Der Philosoph im Auftrag Apollons – Sokrates war ein Polytheist

Der Philosoph im Auftrag Apollons

Im heutigen christlichen Griechenland, das sich gern auf die Antike beruft und als «Weiterentwicklung» des Hellenentums sieht (aber auch in einigen säkular-christlichen Gesellschaften), kursieren zur Zeit merkwürdige Behauptungen, die zwar schon früher verbreitet, jetzt aber eine Renaissance erleben und vehement Gültigkeit beanspruchen. So soll zum Beispiel das Oströmische Reich (Byzanz) die Fortsetzung der hellenischen Kultur gewesen sein und die hellenische Philosophie das Christentum nicht nur eingeleitet haben, nein, sie wurde durch die Christenheit erst vollkommen gemacht. So ist es nur konsequent, dass die griechischen Philosophen als Monotheisten, Verehrer des «wahren Gottes» ausgegeben werden. So auch Sokrates, der aus genau diesem Grund von den «Götzendienern» zum Tode verurteilt wurde. Nicht genug, denn die Philosophen waren nicht nur Monotheisten, Propheten waren sie auch, haben sie doch, so die neobyzantinischen Apologeten, Jesu Ankunft prophezeit – als hätte das einen Heraklitos, Platon oder Aristoteles interessiert. Neuerdings wurde sogar Konfuzius in den Kreis dieser «Propheten» aufgenommen; man ist diesbezüglich nicht allzu wählerisch, schließlich können sich die Philosophen gegen eine derartige Vereinnahmung ihrer Person nicht zur Wehr setzen.

Der Schwäche der eigenen «Argumente» allzu deutlich bewusst, versucht man, weil Folter und Verfolgung nicht mehr zur Option stehen, das Christentum mit solchen und anderen Betrügereien irgendwie legitimiert zu bekommen, sogar als den Sukzessor der griechischen Kultur erscheinen zu lassen. Das gilt insbesondere für jenes Steinzeit-Christentum, das nicht von der Französischen Revolution, der Aufklärung und dem neuzeitlichen Freiheitsbewusstsein weichgespült wurde und deshalb weiterhin offen intolerant sein kann. In Neugriechenland ist es für die orthodoxen Fundamentalisten und Nationalisten von äußerster Bedeutung, nicht als etwas der hellenischen Kultur Fremdes, sondern als dem Hellenentum zugehörig, als Bewahrer und echte Erben der Antike akzeptiert zu werden, weshalb man unter anderem versucht, aus dem Christentum eine «hellenische Religion», zeitwese sogar aus Jesus einen Griechen zu machen, eine ununterbrochene kulturelle Kontinuität von der Antike bis zur Neuzeit zu konstruieren und damit das Dilemma der neugriechischen Identität bzw. die Nähte zu kaschieren, die sie zusammenhalten. Auf der einen Seite möchte die Theokratie in Griechenland den Menschen weismachen, dass das Christentum nichts weiter tat, als in die Fußstapfen der antiken Philosophen zu treten, so dass die Lüge von der «Fortsetzung» der hellenischen Kultur in Byzanz und Christentum als gegeben hingenommen wird und auf der anderen Seite dient eine solche Behauptung der eigenen Profilierung – denn wenn Sokrates und Co. Monotheisten waren, diese großen Denker, kann der Monotheismus gar keine so schlechte Sache sein.

Im Westen will man etwa, dass «uns» die antiken Philosophen nahestehen, eine geistige Nähe zwischen ihnen und «uns» ausmachen. Eine kulturelle Verwandtschaft, die 1500 Jahre Finsternis überdauert und den Grundstein für «unsere» Lebensart gelegt haben soll. Und was haben «wir» nicht alles von den Griechen übernommen? Ihre Demokratie, ihre Ästhetik und Philosophie, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Theoretisch stimmt das auch. Aber in der Praxis gibt der Westen den Parlamentarismus, seine eigene Staatsordnung, als Demokratie aus und will seine Philosophie von den Griechen ableiten, obwohl seine philosophischen Systeme in einen christlichen Überbau eingebettet sind. Eine klassische Rückprojektion. Abendland und Romiosini sehen in der Antike ihre jeweils eigene Vergangenheit, ihre Monotheisten und Atheisten finden in den griechischen und römischen Philosophen ihre Vorläufer, den Monotheismus bei Platon, den Atheismus bei Epikuros. Die Antike ist ihnen ein Spiegel, das ihr eigenes Bild widerspiegelt. Dabei waren die Alten weder Polytheisten noch Monotheisten im heutigen Sinne und haben sich auch nicht als solche verstanden. Diese beiden Denkkategorien sind neueren Datums. Aber auch der antike Atheismus war von einer andren Art als der heutige, wobei das Adverb «heute» bzw. «morgen» in diesem Kontext etwas trügerisch ist, denn der eigentliche Unterschied zwischen den antiken und heutigen Atheisten ist die Kultur, das Bezugssystem. Bei den einen war das die griechische und römische Kultur, bei den anderen ist es die westlich-christliche und rhomäische Kultur. Es kommt nicht von ungefähr, dass es sowohl in Westeuropa als auch in Griechenland eine Vielzahl an Menschen gibt, die im Glauben zwar Atheisten, aber im Denken weiterhin Christen sind, weil das Fundament ihrer Kulturen christlich ist.

Die Frage nach dem Polytheismus oder Monotheismus überlagert die kulturelle Frage, die meiner Ansicht nach an erster Stelle stehen müsste. Zuerst steht also gar nicht die Frage nach der religiösen Gesinnung des Sokrates, sondern nach seiner kulturellen Zugehörigkeit. Der Rest erledigt sich beinahe von selbst, da sich bereits an dieser Frage die Seriösität oder Absurdität der These vom Monotheismus im antiken Griechenland messen lässt. Diese These, falls es denn eine ist, transportiert eine unredliche Absicht und stellt den Betrugsversuch diverser kirchlicher und parakirchlicher Kreise dar, den Monotheismus und damit das Christentum zu substanziieren, in dem viele die religionsgewordene logische Konsequenz aus der griechischen Philosophie erblicken wollen. Angeblich überwand der Monotheismus den «primitiven» Polytheismus, weil er fortschrittlicher gewesen sei. Und das obwohl wir die Isonomie, Isagorie, Demokratie und den politischen Menschen der polytheistischen Welt zu verdanken haben. Hier wird nicht nur das Eigene auf die Antike projiziert, Vorläufer des eigenen Denkschemas bei den antiken Philosophen «gesucht und gefunden», sondern man geht auch von einem linearen Zeitablauf aus, der mit dem Animismus und Polytheismus anfing und zum Monotheismus führte, geradezu führen musste.

Doch wie versuchen die Apologeten und Theologen diese «These» zu untermauern? Unter anderem mit dem griechischen Singularwort «ΘΕΟΣ» (transk.: theós), zu Deutsch: Gott, das schon bei Homer verwendet wird und auch bei Platon auftaucht. Damit soll suggeriert werden, dass ein spezifischer, einziger Gott gemeint war, wobei immer noch die Frage offen bleibt, warum dieser «Gott» der dreifaltige Jahve sein soll, zumal dieser eine spätere Erfindung ist. Wenn heutzutage von Gott gesprochen wird, ist meist ein einziger persönlicher Gott gemeint, wie ihn das Christentum geschaffen hat, weil «Gott» mit dem christlichen beziehungsweise monotheistischen Schöpfergott gleichgesetzt, von einem Gattungsbegriff zu einem Begriff für den Gott der Bibel wurde. «Gott» ist im Westen und in der Romiosini eben der dreifaltige Jahve, zumal es nach monotheistischer Auffassung sowieso gar keinen anderen gibt, ergo kann nur dieser eine gemeint sein. In Griechenland versteht man unter «Gott» ausschließlich den christlichen. Und wenn es heute so ist, war es auch damals so, hat «Gott» bzw. «Theos» in Antike und Neuzeit die gleiche Bedeutung. So will man es uns zumindest weismachen.

Tatsächlich stammt das Wort «Theos» von den antiken Griechen ab und die verstanden darunter etwas völlig anderes, als die Monotheisten und säkularen Anhänger des christlichen Abendlandes (ob Atheisten, Agnostiker und andere) heute darunter verstehen und assoziieren. Der Singular «Theos» ist ein Gattungsbegriff («der Mensch», «das Tier», «das Meer» etc.) und bedeutet «God, the Deity, in general sense, both sg. and pl.»[1]. Ob «Gott» (theós) oder «die Götter» (theoí) – für den Hellenen besteht da kein Unterschied, außer der Singular wird gebraucht, um einen zuvor namentlich erwähnten Gott zu bezeichnen, wie es bei Platons sokratischer Apologie der Fall ist. Am Anfang seiner Rede beruft sich Sokrates auf den «Gott in Delphi», also Apollon, («ΘΕΟΝ ΤΟΝ ΕΝ ΔΕΛΦΟΙΣ», 20e), der dann nur noch als «der Gott» apostrophiert wird («Ο ΘΕΟΣ»), doch später mehr dazu.

Ansonsten werden mit dem «kollektiven Begriff ‹der Gott, der daímon, oder das Abstraktum, ‹die Gottheit, to theíon» die Götter insgesamt gemeint oder eben Zeus, der «Inbegriff des Gottes, der alle Götter in sich vereinigt»[2]. So wird zum Beispiel in der Apologie des Sokrates das altgriechische «ΔΙΑ» («Zeus») im Deutschen mit «Gott» übersetzt (17b)[3], weil Zeus bei den Hellenen eben «Gott» ist. Außerdem stand Zeus «bei den Philosophen … für Gott» (P. Veyne, S. 52), nicht Jahve. Es hat sowieso keinen Sinn, immer und überall bei den antiken Philosophen nach einem Monotheismus Ausschau zu halten, denn «der Monotheismus ist kein Grundelement der Religionsgeschichte.»[4] Ob sie nun bei Platon, bei den Stoikern, bei Plotin oder bei Heraklitos einen Monotheismus gefunden zu haben meinen, immer ist es dieselbe Schelte, die sie bekommen; sie sehnen sich nach einer Vergangenheit, die ihren Wünschen entspricht. Doch «Platon, die Stoiker und Plotin sind Polytheisten» gewesen[5] und Heraklitos, bei dem im altgriechischen Original vom «Daímon»[6] oder «theíon»[7] die Rede ist, sprach von Zeus als «das Weise»[8]. Platon und Heraklitos sind keine Ausnahmen. Denn das gleiche gilt selbstverständlich auch für Xenophanes, der plötzlich auch ein Vorkämpfer des Monotheismus gewesen sein soll, obwohl er Hellene war. Wenn er von «einem Gott» ausgeht, «dem grössten unter Göttern und Menschen», kann man ihm das vielleicht als Henotheismus auslegen, aber doch nicht als Monotheismus; sonst hätte er die anderen Götter gar nicht zu erwähnen brauchen. Aber abgesehen davon ist mit dem einen Gott, der größer als all die anderen ist, nicht der christliche gemeint, sondern Zeus, der Gott der Hellenen[9].

Das alles macht nur deutlich, dass sie die eingeborene hellenische Religion nicht verstanden haben, aber das überrascht eigentlich niemanden mehr. Ihr eigentliche Besonderheit ist nicht ihr «Polytheismus», der sowieso falsch aufgefasst wird, sondern ihr Kosmotheismus[10], der den Gedanken «Einer oder Viele» nicht kennt, sondern beides enthält: Das Eine (to hen) und die Vielen (henádes)[11], die in einer übergeordneten Einheit mit diesem «unpersönlichen, selbsttragenden» Einen bestehen[12], aus dem sie herausgetreten sind[13]. Mit dem Christengott hat dieses Eine wenig am Hut. Das Eine hat das Universum nicht erschaffen, auch die Henádes/Henáden (die Götter) nicht; diese haben lediglich den Kosmos geordnet, weshalb die Pelasger und Hellenen sie «Theoi»Götter») nannten[14], also «Ordner», und das Weltganze «Kosmos»Ordnung»[15], «Schmuck»). Die Christen glauben aber, dass ihr Gott genau das getan haben soll. Doch weder der platonische Demiourgos noch heraklitische Logos sind des Kosmos Schöpfer, was zumindest bei Heraklitos sehr deutlich wird. Das Universum ist bei den Hellenen bekanntlich keine Schöpfung. Hier ist nicht die Theologie, die Götterlehre gefragt, sondern die Ontologie.

Aber das lässt viele Monotheisten, sofern sie das überhaupt gehört haben, einfach kalt oder sie verdrängen diese störenden Fakten einfach. Neofaschisten, nationalistische und fundamentalistische Christen in Griechenland, aber auch anderswo, verdrängen gerne die Tatsache, dass ihr Gott nicht irgendein namenloser, unspezifischer Gott ohne eignen mythologischen «Background» ist, sondern Jahve, der Gott des Tanach und des Neuen Testaments, der später freilich zum dreifaltigen und einzig wahren Gott ummodelliert wurde, der er heute ist. Dieser Gott ist kein Unbekannter, sondern den alten Ethnien bestens bekannt, sein Lebenslauf liest sich im Tanach. Die Fundamentalisten bekräftigen, er sei nicht der Gott der Christen und des Christentums, sondern der einzig wahre Gott und Schöpfer aller Menschen, ob diese nun wollen oder nicht. Und die anderen Gottheiten? Nun, diese seien Mythen, Erfindungen der Ethnien, im schlimmsten Falle «Dämonen», im harmlosesten Falle «Personifikationen» und Symbole für natürliche Vorgänge. Mal abgesehen davon, dass die ethnischen Götter keine Personifikationen[16], sondern unpersönliche[17]Dynámeis[18]Mächte») sind, war auch der jüdisch-christliche Gott lange Zeit kein Einzelgänger, teilte sich mit seiner Gattin Aschera hier und dort sogar einen gemeinsamen Altar.

Aber in Neugriechenland geht die Realitätsverleugnung sogar soweit, den platonischen Demiurg zum Gott der Christen zu erklären, damit die Behauptung folgen kann, die antiken Philosophen glaubten an den gleichen Gott wie die Christen, im Gegensatz zu der unzivilisierten, rückständigen Mehrheit, den Menschen aus der Provinz, die dem «Götzenkult» aufgrund ihrer Unbildung treu blieben. Die Philosophen hätten die Mythen abgelehnt (die Mythen werden also mit der eigentlichen «Religion» identifiziert) und Jesu Kommen angekündigt. Aber nicht nur sie, auch der Tragödiendichter Aischylos wird zum Propheten, hat Jesu Ankunft vorausgesehen, seine vermeintliche Prophezeiung im «Gefesselten Prometheus» festgehalten. Deshalb wurden sie angeblich von den Polytheisten verfolgt. Wir haben es hier quasi mit christlichen Märytern in vorchristlicher Zeit zu tun. Die hellenische Ethnie wird also in zwei Lager geteilt, in Polytheisten und Monotheisten, «Götzendiener» und «Diener des wahren Gottes». Das sind die offiziellen Aussagen und Behauptungen christlich-orthodoxer Apologeten und Würdenträger der orthodoxen Kirche in Griechenland. Zwischen dem Nous des Anaximandros, dem Logos des Heraklitos, dem Demiurg Platons und dem dreifaltigen Jahve wird nicht unterschieden. Sie stellen die Göttlichkeit der Olympier in Abrede, vergessen aber, dass das hellenische Theos von der hellenischen Ethnie verwendet wurde, um eben diese Mächte zu bezeichnen. Diese Vorgehensweise kann nur als ruchlos bezeichnet werden, denn es waren Kirche und das christliche Oströmisches Reich, die die Zerstörung, Schließung und Plünderung der Tempel veranlassten, die väterliche Tradition verfolgten, die traditionellen Kulte kriminalisierten und letztendlich ausrotteten. Sie reklamieren die Philosophen des Hellenentums für sich, also die Kultur jener Philosophen, die von ihrer eigenen (Romiosini) ausgelöscht wurde, trennen sie vom Rest ihrer kulturellen Identität (Weltanschauung und Religion) und stellen sie in den Dienst des Monotheismus.

Dabei waren es nicht die ethnischen Hellenen, sondern die Kirche selbst, die über ihre «Bibliothek griechischer Kirchenväter und kirchlicher Schriftsteller» (VEPES) verlauten ließ, dass der Gott des Christentums – und somit all seiner Sekten – Jahve ist, nämlich der Gott von «Adam, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Samuel und David»τω Αδάμ, τω Νώε, τω Αβραάμ, τω Ισαάκ, τω Ιακώβ, Σαμουήλ τε και Δαυίδ»). Ihr Antijudaismus macht es Nationalisten und orthodoxen Extremisten unmöglich, diese Fakten gelten zu lassen.

Denn wie könnten sie Hellenen sein, wenn sie auf der einen Seite den hellenischen Göttern die Existenz absprechen und auf der anderen Seite Jahve, den Gott der Juden, als «einzig wahren Gott» anerkennen?

Nun aber zu Sokrates. Es wird also behauptet, er wurde von den «Götzendienern» umgebracht, weil er nicht an die Stadtgötter «glaubte» und andere Götter einführte. Mal abgesehen davon, dass es keine «Götzendiener», «Heiden» oder «Paganisten» gegeben hat, sondern nur Ethnien wie die Hellenen, zu denen Sokrates gehörte, und die alle Ethniker im etymologischen Sinn des Wortes waren, d.h. Träger einer ethnisch-kulturellen Identität, zu der auch ihre väterliche «Religion» gehörte, stimmt diese Behauptung nicht.

In Asebie-Prozessen war die innere Haltung des Angeklagten zu den Göttern unbedeutend, denn die Hellenen kannten den «Glauben» nicht und sie «glaubten nicht im christlichen Sinne an die Götter […].»[19] Die griechische Religion ist schließlich eine «Ritualreligion». Mit «griechische Religion» wird keine Glaubensgemeinschaft mit Dogmen, Glaubensbekenntnissen oder mit einer aus dem Christentum bekannten inneren religiösen Haltung gemeint, sondern »die religiösen Ansichten und Praktiken der antiken Hellenen«. Und diese «griechische Religion ist nicht identisch mit der griechischen Mythologie, welche von traditionellen Erzählungen handelt, jedoch sind beide eng miteinander verknüpft. Merkwürdigerweise hatten die Griechen, für ein so religiös gesinntes Volk, kein Wort für die Religion selbst; die naheliegendsten Begriffe waren eusebeia (‹Pietät) und threskeia (‹Kult)» (Encyclopædia Britannica: Greek religion, in: Encyclopædia Britannica Online (zuletzt abgerufen am 24. Januar «2013»).

Nicht um den «Glauben» dreht sich also die Debatte, sondern um den Kult, die Verehrung der Götter. Es ging darum, ob man den Göttern Verehrung und Opfergaben vorenthielt. Manfred Fuhrmann erklärt: «In dem Hauptvorwurf, der eigentlichen Asebie-Anklage, verwendet das griechische Original für ‹anerkennen das Wort νομίζειν ‹in Brauch haben, an etwas festhalten. Man hat diesen Ausdruck oft mißverstanden und durch ‹glauben wiedergegeben – Sokrates verstoße gegen das Recht, indem er nicht an die staatlichen Götter glaube.»[20]

Sokrates, sagen die Monotheisten, soll aber genau das getan und nebenbei an einen anderen Gott «geglaubt» haben. Ich werde mich erst mit den Anklagegründen beschäftigen, später komme ich noch auf Sokrates’ religiöse Gesinnung zu sprechen, die nur polytheistisch genannt werden kann (auch wenn der «Polytheismus» ein Begriff ist, den die Hellenen nicht verwendeten, doch er ist in dem Maße richtig, wie er ein religiöses System bezeichnet, das viele göttliche Wesen anerkennt).

(Sokrates selbst verfasste bekanntlich keine Bücher und hinterließ logischerweise auch keine Schriftstücke. Alles was wir über Sokrates wissen, das verdanken wir seinen Schülern, hauptsächlich Platon und Xenophon, die auch seine Apologie aufgezeichnet haben und darüber hinaus Gespräche, die Sokrates geführt hat, aber auch von Platon erfundene Dialoge, in denen er einen fiktiven Sokrates als sein Sprachrohr und seine ebenfalls fiktiven Gesprächspartner zu Wort kommen lässt, um diverse Themen philosophisch zu behandeln. Aus den Schriften besagter Schüler geht ein völlig anderes Bild des Sokrates hervor, als das von den Fundamentalisten kreierte. In ihren Schriften verteidigten sie ihren Lehrer gegen die Anklage der Asebie, der sie des Sokrates Pietät gegenüber stellten. Und ich meine, Sokrates Schüler wussten mehr über ihn zu berichten, als die Jesus-Anhänger aller Couleur zusammen, ob Orthodoxe, Katholiken, Esoteriker, Okkultisten usw.)

Sokrates – Der Philosoph im Auftrag Apollons

Im Jahre 399 v.u.Z. musste sich Sokrates im hohen Alter vor Gericht verantworten. Er wurde wegen Asebie («Frevel») angeklagt. Seine Ankläger waren die Athener Anytos, Meletos und Lykon. In der Hauptverhandlung relevanten Anklage gegen Sokrates taucht der Singular «Theos» gar nicht auf. Dort steht lediglich: «Sokrates handelt rechtswidrig, indem er die Götter, die der Staat anerkennt, nicht anerkennt und andere, neuartige göttliche (dämonische) Wesen einzuführen sucht; er handelt außerdem rechtswidrig, indem er die jungen Leute verdirbt. Strafantrag: der Tod.»[21]

Weit und breit keine Spur vom «einen Gott», «Jahve» oder «Monotheismus» – und solange wir davon ausgehen dürfen, dass der monotheistische Wüstengott nicht unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet, schließen wir aus, dass es sich bei den «neuartigen göttlichen Wesen» um Jahve handeln könnte. Dieser Teil bezog sich auf das «Daimonion, die göttliche innere Stimme», von der bei Sokrates die Rede war. Daimonion» bedeutet «göttliche Macht; das Göttliche»[22].)

Die Anklage richtet sich nicht «auf eine bestimmte religiöse Überzeugung», «galt vielmehr» dem «Anerkennen der offiziellen Kultordnung»[23]. Die Anklage war im Falle Sokrates nicht einmal religiös motiviert (die Hellenen waren religiös tolerant), sondern «schwerlich politisch»[24]. Man versuchte sich Sokrates vom Hals zu schaffen und bediente sich dabei eben dieser verleumderischen Anklage, die Sokrates von sich wies, als er die Behauptungen seiner Ankläger ad absurdum führte und auf ihre Widersprüchlichkeit hinwies. Wie könne er, so Sokrates, die Götter leugnen, wenn er daimonische Wesen erkennt, die doch, das wisse jeder, von den Göttern abstammen? «Kann man an Pferde nicht glauben, wohl aber an Dinge von Pferden?»[25] (altgriech.: ΕΣΘ’ ΟΣΤΙΣ ΙΠΠΟΥΣ ΜΕΝ ΟΥ ΝΟΜΙΖΕΙ, ΙΠΠΙΚΑ ΔΕ ΠΡΑΓΜΑΤΑ, Plat., Apologie, 27b) fragte er Meletos, einen seiner Ankläger. Anderenfalls wäre es unsinnig, «wie wenn jemand glaubte, daß es zwar Kinder von Pferden und Eseln gibt, die Maulesel, nicht aber Pferde und Esel» (Fuhrmann, Platon: Apologie, S. 41).

Sokrates, so wollten es seine Ankläger, sollte als eine Gefahr für das Gemeinwohl erkannt werden, damit ihn die Missbilligung der Athener traf. Doch wieso hofften sie, ihn gerade mit einer solchen Anklage bei den Athenern unbeliebt und verhasst zu machen? Die Verurteilung von Sokrates fand wenige Jahre nach dem Peloponnesischen Krieg statt, der bekanntermaßen mit Athens Niederlage endete. Naturphilosophie und Sophistik zogen in das «altmodisch gebliebene» Athen ein[26], und es war vor allem die Sophistik, die die Tradition herausforderte und die damalige Kultur zum Objekt ihrer Kritik machte. In seinem Werk «Wolken» machte Aristophanes «Sokrates zum Ausbund aller sophistischen Künste»[27], wodurch Sokrates mit der «Auflösung» des Status quo und mit den Sophisten in Zusammenhang gebracht wurde.

Im letzten Drittel des 5. Jahrhunderts verschärften sich «die inneren Spannungen» und es kam zum Konflikt zwischen «Alt und Neu». «Ein Hauptventil» dieser «Spannungen» waren «offenbar die Asebie-Prozesse», von «konservativen Kreisen» gegen progressive Kräfte geführt[28]. Sokrates, von vielen jungen Leuten umgeben, diskutierte mit der Jugend und beeinflusste sie wohl durch seine Aktivitäten dahingehend, die vermeintlich «Weisen» und «Wissenden» der damaligen Gesellschaft genauer unter die Lupe zu nehmen (weshalb er sich bei vielen angesehenen Athenern verhasst machte). Als Sokrates sie ihre Unwissenheit erkennen ließ, Männer, denen ein guter Ruf vorauseilte, erbosten sie des Zweifels an ihrer (eingebildeten) Qualifikation wegen. Auf ihre Beschränktheit aufmerksam gemacht, fingen sie an, Sokrates anzufeinden. Ihr Hass wurde nicht weniger, als die jungen Menschen, die mit Sokrates verkehrten, anfingen es ihm gleich zu tun. Sokrates «verdarb» die Jugend, indem er ihr die Augen öffnete.

Er wurde unbequem. Man versuchte Sokrates mittels einer Verschwörung loszuwerden und bediente sich dabei der Religion, hoffend, dass ihm das bestehende athenische Klima zum Verhängnis werde. Dass die Anklage eine Farce war, beweist auch die Tatsache, dass Sokrates öffentlich den Göttern Anerkennung zollte und ihnen Opfer darbrachte[29]. Xenophon sagt dazu: «Jedermann konnte doch sehen, daß er sowohl oft zu Hause als auch auf den gemeinsamen Altären der Stadt opferte; es war zudem wohlbekannt, daß er sich der Weissagekunst bediente.»[30].

Doch all das half ihm nicht weiter, wohl wegen der Zustände in Athen nach der erlittenen Niederlage. Der schlechte Ruf des Sokrates lag einerseits in der gegen ihn geführten Kampagne und andererseits auf ein allgemeines Missverständnis bezüglich seiner Aktivitäten und Aussagen (zum Beispiel zum Daimonion) begründet, das seinen Gegnern wohl nur gelegen kam (wenn nicht zum Teil sogar von ihnen bewusst provoziert). Dieser schlechte Ruf erschien vielleicht in den Augen vieler als Beweis für seine vermeintlich unlauteren Aktivitäten.

Wie kam es aber nun zu dieser unglaublichen Geschichte? Sokrates erklärt vor Gericht, dass alle Anklagen gegen ihn falsch sind. Doch nicht nur die Anklagen sind unwahr, auch die kursierenden «Gerüchte» (lange davor schon absichtlich in Umlauf gebracht, von Menschen, die er als gefährlichere Ankläger ausmacht, als Anytos und seine Bande, da viele diesen älteren Verleumdungen schon als Kinder ausgesetzt waren[31]), Sokrates mache die «schwächere Rede zur stärkeren» und unterweise auch andere hierin (typische Vorurteile gegen die Sophisten) entsprach keineswegs der Wahrheit. Und falls den Athenern erzählt worden ist, dass er Menschen erziehe und Geld dafür einkassiere (auch den Sophisten vorgeworfen), so kann er sie beruhigen, denn auch das stimmt nicht. Wie erklärt Sokrates dann seinen schlechten Ruf? Er führt diesen auf seine «bestimmte Art von Weisheit» zurück, eine «Weisheit von menschlichem Maß»[33].

Als Zeugen für seine «Weisheit» nennt er «den Gott in Delphi»[34] (ΤΟΝ ΘΕΟΝ ΤΟΝ ΕΝ ΔΕΛΦΟΙΣ, Apol., 20e), der bekanntlich Apollon ist. Von Apollon ist anschließend nur noch als «der Gott»[35] (Ο ΘΕΟΣ, 21b) die Rede. Sokrates lässt also keine Fragen über die Identität «seines» Gottes offen. Chairephon, ein Freund des Sokrates besuchte einmal das Orakel von Delphi und befragte es, ob es jemanden weiseren als Sokrates gebe. Apollon antwortete durch die Pythia, dass niemand weiser sei. Sokrates sann über diesen Orakelspruch nach; er wisse doch, dass er nicht weise sei. «Was meint er also, wenn er sagt, ich sei der Weiseste?»[36] (21b). Der Gott hat gesprochen, also, so der Philosoph, muss an der Sache etwas dran sein, denn «ganz gewiß lügt er ja nicht; das ist nicht seine Art»[37] (ΟΥ ΓΑΡ ΔΗΠΟΥ ΨΕΥΔΕΤΑΙ ΓΕ· ΟΥ ΓΑΡ ΘΕΜΙΣ ΑΥΤΩ, ebd.). Zunächst war ihm die Botschaft des Orakels schleierhaft, also beschloss er, Licht ins Dunkel zu bringen. Was tat er also?

Er suchte – mit dem Orakelspruch im Hinterkopf – das Gespräch mit Menschen, «die in dem Rufe standen, weise zu sein, um […] den Spruch zu widerlegen»[38]. Als er nun auf hellenischer, also dialektischer Weise anfing, sie auf ihre Weisheit hin zu prüfen, stellte sich für ihn heraus, dass diese «wohl weise zu sein» schienen, nämlich nach dem «Urteil vieler anderer» und nach dem eigenen, «ohne es indessen wirklich zu sein». Beim Versuch ihnen zu erklären, dass sie sich ihre Weisheit einbildeten, machte er sich bei ihnen «und bei vielen der Anwesenden verhaßt»[39] (ΕΝΤΕΥΘΕΝ ΟΥΝ ΤΟΥΤΩ ΤΕ ΑΠΗΧΘΟΜΗΝ, 21e).

Nun dämmerte es dem Philosophen, was der Gott meinte: «Im Vergleich zu diesem Menschen bin ich der Weisere. Denn wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Ordentliches und Rechtes; er aber bildet sich ein, etwas zu wissen, obwohl er nichts weiß, während ich, der ich nichts weiß, mir auch nichts zu wissen einbilde».[40] Er sei also deshalb etwas weiser als diese Menschen, «daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.»[41] (… ΕΟΙΚΑ ΓΟΥΝ ΤΟΥΤΟΥ ΓΕ ΣΜΙΚΡΩ ΤΙΝΙ ΑΥΤΩ ΤΟΥΤΩ ΣΟΦΩΤΕΡΟΣ ΕΙΝΑΙ, ΟΤΙ Α ΜΗ ΟΙΔΑ ΟΥΔΕ ΟΙΟΜΑΙ ΕΙΔΕΝΑΙ, 21e). (Es ist eben genau dieser Satz der dahingehend missverstanden wurde, Sokrates behaupte, «nichts zu wissen». Das hat er wahrscheinlich weder gesagt noch gemeint; diese Schlussfolgerung ist wohl eine «Fehlinterpretation der Platonischen Texte» und geht wahrscheinlich auf Arkesilaos zurück.[42])

Es zeigt sich, «daß Sokrates zuallererst jemand war, der argumentierte und fragte, der die Ansprüche der Leute auf Expertentum in Frage stellte und Widersprüchlichkeiten in ihren Überzeugungen aufdeckte».[43] Er wurde also nicht seines vermeintlichen «Monotheismus» wegen gehasst, sondern weil er dazwischenfunkte, weil er als «Umstürzler der traditionellen Moral und Religion»[44] gesehen wurde, was er aber nicht war, ganz im Gegenteil sogar. Sokrates vertrat auf seine eigene genuine Weise die traditionelle hellenische Pietät. Gerade jene, die sich durch Sokrates belästigt sahen und sich weise dachten, verstießen gegen das hellenische Prinzip der eusebeia. Sokrates «streitet jede Weisheit ab»[45], seine Gegner hingegen hatten nicht nur den Ruf weise zu sein, nein, sie bildeten sich obendrein noch ein, tatsächlich Weisheit zu besitzen.

Deshalb fordert Apollon von Sokrates «den Menschen ihren Mangel an echter Weisheit offenzulegen, die Gott allein zukommt – aber warum?»[46] Es entsprach der traditionellen hellenischen Frömmigkeit, die «Überlegenheit der Götter in Wort und Tat anzuerkennen.»[47] Er konnte ihre Weisheit schon deshalb nicht als solche durchgehen lassen, weil das nach hellenischer Anschauung nach heißen würde, «ein vollständiges und gänzlich klares Wissen vom allem zu haben, was ein göttliches Vorrecht ist.»[48] Sokrates war also kein Gegner der Götter oder ein «Umstürzler der Moral»; er war ein Erneuerer, wenn nicht sogar ein Reformer der hellenischen Pietät. Sokrates überführte «die griechische Moral in eine höhere Entwicklungsstufe».[49] Er widmete sich ganz und gar dem Auftrag Gottes an ihn. Die allgemeine Reaktion auf seine Tätigkeit scheint wohl der Bemerkung Recht zu geben, dass das «klassische Griechentum […] sich selbst überlebt» hatte.[50]

Es scheint, so schlussfolgert Sokrates, dass allein Gott «wahrhaft weise» ist (ΤΩ ΟΝΤΙ Ο ΘΕΟΣ ΣΟΦΟΣ ΕΙΝΑΙ, 23a) und mit «seinem Orakelspruch eben» dies meint, «daß die menschliche Weisheit nur wenig wert ist oder rein nichts.»[51] Apollon verwende Sokrates nur als Beispiel, um dessen Einstellung zu unterstreichen bzw. hervorzuheben. Er sah sich im «Auftrage des Gottes» wirkend und bezeichnet sich als «Gehilfe» Apollons, der versucht den Menschen Klarheit darüber zu beschaffen, dass sie «nicht weise» sind, auch wenn viele anderer Meinung waren.[52] Der Philosoph ist folglich ein Gegner einer Arroganz, die mit hellenischen Prinzipien bricht. Er widmet sein ganzes Leben dieser einen Sache; «ich lebe […] in tiefster Armut – wegen meines Dienstes für den Gott»[53] (ΠΕΝΙΑ ΜΥΡΙΑ ΕΙΜΙ ΔΙΑ ΤΗΝ ΤΟΥ ΘΕΟΥ ΛΑΤΡΕΙΑΝ, 23c). Deshalb könne er keine Zeit für andere Tätigkeiten erübrigen. Der Gott trug ihm auf, ein Philosoph zu sein, so verstand es zumindest Sokrates (Fuhr., Pl.: Apologie, S. 45), und allein darauf kommt es an.

Die jungen Menschen, die Sokrates bei seinen Untersuchungen begleiteten, hatten «Freude daran» und fingen selber an, andere zu prüfen. Deshalb waren seine Gegner gegen ihn und skizzierten Sokrates als einen «widerlichen Menschen», der die Jugend verderbe. Sokrates untersuchte nicht nur die Politiker, nein, er schaute auch bei den Handwerkern vorbei, die sich zwar auf ihr Handwerk verstanden, also die nötige Qualifikation besaßen, um Aussagen darüber zu machen, sich aber auch Aussagen über Themen erlaubten, ohne ein entsprechendes Expertentum vorweisen zu können. Sie alle, die sich durch ihn belästigt fühlten, führten diversen durchgekauten Unsinn gegen ihn ins Feld, weil sie sich nicht eingestehen wollten, dass sie «etwas zu wissen beanspruchen, obwohl sie ganz unwissend sind».[54] Das sei Sokrates zufolge «die ganze Wahrheit» und der Grund, weshalb er vor Gericht zitiert wurde. Sokrates zerfetzte kraft seiner Argumentation die ihm zu Last gelegten Vorwürfe, führte seine Gegner vor Gericht vor und machte nicht nur die Unmöglichkeit ihres Anspruchs auf Wahrheit sichtbar, er offenbarte auch die Widersprüchlichkeit der Anklagen (siehe das Beispiel mit den Pferden).[55] Und eben diese absurden Anklagen seiner Gegner werden Heute herangezogen, um Sokrates’ vermeintlichen «Monotheismus» zu beweisen. Anklagen wohlgemerkt, gegen die sich Sokrates entschieden verteidigte.

Durch ihre lächerliche Vorgehensweise – das merken die Fundamentalisten nicht – stimmen sie seinen «paganen» Gegnern zu und bezichtigen Sokrates indirekt der Lüge; nämlich, dass er vor Gericht wider besseren Wissens die Unwahrheit sagte und eben doch die Götter nicht anerkannte. Sie versuchen also aus ihm etwas zu machen, was er niemals war, und zwar mit Hilfe böswilliger Vorwürfe, die ihm das Leben kosteten. Nun könnte man sagen, Sokrates habe gelogen, um seine Haut zu retten. Das würde zwar nicht zu Sokrates passen, aber ich werde diesem Einwurf trotzdem eine Antwort geben, nämlich die, dass alles gegen eine solche Vermutung spricht: weder ließ er seine Kinder zu Gericht erscheinen, die Herzen der Entscheidungsträger zu erweichen [56] (damals häufig durchgezogen vor Gericht) und zweitens wollte er von Flucht nichts wissen, als sie ihm im Gefängnis angeboten[57] wurde, wodurch er sein Leben hätte retten können. Er lehnte ab, denn er war sich keiner Schuld bewusst und außerdem käme eine solche Aktion eines Schuldbekenntnisses gleich.

Sokrates lässt keine Fragen bezüglich seiner Motivation offen. Er würde, vorausgesetzt er würde freigesprochen, weiter so verfahren wie bisher und «dem Gotte» gehorchen; seinen Mitbürgern «ins Gewissen reden», sich nicht um Geld zu scheren, sondern um «die Vernunft und die Wahrheit» und dass sie «möglichst gute Seele[n]» haben[58]. Er würde selbst dann nicht damit aufhören, wenn dies seinen Tod bedeuten würde[59].

Der Gott habe ihn, Sokrates, zu den Athener geschickt, um sie aufzurütteln, weil er sich um sie sorge[60] (Ο ΘΕΟΣ ΥΜΙΝ ΕΠΙΠΕΜΨΕΙΝ ΚΗΔΟΜΕΝΟΣ ΥΜΩΝ, 31a). Sokrates, der hellenische Mensch schlechthin, war seinen athenischen Mitbürgern nützlich und bot ihnen Selbsterkenntnis an, nämlich die Kenntnis von der eigenen menschlichen Sterblichkeit und den Grenzen, die mit ihr einhergehen; er tat dies aus der Überzeugung, «daß ein Leben ohne Prüfung … nicht lebenswert» sei[61].

Sein Tod würde sie nicht retten[62]. Sokrates jedenfalls, fürchte den Tod nicht, er begrüße ihn sogar, wenn er das Zusammensein mit «Hesiod und Homer» bedeutet[63]. Einem «guten Menschen» sei der Tod kein Übel und außerdem sei sich Sokrates sicher, dass die Angelegenheiten guter Menschen «den Götter[n] nicht gleichgültig sind»[64]. (Sokrates’ Fall war übrigens der einzige von den wenigen Asebie-Anklagen, die mit dem Tod endeten[65].) Was das alles für seine Haltung zu den Göttern bedeutet, beschreibt Sokrates mit einem Satz: «Denn ich glaube an sie, ihr Männer von Athen, wie keiner meiner Ankläger»[66] (ΝΟΜΙΖΩ ΤΕ ΓΑΡ Ω ΑΝΔΡΕΣ ΑΘΗΝΑΙΟΙ, ΩΣ ΟΥΔΕΙΣ ΤΩΝ ΕΜΩΝ ΚΑΤΗΓΟΡΩΝ, 35d). Sokrates bekundet seine Loyalität zu den Göttern, und eigentlich müsse dieser Satz als Widerlegung monotheistischer Träumereien reichen. Er hätte sich nicht klarer ausdrücken können. Es ging ihm mitnichten darum, den Kult eines neuen Gottes einzuführen (welch eine beschränkte Vorstellung!), sondern die «Menschen zur Sorge um ihre Seele anzuhalten»[67]. Sokrates’ Zeitalter war das Ende einer Zeit, als die «bloße Hinnahme der Tradition nicht mehr» genügte[68]. In der von ihm zu Papier gebrachten Apologie, «zeigt [Platon] das philosophische Leben selbst als eine höhere Form der religiösen Praxis, und zwar im Gehorsam gegen einen Gott, der will, daß wir unsere Seelen, und das heißt uns selbst, so vollkommen wie möglich machen.»[69]

Sokrates war genauso wenig ein Monotheist, wie Platon, Xenophanes oder die Stoiker, die verrückterweise auch immer wieder mit dem Christentum in Verbindung gebracht werden, obwohl «Bonhöffer beweist, daß Epiktet nicht mehr vom Neuen Testament abhängig ist als dieses vom Stoizismus. Schon 1708 hatte M. Rossal die stoischen Lehren genannt, die mit der Botschaft des Evangeliums unvereinbar sind: Polytheismus, Eidesformeln, das Verlassen des Lebens mit Selbstmord, der Stolz und die Allmacht des geradezu vergöttlichten Menschen.»[70] Alle hellenischen Philosophen, die das Unglück hatten, das Christentum kennen zu lernen, haben es nicht als Option in Betracht gezogen. Es besteht kein Anlass zur Ansicht, bei den Philosophen davor, anderes zu vermuten. Denn die «Unterschiede zwischen der eingeborenen hellenischen und der christlichen Religion sind zahlreich […].» Nur wenn man sich die bestehenden Unterschiede zwischen Hellenentum und Christentum vor Augen führt, werden die Gründe dafür erkennbar, weshalb «beide Seiten, diametral entgegengesetzte und in Konflikt zueinander stehende Sichtweisen, aber auch diametral entgegengesetzte und gegnerische Menschentypen mit diametral gegenüberliegenden und gegnerischen Lebensweisen schaffen».[71]

Ungeachtet dessen, treten die heutigen Fundamentalisten und ihre Apologeten in die Fußstapfen Justins, aus Sokrates einen Monotheisten machend, und zwar mit Hilfe der Anklagen seiner Gegner und somit gegen alles eintretend, wofür Sokrates bis zu seinem Ende eingestanden ist. Der christliche Apologet Justin «argumentierte, Sokrates sei wie die Christen des Atheismus beschuldigt worden, weil er die Fabeln von den Olympischen Göttern abgelehnt und die Verehrung des einen wahren Gottes gefordert habe.» Alles, was von den Philosophen «gut gesagt worden ist, gehört uns Christen»[72], behauptete er, behaupten aber auch die heutigen christlichen Apologeten und sprechen in diesem Zusammenhang irrwitzigerweise von einem «vor-christlichen Christentum».

Es ist der gleiche Justin wohlgemerkt, der «entzückt über die grauenhafte Verwüstung Palästinas, die Zerstörung seiner Städte, die Verbannung der Bewohner» frohlockte, «recht und gut, daß euch das zugestoßen … ihr verkommenen Söhne, ehebrecherisches Gezücht, Dirnenkinder» (Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums Band 1, Die Frühzeit: Von den Ursprüngen im Alten Testament bis zum Tod des hl. Augustinus (430). S. 127, 6. Aufl., Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2006), womit er seine seine seelische Abart unter Beweis stellte. Der gleiche Justin, der den Juden vorwarf, ihre eigenen Schriften nicht zu verstehen («Eure Schriften oder vielmehr nicht eure, sondern unsere!»), der Sokrates für das Christentum einnehmen will. Aber das soll nichts heißen, denn auch die «Führer der Hebräer» ernannten die frühen Christen zu ihren eigenen Stammvätern (ebenda, S. 121-122). Justin hin oder gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit her, Sokrates war ein Hellene, kein Christ.

Es ist die Geschichte, die Sokrates freisprach: Vom «Vorwurf» der Sophistik, des Monotheismus und auch des Atheismus; Sokrates meinte, «die Intelligenz im Universum organisiere» alles und dass «das Göttliche alles sehe und höre, überall sei, und sich zu jeder Zeit um alles kümmerte»[73] – und das kann beim besten Willen nicht als «Christentum» oder «Atheismus» interpretiert werden. Sokrates’ letzten Worte waren folgende: «Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn; entrichtet ihm den und vergeßt es nicht.»[74]

Dass das griechische Wort «theós» dermaßen missverstanden wird, ist ein Indiz dafür, die griechische Kultur weder zu kennen noch sie zu verstehen. Demnach blamieren sich nationalistische und fundamentalistische Christen in Griechenland, aber nicht nur dort, ständig an der Realität. Das zeigt sich auch in ihrem Verständnis von der Differenz zwischen Monotheismus und Polytheismus. Abschließend noch einige Sätze dazu.

«Polytheismus» und «Monotheismus»

Der wesentliche Unterschied zwischen Monotheismus abrahamitischer Prägung und hellenischem Polytheismus ist nicht die Zahl der Götter. Was die beiden unterscheidet ist der Kosmotheismus. Im Monotheismus ist Gott allmächtig, existiert zeitlich vor und räumlich außerhalb des Universums, das er erschaffen haben soll. Außerdem ist er ein persönlicher Gott. Das Weltall ist seine Schöpfung, mit der Gott machen kann, was er will.

Im Polytheismus hingegen sind die Götter nicht allmächtig, sie existieren innerhalb des Universums (genauso wie der Logos des Heraklitos), das sie definitiv nicht erschaffen haben und sie sind dem Prinzip der Ananke (Schicksal, Notwendigkeit) unterworfen. Sie gehen aus dem Einen als seine Vervielfältigungen hervor und «dienen» dem Erhalt und der Ordnung des Universums. Die Götter sind unpersönliche Mächte und natürliche Entitäten, die die Gesetze der Natur respektieren. Das Universum wird hier als immerdar bzw. als aus sich selbst heraus entstanden gesehen (Kosmotheismus); alles was ist, war im Chaosgähnende Leere») zumindest potentiell enthalten. Der primäre Unterschied zwischen diesen beiden Systemen ist also wo Gott und wie Gott im Verhältnis zum Universum gedacht wird. Die Zahl der Götter spielt da keine allzu große Rolle.

Jetzt kann man sich die Frage stellen, weshalb man sich überhaupt die Mühe machen will, einen solchen Artikel zu schreiben. Wenn Lügen – ob gemäßigter Fundamentalisten oder antihellenischer orthodoxer Apologeten – nicht konfrontiert werden, können sie nicht als solche erkannt werden; es entsteht der Eindruck, man habe nichts zu erwidern, weil diese «Behauptungen» wahr seien. Dann gehen diese Unwahrheiten, wie so viele vor ihnen auch, in die «Allgemeinbildung» ein und etablieren sich dort als «jedermann bekannte Fakten». Solche «Fakten» gehen ins Bewusstseins der Masse ein und bleiben dort hängen (man nehme nur das Beispiel der griechischen Götter, die Heute immer noch mit ihren Mythen verwechselt werden). Diese «Fakten» multiplizieren sich im Internet, und jemand, der auf der Suche nach Informationen ist, landet bei ihnen und wird hinters Licht geführt. Nicht nur, dass man nicht erfährt, wonach man sucht, nein, noch schlimmer: das Erfahren der Wahrheit wird erschwert oder verhindert, um bestimmte Interessen zu wahren. Ich denke, irgendwann müssen unsere Mitmenschen aufmerksam gemacht werden auf solche Bestrebungen, damit sie Vorsicht walten lassen.

Außerdem darf eine solche Einspannung des nun wehrlosen Sokrates nicht geduldet werden, denn vor dem Hintergrund des kulturellen Völkermords der Christen an den Hellenen, mutet eine solche Taktik nicht nur etwas frech an, sie ist verwerflich und genau besehen auch pervers. Was Sokrates war und nicht war, kann nicht vom Gusto solcher Subjekte abhängen und es liegt an uns allen, die Wahrheit zugänglich zu machen, auch für Menschen, die keine Zeit oder den Willen haben, sich in die Materie reinzuknien, sondern im Internet die entsprechenden Informationen schnell abrufen möchten, mit der Absicht mehr zu lernen und sich zu bilden. Ziel ihrer Suche ist die Wahrheit, nicht eine ideologisch verzerrte Version davon. Und Wahrheit sollen sie auch erfahren und nicht Lügen, die einige als Wahrheit glauben lassen wollen.

Nachweise:

1. Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. S. 791, 9. Auflage, Oxford University Press, New York 1996

2. Paul Veyne: Die griechisch-römische Religion: Kult, Frömmigkeit und Moral. S. 52, Reclam Verlag, Stuttgart 2008.

3. Manfred Fuhrmann, Platon: Apologie des Sokrates. Griechisch/Deutsch. S. 4 und 5, Reclam, Ditzingen, 1986.

4. Paul Veyne, S. 53

5. ebenda. S. 163

6. Diels/Kranz 22 B 79

7. Diels/Kranz 22 B 78

8. Diels/Kranz 22 B 32

9. Edwin Oliver James: Der Kult der Großen Göttin. S. 310 und 341, Amalia, Bern 2003.

10. Stilian: Der Hellenismos Heute: Einführung in die Religion und Weltanschauung der ethnischen Hellenen. S. 20, Stuttgart 2012.

11. Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 1. S. 435-436, Verlag Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1904.

12. Timothy Jay Alexander: Hellenismos Today. S. 21, Lulu Press, USA: Breinigsville 2007.

13. Vlassis G. Rassias: Thyrathen: Das Philosophie-Lexikon. S. 69, 1. Auflage, Anichti Poli, Athen 2006 (griechisch).

14. Herodot, A. Horneffer (Übers.): Historien. S. 132, 4. Auflage, Kröner Verlag, Stuttgart 1971.

15. Liddell, Scott: A Greek-English Lexicon, S. 985

16. Walter F. Otto: Theophania: Der Geist der altgriechischen Religion. S. 76, Rowohlt, Hamburg 1956.

17. ebenda.

18. Salustios, Vl. Rassias (Übers.): Über die Götter und die Welt. S. 21, Anichti Poli, Athen 2002 (altgriechisch/griechisch).

19. Friedrich Wilhelm Korff: Vorwort zum Wahren Wort des Celsus, in: Celsus, Th. Keim (Übers.): Gegen die Christen. S. 10, Matthes & Seitz Verlag, München 1984.

20. Manfred Fuhrmann, Platon: Apologie des Sokrates. Griechisch/Deutsch. S. 100, Reclam, Ditzingen, 1986.

21. Diogenes Laertios 2,40; Xenophon, Memorabilien 1,1,1 und Apologie 10; vgl. Platon, Apologie 24b, zitiert in: Manfred Fuhrmann, Platon: Apologie des Sokrates. Griechisch/Deutsch. S. 100, Reclam, Ditzingen, 1986.

22. Liddell, Scott, S. 366

23. Fuhrmann, Platon: Apologie, S. 100

24. ebenda, S. 107

25. ebenda, S. 39

26. ebenda, S. 106

27. ebenda, S. 107

28. ebenda.

29. ebenda, S. 100

30. Xenophon, Rudolf Preiswerk: Erinnerungen an Sokrates. S. 3, Reclam, Stuttgart 2002.

31. Fuhrmann, Platon: Apologie, S. 9

32. ebenda, S. 13

33. ebenda, S. 15

34. ebenda, S. 17

35. ebenda.

36. ebenda.

37. ebenda, S. 19

38. ebenda.

39. ebenda.

40. ebenda.

41. ebenda.

42. Christopher C. W. Taylor: Sokrates. S. 59-60, 105, Panorama, Wiesbaden 2004.

43. ebenda, S. 18

44. ebenda, S. 26

45. ebenda, S. 57

46. ebenda, S. 30

47. Paul Veyne: Die griechisch-römische Religion, S. 18-19

48. Christopher C. W. Taylor: Sokrates. S. 59

49. ebenda, S. 114

50. ebenda.

51. Fuhrmann, Platon: Apologie, S. 25

52. ebenda.

53. ebenda.

54. ebenda, S. 25 und 27

55. ebenda, S. 29 und 35

56. ebenda, S. 65

57. ebenda, S. 110

58. ebenda, S. 49

59. ebenda, S. 51

60. ebenda, S. 53

61. ebenda, S. 77

62. ebenda, S. 81

63. ebenda, S. 87

64. ebenda.

65. ebenda, S. 109

66. ebenda, S. 69

67. ebenda, S. 111

68. ebenda, S. 121-122

69. Christopher C. W. Taylor: Sokrates. S. 31

70. Kurt Steinmann, Epiktet: Handbüchlein der Moral. Griechisch/Deutsch. S. 105, Reclam, Stuttgart 1992.

71. Vlassis G. Rassias: Die Unterschiede zwischen der eingeborenen hellenischen Religion und dem Christentum, in: Rassias(.)gr: Artikel, Interviews, Veranstaltungen, griechisch, zuletzt abgerufen am 25.3.«2013».

72. Christopher C. W. Taylor: Sokrates. S. 107

73. Christopher C. W. Taylor: Sokrates. S. 103

74. ebenda, S. 23

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