Hellenischer Allzweckritus

Hellenischer Allzweckritus

Mit ausdrücklicher Genehmigung von Hellenion

 

Der folgende hellenische Gruppenritus bietet sich für viele Zwecke an und lehnt sich in dieser Form stark an Drew Campbells «A Group Offertory Rite in Greek and English» an, dem es auch entnommen ist. Es wird den spezifischen Gottheiten entsprechend angepasst werden, die am entsprechenden Tag bzw. Festtag verehrt werden sollen, indem geeignete Kulttitel, Hymnen, Weihrauch, andere Opfergaben etc. dafür ausgewählt werden. Außer einigen wenigen Stellen, die von Stilian Ariston hinzugefügt wurden, ist die Quellenangabe wie ursprünglich gehabt übernommen worden. Der Ritus, seine Struktur, die Reihenfolge der Handlungen und die Gebete stammen von der hellenischen Ethnie ab und gehören zum kulturellen Erbe aller ethnischen Hellenen. Wenn nötig, kann dieser Hieropraxie eine rituelle Reinigung vorhergehen. Dieser Ritus soll als Beispiel dazu dienen, wie ein hellenisches Ritual aussehen kann und welche Komponenten ausschlaggebend sind. Obwohl von großer Bedeutung, kann das jeweilige lokale Moment an dieser Stelle nicht berücksichtigt werden.

 

MATERIALIEN:

Ein Krug Khernips (Quellenwasser, in das eine Kerze, welche am Feuer der Hestia entzündet, versenkt wird)

Alt.: Wasser mit Meeressalz

Eine Schüssel oder eine Schale

Opfergaben

Weihrauch

Ein Handtuch

Teller (evtl. auch Gabeln) für das anschließende gemeinschaftliche Opfermahl. (Jene Gaben, die den Göttern gegeben, werden freilich nicht von den Sterblichen verzehrt.)

Ein Gefäß für das Trankopfer

Gerste

(Falls das Fest nicht in der freien Natur, sondern allein in den eigenen vier Wänden abgehalten werden kann, bedarf es weiterer Utensilien, u.a. ein Topf mit Blumenerde oder eine Schüssel zum Auffangen des Trankopfers usw.)

Der Krug kann zusammen mit der Schüssel und dem Handtuch in der Nähe zum Eingang des Temenos (Heiligtum) oder des Peribolos platziert werden, damit sich Kultteilnehmer reinigen können. Der Krug sollte auf jeden Fall immer vor dem Propylon stehen. Ein Teilnehmer schüttet Khernips auf die Hände eines anderen Teilnehmers. Wenn das Fest daheim abgehalten wird, wird der Krug mit der Schüssel vor der Eingangstür oder, wenn es nicht anders geht, im Flur platziert. Alle Riten werden selbstverständlich in Griechisch abgehalten, wobei es durchaus vorkommen kann, dass die Götter auf Altgriechisch angesprochen werden, Plethons Hymnen auf mittelalterliches Griechisch oder eine homerische Hymne auf Neugriechisch rezitiert wird. Hellenische Polytheisten, die der griechischen Sprache nicht mächtig sind, halten sich an ihre Muttersprache.

 

1. PROZESSION

Während man sich dem Heiligtum oder Altar nähert, sprechen oder singen die Kultteilnehmer mit feierlicher Stimme:

«ΧΑΙΡΩΜΕΝ Ω ΦΙΛΟΙ ΠΟΜΠΕΥΩ ΠΡΟΣ ΒΩΜΟΝ.

(Freunde, lasst uns frohlocken, ich gehe/prozessiere zum Altar)

ΧΑΙΡΕΤΕ Ω ΘΕΟΙ ΠΑΝΤΕΣ ΤΕ ΚΑΙ ΠΑΣΑΙ.

(Freut euch oh Götter, alle Götter und Göttinnen)

ΧΑΙΡΕΤΕ Ω ΘΕΟΙ, ΟΝΤΕΣ ΑΘΑΝΑΤΟΙ.

(Freut euch oh Götter, ihr wahrlich Unsterblichen)

ΧΑΙΡΕΤΕ Ω ΘΕΟΙ, ΦΕΡΟΜΕΝ ΑΓΑΛΜΑ.

(Freut euch oh Götter, wir überbringen euch Opfergaben)

ΧΑΙΡΕΤΕ Ω ΘΕΟΙ, ΗΔΕΙΑΝ ΘΥΣΙΑΝ.

(Freut euch oh Götter an der angenehmen Opfergabe)

ΧΑΙΡΕΤΕ Ω ΘΕΟΙ, ΕΛΘΕΤΕ ΜΑΚΑΡΕΣ.

(Freut euch oh Götter, kommt ihr Seligen)

ΧΑΙΡΩΜΕΝ Ω ΦΙΛΟΙ ΠΟΜΠΕΥΩ ΠΡΟΣ ΒΩΜΟΝ.

(Freunde, lasst uns frohlocken, ich gehe/prozessiere zum Altar).»

 

2. KATHARSIS

Der Priester (oder die Priesterin) sprenkelt den Altar, die Opfergaben, Weihgaben und alle Menschen, die am Ritual teilnehmen mit Khernips. Während er dies tut, spricht er:

«Ω ΘΕΟΙ ΓΕΝΟΙΣΘΕ ΑΠΟΤΡΟΠΟΙ ΚΑΚΩΝ!!» [1]

(Oh Götter, wendet Böses ab!)

Danach wird die Schüssel weit weg gelegt, weil sie nun unrein ist und andernfalls den gesamten Ritus verunreinigen würde (Miasma). Das Wasser wird später, nach der Zeremonie, direkt auf die Erde – außerhalb des Temenos – ausgeschüttet.

 

3. HYMNODIA

Der Priester fordert heiliges Schweigen, lädt die Götter ein und ruft den Segen der Musen herbei.

Priester: «ΕΥΦΗΜΙΑ ΣΤΩ! ΕΥΦΗΜΙΑ ΣΤΩ!» [2]

(Lasset niemanden ein unheilvolles / übles Wort sagen!)

Kultteilnehmer: «ΚΑΙ ΤΟ ΜΕΝ ΕΥΧΕΣΘΑΙ ΑΓΑΘΟΝ.» [3]

(Denn es ist gut zu beten.)

Priester: «ΥΠΑΚΟΥΣΑΤΕ ΔΕΧΑΜΕΝΑΙ ΘΥΣΙΑΝ ΚΑΙ ΤΟΙΣ ΙΕΡΟΙΣΙ ΧΑΡΕΙΣΑΙ.» [4]

(Hört: Nimmt diese Opfergaben in Empfang und erfreut euch an dieser Zeremonie.)

«ΧΑΙΡΕΤΕ, ΤΕΚΝΑ ΔΙΟΣ, ΔΟΤΕ Δ ΙΜΕΡΟΕΣΣΑΝ ΑΟΙΔΗΝ. ΚΛΕΙΕΤΕ Δ ΑΘΑΝΑΤΩΝ ΙΕΡΟΝ ΓΕΝΟΣ ΑΙΕΝ ΕΟΝΤΩΝ.» [5]

(Ich grüße euch, Kinder des Zeus! Gewährt lieblichen Gesang und feiert das heilige Geschlecht der unsterblichen Götter, die immer sein werden.)

Der Priester oder eine andere Person liest oder rezitiert Hymnen an den Gott (oder die Göttin), dem das jeweilige Fest gewidmet ist. Weil die Hymnen als Gaben betrachtet werden, sollten sie so perfekt wie möglich vorgetragen werden – nämlich klar und langsam, um Fehler zu vermeiden. Richtet sich der Priester an himmlische Götter, streckt er seine Arme mit den Handflächen nach oben zeigend gen Himmel, werden aber chthonische Götter angebetet, streckt er seine Arme mit den Handflächen nach unten zeigend zur Erde hin. Ist die Zugehörigkeit des Gottes unklar oder nicht überliefert, richtet sich der Priester mit dem Gesicht gen Osten zur aufgehenden Sonne. Wie in den meisten ethnischen Religion, kommt der Sonne auch im Hellenismos eine besondere Bedeutung zu.

 

4. GEBET

Priester: «ΑΛΛΑ ΘΕΟΣΙΝ ΕΥΧΕΣΘΑΙ ΧΡΕΩΝ. ΕΥΦΗΜΕΙΤΕ.» [6]

(Nun müssen wir zu den Göttern beten. Schließt euch dem Gebet an.)

Verehrer: «ΑΛΛΑ ΤΟΔΕ ΠΕΡ ΗΜΙΝ ΕΠΙΚΡΗΗΝΟΝ ΕΕΛΔΩΡ, Ω ΑΘΑΝΑΤΟΙ.» [7]

(Kommt nun und gewährt uns diesen Wunsch, oh ihr Unsterblichen.)

Priester: «ΤΟΙΣ ΘΕΟΙΣ ΕΥΧΟΜΑΙ ΠΑΣΙ ΚΑΙ ΠΑΣΑΙΣ.» [8]

(Ich bete zu allen Göttern und allen Göttinnen.)

Kultteilnehmer: «ΠΑΣΙ ΚΑΙ ΠΑΣΑΙΣ.»

(Zu allen Göttern und allen Göttinnen.)

Priester: «ΚΛΥΘΙ ΗΜΙΝ, [Ω ΖΕΥ] ΝΥΝ Δ ΕΥΧΩΗΙΣ ΑΓΑΝΗΣΙ ΧΑΙΡΕ.» [9]

(Oh Zeus, erhöre mich jetzt; erfreue dich an meinem Gebet.)

(Diese letzte Formel wird vor allen Gebeten wiederholt. Dabei wird der Vokativ «Ο ΖΕΥ» [Oh Zeus!] durch den Namen der Gottheit ersetzt, die hier angesprochen wird.)

An diesem Punkt wird den Göttern für ihren Segen (Eumeneia) gedankt, oder für das Gute (pl. Agathá), das sie einem zukommen ließen. Danach werden den Göttern die Bittgebete oder Anliegen vorgetragen, welche die gesamte Gemeinschaft oder einzelne Individuen betreffen können. Nach dem Ende des letzten Gebets, schließt der Priester mit den Worten:

«Ω ΘΕΟΙ, ΓΕΝΟΙΤΟ ΤΑΥΤΑ ΝΩΙΝ.» [10]

(Oh Götter, möge es so für uns kommen / geschehen.)

Kultteilnehmer: «Ω ΘΕΟΙ, ΓΕΝΟΙΤΟ ΤΑΥΤΑ ΝΩΙΝ.»

(Oh Götter, möge es so für uns kommen / geschehen.)

 

5. OPFERPRAXIS

Priester: «ΖΕΥ ΚΥΔΙΣΤΕ ΜΕΓΙΣΤΕ ΚΑΙ ΑΘΑΝΑΤΟΙ ΘΕΟΙ ΑΛΛΟΙ, ΕΛΘΕΤΕ ΚΑΙ ΝΥΝ Ο ΘΕΟΙ!» [11]

(Zeus, du erhabenster und mächtigster Gott, und ihr anderen unsterblichen Götter – eilt nun herbei, ihr Götter.)

Kultteilnehmer: «ΕΛΘΕΤΕ ΚΑΙ ΝΥΝ Ο ΘΕΟΙ!»

(Kommt nun, ihr Götter!)

Priester: «ΕΛΘΕΤΕ ΚΑΙ ΝΥΝ Ο ΘΕΟΙ, ΟΙΤΙΝΕΣ ΕΣΤΕ!»

(Kommt nun, ihr Götter, welche ihr auch immer seid.)

Jetzt wird Gerste auf den Altar gestreut.

Priester: «ΥΜΙΝ, Ω ΜΑΚΑΡΕΣ, [ΣΡΟΝΔΗΝ ΘΥΣΙΑΝ ΤΕ] ΦΕΡΟΜΕΝ, ΥΜΕΙΣ ΔΕ ΗΜΙΝ ΘΥΣΙΑΝ ΠΑΓΚΑΡΠΕΙΑΣ ΔΕΞΑΣΘΕ ΠΛΗΡΗ ΠΡΟΧΥΘΕΙΣΑΝ.» [12]

(Ihr Seligen, wir bringen euch [ein Trankopfer und Opfergaben]; nimmt dies an, unsere Opfergaben aus allen Früchten, die euch in Fülle gegeben.)

Die Opfergaben werden nach vorn gebracht. Jeder, der opfert, spricht dabei:

Verehrer: «ΔΩΡΟΥΜΕΘΑ. ΟΡΑΤΕ ΤΑΔΕ!» [13]

(Wir bringen Gaben dar; schaut her!)

Zu aller erst wird der Göttin Hestia geopfert, dann den Göttern, für die die Zeremonie gedacht ist, und am Ende wird wieder Hestia mit Gaben geehrt. Opfergaben können in Form von Nahrungsmitteln oder anderen Stoffen dargebracht werden, oder in Form eines Trankopfers (siehe unten). Wenn alle Opfergaben auf dem Altar niedergelegt sind, entwendet oder schneidet der Priester (von) jeder Gabe den Anteil heraus, der den Göttern gehört. Dabei sagt er:

«ΕΥΦΡΩΝ ΕΛΘΕΤΕ, ΜΑΚΑΡΕΣ, ΚΕΧΑΡΙΣΜΕΝΑ Δ ΙΕΡΠΑ ΔΕΞΑΣΘΕ.» [14]

(Erscheint uns gnädig, ihr Seligen, und empfangt / erkennt diese köstlichen / herrlichen Opfergaben [an].)

Der Rest wird während des Festes von den Verehrern der Götter verzehrt.

Jetzt werden Trankopfer erbracht. Während der Hellene den Trank ausschüttet, spricht er: «ΣΠΟΝΔΗ!» (Ein Trankopfer!) oder «ΕΚΚΕΧΥΤΑΙ!» (Es wird ausgegossen!) [15]. Dann nippt er an der Flüssigkeit (wenn es ein Getränk, und nicht Öl oder Honig ist) und reicht die Trankopfer-Schale und den Krug anschließend an die nächste Person weiter. Was am Ende vom Trankopfer übrig bleibt, wird entweder ins Feuer oder auf die Erde gegossen.

 

6. TELOS

Priester: «ΙΗ ΠΑΙΩΝ, ΙΗ ΠΑΙΩΝ, ΙΗ ΠΑΙΩΝ! ΧΑΙΡΩΜΕΝ!» [16]

(Lasset uns nun, uns an der Gesellschaft der Götter erfreuen!)

Verehrer: «ΧΑΙΡΩΜΕΝ.» (Freuen wir uns!)

 

7. NACHWEISE

[1] Eur. Phoen. 586, zitiert nach Pulleyn, S. 64.

[2] Ar. Thesm. 295, zitiert nach Pulleyn, S. 184.

[3] Aus dem Corpus Hippocraticum, zitiert nach Pulleyn, S. 214.

[4] Ar. Nub. 274, zitiert in Pulleyn, S. 143. Singular: «ΥΠΑΚΟΥΣΕ ΔΕΧΑΜΕΝΑΙ ΘΥΣΙΑΝ ΚΑΙ ΤΟΙΣ ΙΕΡΟΙΣΙ ΧΑΡΕΙΣΑΙ.»

[5] Hes. Theog. 104-105.

[6] «ΑΛΛΑ ΘΕΟΙΣΙΝ…»: Eur. El. 764, zitiert nach Pulleyn, S. 37. Singular Maskulinum: «ΑΛΛΑ ΘΕΟΩΙ ΕΥΧΕΣΘΑΙ ΧΡΕΩΝ.» Singular Femininum: «ΑΛΛΑ ΘΕΑΙ ΕΥΧΕΣΘΑΙ ΧΡΕΩΝ, ΕΥΦΗΜΕΙΤΕ»: Pulleyn, S. 184.

[7] Il. 8.242, zitiert nach Pulleyn, S. 133.

[8] Dem. 18.1, zitiert nach Pulleyn, S. 10.

[9] Od. 13.357ff., zitiert nach Pulleyn, S. 50. Wenn nur ein Wesen verehrt wird, verwendet man den Namen der Gottheit im Vokativ, gefolgt von ΕΛΘΕ, Ω ΜΑΚΑΡ[mask.] oder ΕΛΘΕ, Ω ΜΑΚΑΡΑ [fem.]. Andere Begriffe können auch verwendet werden, wie ΠΟΤΝΙΑ [Herrin], ΑΝΑΞ [König, Höchster], ΤΕΚΝΟΝ ΔΙΟΣ [Kind des Zeus], ΠΑΤΕΡ [Vater], ΜΗΤΗΡ [Mutter], ΦΙΛΕ oder ΦΙΛΗ [Freund, Freundin], ΜΕΓΑΛΟΙ oder ΜΕΓΑΛΑΙ [ihr Mächtigen mask./fem.], etc.

[10] Soph., Phil. 779ff., zitiert nach Pulleyn, S. 9. Alternative d. Übrs.: «Εί ταύτη τοίς θεοίς φίλον, ταύτη γενέσθω» (Wenn es den Göttern so gefällt, mag es so geschehen) oder «Τούτο μεν ίτω όπη τω θεώ φίλον» (Es möge kommen, wie es den Göttern gefällt).

[11] Il. 3.298, zitiert nach Pulleyn, S. 108.

[12] Eur. fr. 912, zitiert in Pulleyn, S. 123. Diese Wörter werden gemäß der jeweiligen Opfergabe durch andere ersetzt, z.B. ΣΙΤΟΝ (Weizen) Getreide oder Brot, ΟΙΝΟΝ (Wein) für Wein, ΠΕΛΑΝΟΝ für die Mischgabe Mehl, Honig und Öl etc.

[13] «ΔΩΡΟΥΜΕΘΑ»: Pulleyn, S. 142; »ΟΡΑΤΕ ΤΑΔΕ«: Pulleyn, S. 201. Singular: ΟΡΑ ΤΑΔΕ!

[14] OH 46.8 (Orphische Hymne an Liknites), zitiert in Pulleyn, S. 143. Singular: «ΕΥΦΡΩΝ ΕΛΘΕ, ΜΑΚΑΡ, ΚΕΧΑΠΙΣΜΕΝΑ Δ’ ΙΕΡΑ ΔΕΞΑΙ.»

[15] Pulleyn, S. 178. [16] Ar. Thesm. 311, zitiert nach Pulleyn, S. 182.

Hellenischer Allzweckritus

Advertisements