so, dass sich hinter all der Vielfalt göttlicher Formen ein einziger Gott oder eine einzige Göttin verbergen würde. Die Götter sind keine Archetypen. Sie sind keine imaginären Symbole menschlicher Aktivität oder des menschlichen Geistes. Sie sind keine symbolischen Darstellungen von natürlichen Ereignissen und Prozessen.

Die Götter und Göttinnen sind real. Sie existieren. Ihre Weisheit und Macht gestaltet diese Welt, diese bestimmte Form des Kosmos. Ihre Schönheit und Anmut werden für immer bestehen. Die Götter und Göttinnen sind freie und unabhängige Wesen. FREI erkennen wir ihre Existenz an und erweisen ihnen Achtung und Verehrung. Sie brauchen oder verlangen diese Anerkennung aber nicht. Die allmächtigen[18] Götter und Göttinnen brauchen nichts. Was immer sie wünschen, schaffen sie einfach.«[19]


6. Eine hilfreiche Etymologisierung

Im Anschluss an den obigen Text und weil Antisthenes zufolge im extensiven Studium der Namen in der Tat der Anfang aller Weisheit liegt, müssen wir anmerken, dass der Begriff »Theós« [A.d.Ü.: Gott] eigentlich ein Adjektiv ist, nützlich für die Bestimmung aller Wesen, die die oben beschriebenen Eigenschaften, insbesondere die strukturgebenden unter ihnen, aufweisen. Über die Herkunft dieses Wortes sagt Herodot (2,52), dass die Götter so genannt wurden, weil sie allen Dingen Ordnung verliehen haben: »έθυον δε πάντα πρότερον οι Πελασγοί θεοίσι επευχόμενοι, ως εγώ εν Δωδώνηι οίδα ακούσας, επωνυμίην δε ουδ’ ούνομα εποιεύντο ουδενί αυτών, ου γαρ ακηκόεσάν κω. Θεούς δε προσωνόμασαν σφέας από του τοιούτου ότι κόσμωι θέντες τα πάντα πράγματα και πάσας νομάς είχον« (»Die Pelasger haben in früheren Zeiten, wie ich in Dodone erfahren habe, alle ihre Opfer unter dem Gebet an die Götter im allgemeinen verrichtet, ohne den einzelnen Gott namentlich anzurufen; denn sie kannten eben die Götternamen noch nicht. Den Namen »Götter« [›Ordner‹] gaben sie ihnen aus dem Grunde, weil sie allen Dingen Ordnung verliehen hätten und alle Gaben nach ihrem Willen verteilten«)[20]. Indes beschreibt der stoische Theologe Curnutus in seinem sehr wichtigen »Kompendium der überlieferten Meinungen zur griechischen Theologie« die Götter mit den Worten »Stifter und Schöpfer der entstehenden Dinge«[21].

Die Etymologie aus dem Wort »theein/θέειν« [A.d.Ü. laufen, bewegen], die Platon in »Kratylos« (397d) mit der Sonne und dem Mond als Beispiel unternimmt, ist sehr »eng« gehalten und insoweit von zweifelhafter Gültigkeit, denn sie stützt nur die bekannte Theorie und Anerkennung der Himmelskörper als »Götter« in der gesamten pythagoreisch-platonischen philosophischen Tradition (mit der zusätzlichen Überzeugung, dass die Himmelskörper die Quelle des Wissens von der Zahl[22] als der Grundlage von Intelligenz und Ethik seien), in den ersten Werken des Aristoteles und natürlich bei den Neuplatonikern und Neupythagoreern. Diese platonische Etymologie würde eher auf die Titanin Theia zutreffen, die die Rolle der Bewegung innerhalb des manifestierten Kosmos zum Ausdruck bringt. 


7 . »Demnach …«

Durch das, was bereits erwähnt wurde, ist hoffentlich ausreichend geklärt worden, was die in jeglicher Hinsicht existierenden Götter des Polytheismus sind (zumindest soweit existent, wie die natürliche und objektive Wirklichkeit selbst). Und es ist hoffentlich ebenso deutlich gemacht worden, weshalb alle ethnischen Pantheons Gültigkeit besitzen und alle Götter tatsächlich existieren, an die sich die Menschen seit ältester Zeit mit ihren Bitten wenden – die vielen und schönen Glieder der einstig vielfältigen und gesunden Ethnosphäre des Planeten Erde. Aus diesem göttlichen strömenden Fluss, den »Sitz« der Götter, die allgegenwärtige und immerwährende höchste Ebene des »Olymp«, hat jeder Mensch, jeder Stamm, jedes Volk das in seine natürliche Realität »geholt«, was seinen Anlagen, seiner Mentalität und kulturellen Herkunft entspricht.

So sehr die Psychopathologie der christlichen Theologen auf der anderen Seite sie auch dazu verleitete, zu allen Zeiten[22] hoffnungslos intolerant, unverschämt und respektlos zu krächzen, dass »alle Götter der Ethnien Dämonen sind« (sic), so sehr auch die wahre Bedeutung des offensiven Begriffs »Götzenkult« – dazu verwendet, um die ursprüngliche, natürliche, ungestiftete Religion der Menschheit, also den Polytheismus zu verunglimpfennicht die Verehrung »unwirklicher« Götter bedeutet, wie sie naive Menschen glauben lassen, sondern die Verehrung von … echten »Dämonen«[23] (sic), wird der Kosmos nicht nur lange nach dem Zusammenbruch der »monotheistischen« Betrügerei bestehen bleiben, aber auch nach dem Zusammenbruch der gesamten heutigen »Zivilisation« der Hybris und Asebie. Und mit ihm zusammen werden auch die Götter weiter existieren, unsere echten [A.d.Ü.: nicht menschengeschaffenen], vielen und natürlichen Götter. In einer für unseren Verstand ungreifbaren Zukunft, wenn etliche Zeit davor die letzten Priester der gegründeten Religionen zusammen mit ihren riesigen Reichtümern und ihrem Herrschafts-Schnick-Schnack zu nichts weiter, als einer Handvoll Sternenstaub geworden sind.

 

 


Anmerkungen des Übersetzers zum besseren Verständnis des Textes:

1. Im ethnischen Hellenentum wird das Adjektiv ethnisch im ursprünglichen, sprich: im etymologischen Sinne verwendet. Das Adjektiv »ethnisch« stammt vom Ethnos (Volk) ab, das wiederum auf den älteren Begriff Ethos (Verhalten, Gewohnheit, Sitte) zurückgeht. Demnach ist eine Ethnie eine Gruppe von Menschen mit einem gemeinsamen Ethos. In diesem Kontext bedeutet ethnisch soviel wie »indigen, eingeboren, autochthon, polytheistisch«. Doch jemand im deutsch- oder englischsprachigen Raum, der sich mit der Materie nicht auskennt, würde an dieser Stelle wahrscheinlich nicht vom ethnischen Hellenentum, sondern vom heidnischen oder paganen Hellenentum sprechen. Jedoch verwenden wir Hellenen den pejorativen Terminus »Paganismus« nicht und machen weiterhin Gebrauch von der Bezeichnung »Ethniker«, weil diese linguistisch auf das Wort Ethos zurückgeht. Und das Ethos schließt auch jenen Aspekt des Hellenentums mit ein, der in unserer Zeit »Religion« genannt wird, also den (väterlichen) Götterkult. Allerdings wurde diese Bezeichnung von der Bedeutung gereinigt, mit der es von den Christen jahrhundertelang belegt wurde (→ »Götzenverehrer«) und die in keinem Zusammenhang zu ihrer Etymologie steht (→ Ethos). Ohne Ethos gibt es keine ethnische Identität, doch der Ethniker ist nun mal Träger einer ethnisch-kulturellen Identität, die keinesfalls auf ihren religiösen Aspekt reduziert werden kann, schließlich ist der Hellenismos keine Glaubensgemeinschaft.

Die Hellenen sind eine Ethnie. Wie bereits erklärt wurde, leitet sich das Wort Ethnos von éthos ab und bezeichnet eine Gruppe von Menschen mit einer gemeinsamen Kultur. So betrachtet sind Hellenen die an der hellenischen Kultur Partizipierenden (Sprache, Kult, Lebensweise). Aus diesem Grund waren Menschen wie Thales (phönizischer Abstammung), Kaiser Julian (römischer Abstammung), Porphyrios (phönizischer Abstammung) oder Äsop (phrygischer Abstammung) Hellenen, auch wenn ihre Eltern keine Hellenen waren. Ethniker heißen also alle Menschen, die Träger einer indigenen Kultur und Identität sind. Logischerweise führt ein solches Verständnis von der Ethnie und ethnischen Identität zum Bruch mit allen Nationalismen einerseits und mit den Legenden des neugriechischen Staates über eine Kontinuität der hellenischen Kultur im byzantinischen Reich andererseits.

Schließlich ermöglicht der Begriff »ethnisches Hellenentum« (= die Kultur, die von der hellenischen Ethnie stammt) die Abgrenzung von der Romiosini, der griechischsprachigen Orthodoxie und Kultur, die sich seit ca. 200 Jahren als »(christliches) Hellenentum« inszeniert. Im heutigen Griechenland bedeutet Hellenismos aber nicht nur antike griechische Kultur, sondern auch Byzanz, neugriechischer Staat, und somit auch orthodoxes Christentum, weil beide Begriffe seit 200 Jahren gleichgesetzt werden. Die hellenische Religion wird dabei als »Götzenkult« degradiert, als austauschbares Element der Hellenizität erachtet. Wir ethnischen Hellenen verwenden den Hellenismos allgemein im genuinen und insbesondere im julianischen Sinne.

Der Hellenismos, in Griechenland ethnisches Hellenentum genannt (ethnikós Hellenismós), setzt sich im Westen immer mehr als Bezeichnung für die eingeborene hellenische Tradition und Weltanschauung durch, während das deutsche »Hellenentum« nicht nur diesen Bereich der hellenischen Kultur abdeckt, sondern das »hellenische Wesen« insgesamt (Duden, Stichwort: Hellenentum), zu dem manche eben auch das heutige Griechenland und seine Kirchen dazu zählen möchten. Diese Definition des »Hellenismos« und seine Verwendung im antiken Sinn von hellenischer Seite ist im heutigen Griechenland Grund für Reibungen und Anfeindungen zwischen ethnischen Hellenen und orthodoxen Christen, die den Begriff jeweils für sich beanspruchen.

2. Meint die sog. »Archäozentristen«, Anhänger einer Art »Ariosophie« neugriechischer Ausprägung, die mehrheitlich christlich-orthodox sind, aber auch Personen in ihren Reihen zählen, die das Christentum wegen seiner jüdischen Herkunft attackieren und als Anwälte der hellenischen Antike auftreten (Anestis Keramydas). Die Archäozentristen bedienen populäre antisemitische Klischees und verbreiten ein pseudowissenschaftliches Weltbild, als dessen Ursprungsort sie das antike Griechenland imaginieren. Große Bedeutung messen sie der Hermetik, den pseudo-sibyllinischen Orakeln und dem Euherismus bei. Nicht selten bleibt ihre Haltung zur eingeborenen hellenischen Tradition unklar. Archäozentrische Schriftsteller haben in der Vergangenheit wiederholt behauptet, dass der Monotheismus von Hellenen erfunden und anschließend von den Juden gestohlen worden sei. (Eine Theorie, die auch unter orthodoxen Fundamentalisten beliebt ist, für die alle antiken Denker Monotheisten gewesen sind.)

Die gleichen Schriftsteller stellen die Götter als »Engel« oder »außerirdische Ahnen der Griechen« dem Gott des »Neuen Testaments« zur Seite, der, wie auch von anderen orthodoxen Fundamentalisten behauptet, nicht Jahve sein soll, der Gott des »Alten Testaments«, sondern der »wahre Gott« aller Menschen, der platonische Demiurg, der »eine Gott« des Xenophanes usf. Sie trennen rigoros zwischen »Altem« und »Neuem Testament«, behaupten, dass Jesus ben Joseph ein Grieche war und das Christentum eine hellenische Religion, wodurch Parallelen zum Positiven Christentum sichtbar werden. Eine vermeintlich uralte Rivalität zwischen (den »guten«) Hellenen und (den »bösen«) Juden wird metaphysisch begründet. Hier hat sich der (alt)christliche Antijudaismus und Dualismus mit modernen Verschwörungstheorien gepaart, in deren Zentrum »das von fremden Mächten gebeutelte Griechenland und seine Orthodoxie« die Opferrolle spielt. Verschwörungstheorien sind in diesen Kreisen weit verbreitet.

3. Der Platoniker Sallustios war ein bedeutender Philosoph der Spätantike. Er war ein Zeitgenosse Kaiser Julians, dessen Ratgeber und Freund. Das Werk wurde wahrscheinlich im März 362 verfasst. In seinem Vorwort zur neugriechischen Ausgabe von Über die Götter und den Kosmos bezeichnet Vlassis G. Rassias den Inhalt der Schrift als »popularisierte, aber gleichzeitig streng logische Theologie / Kosmologie« (Sallustios, Περί Θεών και Κόσμου, S. 8, Athen: Anichti Poli 2002). Martin P. Nilsson auf der andren Seite stellt fest, dass Sallustios’ Abhandlung »nicht mit Unrecht eine neuplatonische Katechese genannt worden ist« (M. P. Nilsson: Griechischer Glaube, S. 178, Bern: A. Francke Verlag, 1950). Im zeitgenössischen Hellenismos genießt dieses schmale Büchlein ein hohes Ansehen.

4. Sallustios, Περί Θεών και Κόσμου (dt. Über die Götter und die Welt), Kapitel 1. »… zum Beispiel, dass Gott gut ist, frei von Leid, und frei von allen Veränderungen; denn alles, was sich verändert, verwandelt sich entweder zu etwas Besserem oder zu etwas Schlechterem. Und falls es sich in etwas Schlechteres verändert, wird es schlecht, verändert es sich aber zum Besseren, muss es zu Beginn schlecht gewesen sein.« Bei der Übersetzung des obigen Zitats hielt ich mich an die Taylorsche Übersetzung von 1793.

5. Sallustios, Über die Götter und die Welt, II.

6. An dieser Stelle ist zu vermerken, dass das deutsche Wort »Wesen« (auch Wesenheit) »aus dem Althochdeutschen wesan stammt« und »Sein« bedeutet (Duden, Stichwort: »Wesen«. Zuletzt nachgeschaut am 4.4.»2013«). Die inhaltliche Ähnlichkeit zwischen »ón« und »Wesen« ist durchaus bemerkenswert.

7. Sie sind also keine »persönlichen Götter«. Lese hierzu Zaidman/Pantel: »Die Götter sind Mächte und nicht Personen« (Die Religion der Griechen. Kult und Mythos. S. 180, München: C. H. Beck 1994). Manch ein hellenischer Polytheist verwendet an Stelle von δυνάμεις (dynámeis, Mächte) den altgriechischen Terminus ενέργειες (d. Pluralf. v. ενέργεια: »Energie«), um die Götter des Hellenismos zu beschreiben. Das Wort ενέργεια kann zwar sehr wohl mit »Kraft/Macht« übersetzt werden, bedeutet aber in erster Linie »Tätigkeit; Wirksamkeit; Wirkung« (Langenscheidt: Taschenwörterbuch Altgriechisch, S. 156, Berlin/München 1993). Und wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass mit dem Begriff »Energie« im Neugriechischen vor allem die »Kräfte der Natur« gemeint sind (Ebbe und Flut, Schwerkraft, Elektrizität usw.). Demnach kann »Energie« sehr leicht falsch verstanden werden und einen bleibenden falschen Eindruck von den Gottheiten hinterlassen, weshalb seine Verwendung in diesem Kontext vermieden wird.

8. Das Wort Gott wird in diesem Kontext mit Anführungszeichen versehen, weil, obwohl die Ethniker die Existenz des jüdisch-christlichen Gottes anerkennen, er für sie nicht von der Art ist, wie ihn seine Anhänger denken. Während also Jahves Existenz durchaus nicht in Abrede gestellt wird, ist Jahve in seiner Gestalt des »allmächtigen Schöpfers des Universums« und »einzigen Gottes« das Produkt menschlicher Allmachtsphantasien. Die Hellenen kennen keinen »einzigen Gott«. Das Universum verstehen sie als selbst- bzw. unentstanden; es ist keine »Schöpfung«, mit der der angenommene Schöpfer nach Gutdünken verfahren darf. Dieser Jahve ist den Hellenen ein Gedankenkonstrukt, welche Anspruch auf alleinige Wahrheit erhebt und das Natürliche schlechthin, die Vielheit (mit sanfter oder brutaler Gewalt) zu ersetzen versucht.

9. Prósopo bedeutet im Griechischen »Gesicht; Person«.

10. όντως Όν (transkr. óntos on), das wahre Sein.

11. Um mehr über die Gottesdefinition des heutigen Hellenismos zu erfahren, lese Vlassis G. Rassias, M. u. L. Madytinos (Übers.), The english lexicon of standard terminology for Hellenismos, Stichwort: »Θεοί – Theoi« (ab S. 51). Es handelt sich um eine unvollständige, editierte und auf die Bedürfnisse englischsprachiger Leser angepasste Version von Vlassis G. Rassias, Θύραθεν: Φιλοσοφικό Λεξικό. (dt. Thyrathen: Philosophisches Lexikon), Athen: Anichti Poli 2006.

12. Sallustios, Über die Götter und die Welt, VI.: »Diejenigen, die die Welt schufen sind Zeus, Poseidon und Hephaistos. Jene, die sie beseelten sind Demeter, Hera und Artemis. Diejenigen, die sie harmonisierten sind Apollon, Aphrodite und Hermes. Diejenigen, die über sie wachen sind Hestia, Athena und Ares.«

13. ebd.

14. agathoi, von to Agathon: das Gute. Die Götter sind also ohne den Hauch des Bösen.

15. Porphyrios, Περί Αγαλμάτων (dt. Über die Götterbildnisse), III. Porphyrios findet sehr klare Worte, um zu erklären, warum die Hellenen ihre Gottheiten männlich oder weiblich darstellten oder ihnen überhaupt menschliche Gestalt verliehen haben. Manchen gaben sie eine »männliche Form, anderen eine weibliche …«, einige stellten sie jugendlich und andere wiederum in der Blüte ihres Lebens dar, um der »Verschiedenheit untereinander«, d.h. um der Unterschiedlichkeit zwischen den Göttern Ausdruck zu verleihen. In Wirklichkeit waren es vor allem die Dichter, die das Bild von den Gottheiten prägten. Nilsson schreibt hierzu: »es war nicht die staatliche Religion, sondern Dichtung und Mythos, die das Auftreten und die Tätigkeit der Götter schilderten« (S. 14). Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat Herodot sicherlich recht, wenn er schreibt, dass Homer und Hesiod »den Stammbaum der Götter« aufgestellt und Aussehen und Gestalt der Unsterblichen bestimmt hätten (Historien II, 53. Übersetzt von A. Horneffer). Und »wie Homer die Götter schilderte, so sahen sie auch die Künstler«. Aber »die Götter sind weit älter als Homer« (Nilsson, Griechischer Glaube, S. 7). Für jene Leser, die den eigentlichen Götterkult mit der Mythologie verwechseln, mag dieser Teil verwirrend sein. Deshalb wird auf der Enzyklopädie Britannica darauf hingewiesen: die »griechische Religion ist nicht identisch mit der griechischen Mythologie« (Encyclopædia Britannica, Stichwort: »Greek religion«). Die Mythen sind nicht die unreflektierten Vorstellungen naiver Menschen von der Welt, sondern die Reflexionen des Seins im kollektiven Geist der jeweiligen Ethnie. Sie sind hart wie die Wirklichkeit, moralisieren nicht und konfrontieren ihre Zuhörer mit urmenschlichen Erfahrungen. Des Weiteren enthalten die Mythen die gesamte Erfahrungswelt eines Volkes. »Die Mythologie ist« für uns Hellenen »im wesentlichen eine Struktur des Denkens« (Marcel Detienne, zitiert in: Zaidman/Pantel, S. 149), und nicht unsere »Religion«.

16. Denn die »Vielfältigkeit der Götter steht nicht im Widerspruch zum Gedanken an eine Einheit des Göttlichen« (Zaidman/Pantel, S. 179). Hier offenbart sich jene Eigenschaft des Hellenismos, die Jörg Dittmer treffend »Sowohl-als-auch-Denken« nannte (Grundlegende Merkmale der griechischen Religion, S. 2).

17. Sallust., II.

18. Diese Stelle muss erläutert werden, sonst werden die Leser sie bedingt durch ihre eigenen kulturellen Rezeptoren falsch aufnehmen. »Allmacht« ist eine menschliche Erfindung. Kein Gott ist allmächtig, zumindest nicht im heutigen Sinn. Die Götter sind insoweit »allmächtig«, als sie die mächtigsten Wesen sind. Nicht mehr und nicht weniger.

19. Oberster Rat der ethnischen Hellenen: Definition des Begriffs »Polytheismus«, in: YSEE (Deutsch). Stand: 05. September »2011« (zuletzt abgerufen am 05. September »2011«). Der Text wurde bereits ins Deutsche übersetzt und an angegebener Stelle veröffentlicht.

20. Herodot, Historien. Stuttgart: Körner Verlag, 1971. Übersetzt von. A. Horneffer.

21. »Επιδρομή των κατά την Ελληνικήν Θεολογίαν Παραδεδομένων« (dt. Kompendium der überlieferten Meinungen zur griechischen Theologie), Kap. 1, Absch. 2.

22. Pythagoras war der Überzeugung, dass »das Wesen aller Dinge, die arche, die Zahl sei«. Die »Monade (die Zahl Eins)« hat Pythagoras zufolge die anderen »Zahlen hervorgebracht« (L. d. Crescenzo, Die Geschichte der griechischen Philosophie: Die Vorsokratiker, S. 71-72, Zürich: Diogenes Verlag 1990). Dass Rassias als Stoiker hier eine andere Meinung vertritt, versteht sich von selbst. Nichtsdestotrotz gibt er zu, dass diese Theorie durchaus eine »gewisse Logik« aufweist, Kl. Ioannides und Vl. Rassias (Gäste): Tolmo (TV-Sendung), 17.02.»2006«, Nikosia: Sigma Channel.

23. Auch in unserer Zeit. In Griechenland fand die Verunglimpfung der hellenischen Götter sowieso kein Ende, hat aber in den letzten zehn Jahren eine enorme Steigerung erfahren (wohl als Reaktion auf die öffentliche Rückkehr der hellenischen Tradition). So z.B. in: Lambros Skontzos: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Neuheidentum und Neo-Satanismus?, in: Egolpion (Neuheidentum). Stand: 21.01»2011«. URL: http://www.egolpion.com/154A6C66.el.aspx (zuletzt abgerufen am 21.01.»2011«). Quelle: Griechische Zeitschrift »Dialogos«, Ausgabe Nr. 50, Oktober-Dezember 2008, griechisch. Der Titel des Artikels bestimmt auch seinen Inhalt.

24. »Der orthodoxe Christ weiß ganz genau, dass jede Art von Götzenkult eine Form von Dämonenkult ist«, schreibt Vassilis A. Georgopoulos: Neuheidnische Widersprüche, in: Egolpion (Neuheidentum). URL: http://www.egolpion.com/D8563852.el.aspx (zuletzt abgerufen am 22.01.»2011«). Quelle: Griechische Zeitschrift »Orthodoxos Typos«, Ausgabe Nr. 1641, 05.05.2006, griechisch (Titel und ausgesuchte Textstellen wurden von mir ins Deutsche übersetzt). Auf der von christlichen Fundamentalisten geführten Seite OODE lesen wir: »Das witzige an der Sache ist … wir Christen versuchen die neuen Götzendiener davon zu überzeugen, dass ihre ›Götter‹… existieren!!! Dass wir versuchen, sie davon zu überzeugen, dass ihre ›Götter‹ nicht bloße Symbole oder Mythen sind, sondern echte, existierende Personen!!!« OODE: Die Götter der Götzendiener sind gefallene Engel (o.V.), in: OODE (Neuheidnische Betrügereien: Pseudo-Götter: Der Ursprung der Pseudo-Götter). URL: http://www.oodegr.com/neopaganismos/pseftotheoi/aggeloi1.htm (zuletzt abgerufen: 24.01.»2011«), griechisch (Ausgesuchte Textstellen von mir ins Deutsche übersetzt). Die Götter sind also gar keine (Anführungsstriche) und zwar deshalb, wird uns im Artikel weisgemacht, weil sie nicht allmächtig sind und innerhalb des Universums existieren (= esokosmische Mächte sind). Nichts weiter seien sie, als »gefallene Engel«. Die Meinung einer fremden Religion über die Götter unserer Kultur ist für uns Hellenen freilich bedeutungslos, für den Leser aber sicherlich aufschlussreich.

25.Schlussbemerkung des Übersetzers: Wir dürfen froh sein, dass die Hellenen nicht auf den absurden Gedanken kamen, die Götter seien »allmächtig«. Absurd deshalb, weil wir nicht wissen können, was dieses »all« im »allmächtig« alles beinhalten kann. Allmacht und Demokratie schließen sich gegenseitig aus. Die Machtverteilung/Gewaltenteilung, wie sie in der Mythologie veranschaulicht wird (Zeus bekommt den Olymp/Himmel als seinen eigenen Zuständigkeitsbereich, Poseidon das Meer, Hades die Unterwelt usw.), das eiserne und unbestechliche Gesetz der Ananke (Notwendigkeit), das auch für die Götter gilt, die Autonomie der einzelnen Götter und vieles andere mehr führte die Hellenen zur Demokratie, als sie durch soziale Umbrüche in die Lage versetzt, vielleicht sogar gezwungen wurden, diese vom »Himmel« auf die »Erde« zu holen, also ins menschliche Maß zu übersetzen.

Die natürliche und seit Anbeginn der Menschheit bestehende Vielfalt des Göttlichen wurde irgendwann durch eine einzige göttliche Person ersetzt, das Universum zu einer Schöpfung degradiert und sein vermeintlicher Schöpfer außerhalb davon projiziert, wo er nun über dessen Schicksal entscheiden, ihn neu formen oder zerstören kann, weil es sein Wille ist. Keine Ananke, kein universelles Gesetz kann seiner Willkür einen Riegel vorsetzen. Wir alle wissen genau, wohin diese »himmlische Diktatur« oder »Nachahmung Gottes« (Mischa Meier, Justinian: Herrschaft, Reich und Religion, S. 9, München 2004) seitens der christlichen Kaiser die Welt geführt hat: zu Unrecht, Zwangstaufen, Inquisition und Massenmord. Weil »im Himmel allein Gott herrscht, ist auch auf Erden keine andere Staatsform als die Monarchie denkbar« gewesen (Meier, S. 8) – zumindest für die Monotheisten.

»Über mehr als tausend Jahre gehörte die Redefreiheit, die ›Parrhesia‹, zu den grundlegenden Rechten«, doch unter Justinian fand sie ein Ende. Die »Gewissensfreiheit« wurde aufgehoben, den Hellenen wurden die politischen Rechte entzogen, auf die Kultpraxis stand die Todesstrafe. Der Inquisitor Johannes von Ephesos ließ unzählige Ethniker foltern und organisierte Verfolgungen gegen sie. Die Philosophie musste harte »Schläge« hinnehmen. Nach 580 befahl Tiberius einem seiner Offiziere, sich um die »Paganisten von Heliopolis« zu kümmern, was damit endete, dass viele gekreuzigt und ermordet wurden. »Die christlichen Horden in Byzanz fühlten sich durch den aristokratischen Charakter des Paganismus provoziert« und verübten unvorstellbare Grausamkeiten (Pierre Chuvin: Οι τελευταίοι εθνικοί: Ένα χρονικό της ήττας του παγανισμού. S. 162-177, Thessaloniki: Thyrathen-Verlag, 2004. Griechische Übersetzung von A Chronicle of the last pagans, Harvard University Press. Wurde ins Griechische übersetzt von Olympia Chimonidu). Es war das Ende einer Zeit. Für den abrahamitischen Monotheismus gilt: die »Menschen müssen ›gerettet‹ werden, ob sie nun wollen oder nicht. Und ›gerettet‹ werden müssen sie auf christliche oder islamische ›Weise‹.« (Cornelius Castoriadis, Probleme unserer Zeit, 1981, griechisch, zitiert in: Rassias, Ethnos, Ethnismus, Nationalstaat, Nationalismus, S. 48, 2. Aufl., Athen: Anichti Poli, 2006). Letztendlich ist dem Monotheismus gelungen sein Ziel zu erreichen. Er hat die Ethnien »gerettet« und zu einer Masse von Untertanen verwandelt. Und das alles wurde, wenn schon nicht eingeleitet, dann auf jeden Fall von den einzigartigen Wahnvorstellungen (»einzige Wahrheit«, »einzig wahre Gott« u.a.) begleitet und mitgetragen, von denen die Monotheisten besessen schienen. Der willkürliche spätantike Synkretismus, der orientalische Mystizismus, die Hermetik und allen voran die abergläubische, übertriebene Magiegläubigkeit haben das Ihre dazu beigetragen, dass es dazu gekommen ist: sie brachen der Vernunft das Genick und öffneten dem christlichen Monotheismus »Tür und Tor« (mehr dazu im letzten Kapitel von M. P. Nilssons »Griechischer Glaube«).

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