Kurzer Einblick in den Hellenismos (Hellenischer Polytheismus)

Helios - ΗΛΙΟΣ

29.03.«2013»

1. HELLENISMOS (Ελληνισμός)

(Auch bekannt als hellenische oder griechische Religion und hellenischer oder griechischer Polytheismus.)

Der Hellenismos ist die traditionelle und eingeborene Religion des Hellenentums (indigene griechische Kultur).[1] Doch ist Hellenismos nicht nur Religion, sondern er bezeichnet auch die Lebensweise, Weltanschauung und Philosophie der Hellenen. Der Begriff «Hellenismos» (griech.: Ελληνισμός; latinisiert: Hellenismus) wurde zum ersten Mal von Flavius Claudius Iulianus explizit als Name für die hellenische Religion verwendet.[2] Im heutigen Griechenland wird er meist als «hellenische Religion» angesprochen.

Der Hellenismos ist eine naturliche Religion[3], was bedeutet, dass er sich parallel zur hellenischen Ethnie entwickelt hat und nicht von einem bestimmten Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gegründet wurde[4]; er bildet also eine ethnische und kulturspezifische Religion und Weltanschauung, die alle Kulte, Mythen, Feste, Mysterien, Sitten, Anschauungen und Riten der Hellenen von der minoisch-mykenischen Zeit (3200-1050 v. Z.) bis zum frühen Mittelalter (529-1000) und bis zu Georgios Gemistos Plethon umfasst. Seine Wurzeln reichen weit in die minoisch-mykenische Kultur zurück. Seine letzten bedeutenden Entwicklungen fanden in der ausgehenden Spätantike und im Mittelalter statt.

Mit hellenischer «Religion» ist keineswegs ein «Glaube» oder eine Religion gemeint, die aus Glaubensbekenntnissen oder Dogmen besteht. Der Hellenismos ist eine orthopraxische Religion, will heißen: auf die richtige Ausführung der Riten bedacht, nicht auf die Wahrung einer «richtigen Lehre». Die Hellenen glauben «nicht im christlichen Sinne an die Götter […].»[5]

«Mit dem Begriff ‹ethnische hellenische Religion› wird die Summe der ‹Nomizómena› [Anm.: der gebräuchlichen bzw. traditionellen Anschauungen und Sitten] der ethnischen (nicht-christlichen) Hellenen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft über den Kosmos, die Götter, die Natur, die Tiere und die Menschen gemeint. Die ethnische hellenische Religion ist eine polytheistische, indigene, organische und allen voran eine natürliche Religion. Sie wurde nicht von einem oder mehreren Menschen, ‹Propheten› oder ‹Gottmenschen› gegründet. Es handelt sich bei ihr um eine anfangs- und endlose geistige ‹Koevolution› des biologischen, sozialen, politischen und kulturellen Wesens, das unter dem Begriff der griechischen Ethnie bekannt ist.»[6]

«Griechische Religion: die religiösen Überzeugungen und Praktiken der antiken Hellenen. Die griechische Religion ist nicht identisch mit der griechischen Mythologie, welche von traditionellen Erzählungen handelt, jedoch sind beide eng miteinander verknüpft. Merkwürdigerweise hatten die Griechen, für ein so religiös gesinntes Volk, kein Wort für die Religion selbst; die naheliegendsten Begriffe waren eusebeia (‹Pietät›) und threskeia (‹Kult›).»[7]

Der Hellenismos ist die Tradition der ethnischen Hellenen, umgangssprachlich: «Griechen» (nicht zu verwechseln mit den griechischsprachigen Christen). Er wird aber auch von Menschen praktiziert, die nicht der hellenischen Ethnie angehören (Deutsche, US-Amerikaner, Australier, Briten etc.). Diese werden, wie fälschlicherweise auch die ethnischen Hellenen, als «hellenische Polytheisten» oder «Revivalisten» bezeichnet. Gehen diese dann so weit, die hellenische Sprache zu erlernen und sukzessiv die Sitten, das Ethos und das Tugendsystem der Hellenen zu übernehmen, somit auch die hellenische Identität (Ethnismus), werden sie als Hellenen angesehen, vollwertige Mitglieder der hellenischen Ethnie, weil sie dann dem Ethos nach Hellenen sind. Wie die ethnischen Hellenen sind dann auch sie Ethniker, also Träger eines ethnisch-kulturellen Bewusstseins, einer gemeinsamen Kultur.[8] (Der «Ethniker» galt lange Zeit als Synonym für «Götzendiener» und wurde erst im Rahmen der hellenischen Revitalisierung auf seine etymologische Semantik zurückgeführt.) Aber in aller Regel gehen die Hellenisten nicht so weit.

Die wichtigsten hellenischen Kollektive sind die folgenden drei in Griechenland: YSEE, Labrys und Thyrsos. In den USA: Hellenion und Neokoroi.

Die hellenische Tradition ist inhomogen, vielfältig, hat viele Formen (Mysterien- und Totenkult) und Philosophieschulen (Platonismus, Stoizismus, Hylozoismus, Epikureismus, Pythagoreismus etc.) Die einflussreichsten philosophischen Schulen sind sicher der Platonismus und die Stoa. Die meisten Hellenen, welche sich einer philosophischen Schule angeschlossen haben, sind entweder Platoniker oder Stoiker. Es gibt aber auch Epikureer und orphisch-pythagoreische Platoniker. Der Platonismus (Mittel- und Neuplatonismus inbegriffen) und die Stoa werden auch deshalb sehr geschätzt und favorisiert, weil ihre antiken Vertreter vollständige und in sich geschlossene Theologien (= Götterlehren) und Ontologien hinterlassen haben. Außerdem war es die platonische Tradition, die bis zum letzten Atemzug und trotz aller Verfolgungen das Hellenentum verteidigt und am Leben erhalten hat[9], was sicher auch zu ihrer Attraktivität beiträgt. Doch obwohl die philosophische Haltung auf die religiöse Gesinnung und Denkweise des einzelnen Hellenen einwirkt, beeinflusst sie nicht den Kult, die gemeinschaftliche Verehrung der Gottheiten.

Der heutige Hellenismos steht auf fünf Säulen, die da wären: Die Sprache, das Ethos, die Mythen, die Paideia und Arete der vor- und nachchristlichen Hellenen. Die Paideia ist im Grunde das griechische Erziehungs- und Bildungssystem, sie ist die «Erziehung des Menschen zu seiner wahren Form, der echten und genuinen menschlichen Natur».[10] Auf der anderen Seite ist Arete ein allgemeiner Oberbegriff für das hellenische Wertesystem; der Begriff selbst bedeutet «Exzellenz». Die Arete war und ist das «zentrale Ideal der gesamten griechischen Kultur».[11] Viele zählen auch die Philosophie zu den Säulen des Hellenismos, was aber nicht bedeutet, dass die Beschäftigung mit Philosophie obligatorisch oder eine Voraussetzung sei, um Hellenist oder hellenischer Polytheist werden zu können. Sie gehört aber zum Hellenismos, der ja auch eine «Weltanschauung, eine spezifische Gesinnung und ein Alltags-Ethos» ist[12], und kann außerhalb seiner Kultur keinen nachhaltigen Bestand haben.

Was für die Philosophie gilt, besitzt auch für die Mythologie Gültigkeit. Diese ist nicht mit der eigentlichen Religion zu verwechseln, auch wenn dieser Fehler viel zu oft begangen wird, sondern bildet ein Konglomerat aus theo- und kosmogonischen Erzählungen. Das Wort Mythos bedeutet wörtlich «Erzählung». Die Mythologie gehört zur Religion, sie ist ein Teil davon, macht sie aber nicht aus.[13] Die Mythen entstammen einer ethnischen Erfahrungswelt und sind für die Hellenen und Hellenisten von äußerster Bedeutung. Sie sind erheiternde, spannende, belehrende, dramatische, tragische und witzige Erzählungen, die nichts an Wert eingebüßt haben. Es handelt sich bei ihnen um Einsichten und Erfahrungen, die von einer Generation an die nächste weiter vermittelt werden. Sallustios zufolge ist die Erforschung und Deutung der Mythen Aufgabe der Philosophie (Sall., 7).[14] Er lehrte, dass die Mythen göttlich seien und dass sie die Wirkungsweise der Götter offenbaren (Sall., 7).[15] Nichtsdestotrotz sind Mythen keine göttlichen Offenbarungen und bilden auch keinerlei «heilige Schrift». Im Grunde verhält es sich damit wie mit den Statuen der Götter: Sind wir in der Lage, sie zu «lesen», erlangen wir Einsichten in die Natur des Göttlichen, aber eben beschränkte, unserer eigenen sterblichen Natur entsprechend. Die Statuen sind nicht die Götter selbst, symbolisieren sie aber und darum wird mit ihnen, nachdem sie erst einmal geheiligt beziehungsweise geweiht wurden, sorgfältig umgegangen, denn sie sind Zeichen für die Anwesenheit des Göttlichen. In ihnen sehen wir die göttlichen Mächte zum Ausdruck gebracht (Porphyrios: Über die Götterbildnisse). Die Darstellungen der Götter verweisen auf ihre Funktionen im Universum und auf ihre allgemeinen Eigenschaften, die ins Menschliche übersetzt, zu Tugenden (aretai) werden, die der Sterbliche anstreben muss, so er Glückseligkeit erfahren und die Nähe zu den Göttern gewinnen möchte. Die Tugenden sind der Hebel für die Angleichung an die Gottheit beziehungsweise an die ihr attestierten Eigenschaften (Glückseligkeit, d.h. Sorglosigkeit und Freiheit von Leid). So gesehen brachte Doretta Peppa es auf den Punkt, als sie erklärte, dass die Statue «ein geistiges Sprungbrett zu Höherem» sei.[16] 

Als organisch gewachsene, ethnische Religion entwickelt sich die hellenische Religion analog zu ihrer Kultur beständig weiter. Eine solche Entwicklung wird nicht bewusst in Gang gesetzt, sie geschieht automatisch mit jedem Schritt in die «Zukunft». Ein solcher Prozess kann durchaus Impulse von außen aufnehmen, ist aber selbsttragend. Es geht also nicht darum, in eine undefinierte Vergangenheit oder in antike wirtschaftliche oder soziale Strukturen zurückzukehren, wie den Hellenen in der Vergangenheit oft unterstellt wurde; die Rückkehr der Hellenen zu ihrer eigenen Kultur und Identität ist kein Zurück in die Zeit, sondern ein Zurück zum Hellenentum, also ein Zurück zum Eigenen, zur indigenen Kultur ihrer Heimat und zu jener Größe, welche die Isagoria, Isonomie, Demokratie, den Humanismus (im ursprünglichen Sinn) und den politischen Menschen einst hervorgebracht hat. Wir sprechen also zu Recht von einer Revitalisierung[17], auch wenn «Re-Indigenisierung» der passendere Begriff wäre.

Der Hellenismos ist keine neue und keine «weitere» Religion mit Anspruch auf «einzige Wahrheiten». Aber vor allem ist er keine Religion im heutigen Sinne. Die einzige Wahrheit, die der Hellenismos anerkennt, ist die Wirklichkeit, also das ewige, selbsttragende und selbstentstandene Universum. Als eine polytheistisch-animistische Religion gehören Missionseifer und «einzige Wahrheiten» nicht zu seinem Repertoire. Der Hellenismos ehrt das Sein und die Vielfalt der Bio- und Ethnosphäre, der Kulturen und Traditionen. Sein Menschenbild ist eines, das den Menschen aufrecht stehen und sich selber achten lässt. Dieser Mensch, der hellenische, vergeudet nicht seine Zeit damit, vermeintliche «einzige Wahrheiten» anderen aufzuzwingen, sondern er ersucht Tugenden in sich selbst zu verwirklichen, die ihm die Nähe und die Freundschaft der Götter, das Wohl seiner Familie und das seiner Gemeinde sichern.

2. DIE GÖTTER (Θεοί)

Die «Götter» (griech.: theoí) sind vollkommene und ordnende Wesen (griech.: Ónta), die unsterblich und wissend sind. Sie heißen deshalb «Theoi» («Ordner»), weil sie allen Dingen Ordnung verliehen haben und unseren Kosmos regulierten (Herod., 2.52).[18] Sie sind ungeboren, unveränderlich und ewig (Sall., 2; 3).[19] Die Götter der Hellenen sind ungeschlechtliche, unpersönliche Mächte. Sie existieren innerhalb der Wirklichkeit, also des Universums[20], ohne den Einflüssen von Zeit und Raum zu unterliegen. Die kosmische Ordnung (Ευταξία/gute Ordnung) ist ihr Werk.

Die Hauptgötter des Hellenismos sind die bekannten zwölf Olympier: Zeus, Poseidon, Hephaistos, Demeter, Hera, Artemis, Apollon, Aphrodite, Hermes, Hestia, Athene und Ares. Es sind die Götter der griechischen Mythologie, die dem Mythos nach auf dem Berg Olymp residieren. Andere Götter sind: Dyktinna-Rhea (die kretische Muttergöttin), Gaia, Asklepios, Hygeia, die Musen, Hekate, Helios, Selene, Eros, Persephone, Thetis und Themis. Neben den Göttern werden auch andere Wesen, die Daimonen (Najaden, Dryaden, Oreaden usw.) und Heroen verehrt.

«Unsere zwölf Götter werden auch ΟΛΥΜΠΙΟΙ (Olympioi) genannt, aber nicht, weil sie auf dem Berg Olymp verweilen, wie so viele glauben möchten; ferner gab es in der griechischen Welt nicht einen, sondern achtzehn Berge, die diesen Namen trugen. Dies ist eine poetische Vorstellung, ähnlich der, die besagt, dass sich Pan in den Wäldern Arkadiens aufhält. Das Wort ‹Olymp› stammt vom Verb ΛΑΜΠΩ (lampein = strahlen, leuchten) ab. Unsere zwölf Götter sind die ‹Leuchtenden› und der echte Olymp ist kein geographischer, sondern ein spiritueller Ort, wo die Götter tatsächlich existieren.»[21] Der Olymp (oder Metakósmia bei den Epikureern) wird nicht von «Winden erschüttert, von Regen» durchnässt und «kein Schnee» landet auf ihm. «Es umstrahlt ihn der reinste Glanz» (Homer, Od. VI). Das Reich der Götter «ist reines Licht», unerreichbar für alles ihnen Fremde.[22]

Die Götter des Hellenentums sind nicht allmächtig[23] und der Ananke[24] (Notwendigkeit, Schicksal) unterworfen. Sie sind gerecht und weise, bar jedweder Schlechtigkeit (Sall., 2; 22).[25] Weder haben sie «schlechte» oder «dunkle» Aspekte noch begehen sie «Fehler», sonst wären sie keine Götter und zu keinen harmonischen Werken imstande. Sie sind keine Archetypen oder Aspekte eines persönlichen, liebenden Gottes. Und sie sind keine Personifikationen[26] oder Metaphern für natürliche Vorgänge.[27] Jean-Pierre Vernant brachte es mit folgender Erläuterung auf den Punkt: «Es handelt sich nicht um eine Naturreligion. Die Götter der Griechen waren keine Personifikationen von natürlichen Kräften oder Phänomenen […]. Die Götter der alten Griechen sind keine Personen, sondern Mächte.»[28]

Die Götter sind die Vervielfachungen des Einen (das Eine, griech.: τo ἕν), weshalb sie Henádes (dt. Henáden) heißen.[29] Die Vervielfachung oder Vermehrung der ursprünglichen Göttlichkeit in wesenhafte Teileinheiten wird allzu oft als «Emanation» beschrieben, dabei wäre «próhodos» («Hervorgehen») der richtigere Begriff. Jedenfalls wird damit die Idee einer Einheit ausgedrückt. Alles Licht der Götter ist eins (Iamblichos, De Mysteriis, Kap. 9). Jede Gottheit ist für eine bestimmte kosmische Zone bzw. einen kosmischen Aspekt zuständig und wirkt nicht in den Zuständigkeitsbereichen anderer Gottheiten. Die Götter sind also selbstständig, existieren aber weiterhin in einer übergeordneten Einheit mit dem Einen.[30] Sie drängen sich den Sterblichen nicht auf[31], sind nicht auf sie angewiesen oder von ihrer Verehrung abhängig (Sall., 23)[32] noch dreht sich ihr Sein um die Menschheit und ihr Wohlergehen. Ihr Hauptinteresse gilt dem Weiterbestand des Universums und der kosmischen Ordnung. Sie sind den Menschen weit überlegen und die hellenische Pietät verlangt von allen Hellenen die schlichte Anerkennung dieser Tatsache[33]. Bricht man dieses Prinzip, macht man sich der Hybris («Überschätzung») schuldig. Die Unsterblichen sind allen ihren Verehrern «leuchtende Ideale»[34], Vorbilder und Helfer.

Die Götter haben keine Gefühle. Sie kennen keine Freude oder Trauer, Liebe oder Hass (Sall., 22).[35] Sie fühlen keine Liebe, nichtsdestotrotz ist ihre Beziehung zu den fühlenden Wesen von fürsorglicher Art. Ihre Fürsorge ist eine noetische. Als sie Sokrates damit beauftragten, den Athenern ins Gewissen zu reden, sich um die eignen Seelen zu kümmern[36] und Maß zu halten, taten sie dies aus Fürsorge für die Athener (Platon, Ap., 31a). Ihr Interesse am Wohl und an der Freiheit des Menschen ist Liebe. Und sie können die Menschen deshalb lieben, weil sie sie kennen; sie blicken in die Seelen der Menschen und sehen dort, was diese wirklich brauchen. Nur deshalb können sie richtig lieben. Ein bedeutender Psychoanalytiker hielt einst fest: «Ich kann nur lieben, wenn meine Liebe adäquat ist und den Bedürfnissen und der Natur des Geliebten entspricht.»[37]

Durch die Veredelung der Seele (bewirkt durch Philosophie und Tugendhaftigkeit) kommt der Mensch in ihre Nähe.[38] Durch Opferungen und Riten stellt er eine Verbindung zu ihnen her (Sall., 6).[39] Die Opfergaben sind selbstverständlich nur symbolischer Natur, aber das dahinterliegende Prinzip der Reziprozität ist heilig. Ein Kontakt zwischen Mensch und Gott kann vor allem wegen der zwischen ihnen bestehenden Verwandtschaft hergestellt – aber nie erzwungen – werden. Die Götter sind vernünftige Wesen und die Menschen sind durch den in ihnen weilenden Funken göttlichen Feuers vernunftbegabt. Dieses verbindende Element regelt die Beziehung des Polytheisten zum Kosmos, denn aus diesem leitet er die Pflicht der Sterblichen gegenüber den Göttern und dem Logos heraus, vernünftig (oder dialektisch) zu denken, «zu sprechen und zu handeln» und alle vernünftigen Meinungen gelten zu lassen.[40] Es bedeutet aber auch, gottgefällig, sprich: vernünftig die Götter und das Universum zu denken und keine Vorstellungen von ihnen zu hegen, die ihrer Natur widerspricht (Vergänglichkeit, Affektion, Zorn, Ungerechtigkeit usw.). Damit übt der Hellene Gerechtigkeit gegen die Götter und steht im richtigen Verhältnis zu ihrer Wirklichkeit.

2. FRAGEN UND ANTWORTEN

A. Was ist der Hellenismos?

Die Kultur und Religion der Hellenen.

B. Wie wird der Hellenismos sonst noch genannt?

Griechische Religion, hellenische Religion, hellenischer Polytheismus, hellenische Tradition, griechischer Ethnismus, olympische Religion, altgriechische Religion usw.

C. Andere Bezeichnungen für die Hellenen?

Griechische Polytheisten, ethnische Hellenen, hellenische Ethniker.

D. Was gehört zum Hellenismos?

Homer, Hesiod, Schule der Eleaten, Hylozoismus, Sophistik, Kynismus, Platonismus, Epikureismus, Aristotelismus, Pythagoreismus, Orphik, Stoa, Pyrrhonismus, Demokratie, Aristokratie, die Mysterien, Theurgie, Iatromantik, Hippokratische Medizin u.a.

E. Was gehört nicht zum Hellenismos?

Monotheismus, Hermetik, Okkultismus, New Age, «Neuheidentum», Esoterik, Theosophie, Nationalismus, Internationalismus, Feminismus, Gnosis, Yoga, Kabbala. Das Abendland, der Orient, die Romiosini u.a.


Nachweise:

1. Bedeutet «der Griechen, Hellenismus […]. II. Verwendung eines reinen griechischen Stils und Idioms […].» Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon, S. 536, 9. Aufl., New York: Oxford University Press 1996.

2. Marion Giebel: Kaiser Julian Apostata: Die Wiederkehr der alten Götter, S. 8, Düsseldorf: Patmos 2006.

3. Oberster Rat der ethnischen Hellenen: Ethnische Hellenische Religion: Theologie und Praxis, S. 15, Athen 2012 (griechisch).

4. ebenda.

5. Friedrich Wilhelm Korff: Vorwort zum Wahren Wort des Celsus, in: Celsus, Th. Keim (Übers.): Gegen die Christen, S. 10, München: Matthes & Seitz Verlag 1984.

6. Vlassis G. Rassias: Die Unterschiede zwischen der eingeborenen hellenischen Religion und dem Christentum, in: Rassias(.)gr: Artikel, Interviews, Veranstaltungen. Griechisch. Zuletzt abgerufen am 25.3.«2013».

7. Encyclopædia Britannica: Greek religion, in: Encyclopædia Britannica Online (zuletzt abgerufen am 24. Januar «2013»).

8. Hans Schulz, Otto Basler: Deutsches Fremdwörterbuch, Band 5. S. 289, Berlin: Verlag de Gruyter 1974.

9. Celsus, Porphyrios, Sallustios, Kaiser Julian, Hypatia, Sosipatra, Proklos, Simplikios, Damaskios und Plethon waren Platoniker.

10. Werner Jaeger: Paideia: The ideals of Greek culture Vol. I: Archaic Greece, the mind of Athens, 3. Aufl., S. XXIII, Oxford 1946.

11. ebenda.

12. Vlassis G. Rassias: Hellenism: What we believe, what we stand for, in: Rassias (Texts and Interviews translated into english), zuletzt abgerufen am 25.3.«2013». Originalquelle: Green Egg journal, Nr. 109, Sommer 1995.

13. Paul Veyne: Die griechisch-römische Religion: Kult, Frömmigkeit und Moral, S. 27, Stuttgart: Reclam Verlag 2008.

14. Sallustios: Περί θεών και κόσμου, S. 22. Athen: Anichti Poli 2002. Ins Neugriechische von Vlassis G. Rassias.

15. Sallustios, S. 23.

16. Zitat aus der Sendung «Χωρίς Μοντάζ ΙΙ», griechischer Privatsender: Alter, Erstausstrahlung 07.02.2004. 

17.  Evgenia Fotiou: «We are the Indians of Greece»: Indigeneity and Religious Revitalization in modern Greece, in: CrossCurrents, Juni 2014.

18. Herodot: Historien, S. 132, 4. Aufl., Stuttgart: Kröner Verlag 1971. Ins Deutsche von A. Horneffer.

19. Sallustios, S. 20

20. Jean Pierre Vernant: Μύθος και θρησκεία στην αρχαία Ελλάδα, S. 12, Athen 2000, org. Mythe et religion en Gréce ancienne, Paris 1990.

21. Rassias: Hellenism: What we believe, what we stand for.

22. Walter F. Otto: Die Wirklichkeit der Götter: Von der Unzerstörbarkeit griechischer Weltsicht, S. 13, S. 36, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1963. Hg. von Ernesto Grassi.

23. Ein solches Konzept wird von den Hellenen als «menschliche Erfindung» ausgemacht, die sie auf die menschliche Unsicherheit zurückführen.

24. Vlassis G. Rassias: «Θύραθεν»: Φιλοσοφικό Λεξικό, S. 25, 1. Aufl., Athen: Anichti Poli 2006, griechisch.

25. Sallustios, S. 20, 62.

26. Walter F. Otto: Theophania: Der Geist der altgriechischen Religion, S. 76, Hamburg: Rowohlt 1956.

27. Paul Veyne, S. 17.

28. Jean Pierre Vernant, S. 13, S. 18.

29. Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1, S. 435-436, Berlin: Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn 1904.

30. Timothy Jay Alexander: Hellenismos Today, S. 15, S. 26, Breinigsville/USA: Lulu Press 2007.

31. Paul Veyne, S. 20.

32. Sallustios, S. 64.

33. Paul Veyne, S. 18-19.

34. So beschrieb W. F. Otto die griechischen Götter.

35. Sallustios, S. 62.

36. Manfred Fuhrmann, Platon: Apologie des Sokrates. Griechisch/Deutsch, S. 111, Ditzingen: Reclam 1986.

37. Erich Fromm: Die Antwort der Liebe: Die Kunst des richtigen Lebens, S. 17, 2. Aufl., Freiburg im Breisgau: Herder 2003.

38. Weil er ihnen immer ähnlicher wird.

39. Sallustios, S. 29.

40. Oberster Rat der ethnischen Hellenen: FAQ, Nr. 15 (englische Version).

Advertisements

Ein Gedanke zu „Kurzer Einblick in den Hellenismos (Hellenischer Polytheismus)

Kommentare sind geschlossen.