Der hellenische Hylozoismus

Vlassis G. Rassias: Hylozoismus, in: Rassias (Artikel, News, Veranstaltungen). Stand: 22. Juli 2012. URL: http://www.rassias.gr/1018.html (zuletzt abgerufen am 22. Juli 2012). Aus dem Griechischen ins Deutsche von Stilian Ariston.

Θύραθεν - Thyrathen
Θύραθεν – Thyrathen

Hylozoismus: Der Hylozoismus ist eine fundamentale kosmologische Anschauung der Hellenen, allgemeine Grundanschauung der archaischen Epoche, und später, Grundlage der Philosophie der ionischen Naturphilosophen (Thales, Anaximander, Anaximenes, Heraklit u.a.). Dem Hylozoismus zufolge besteht alles aus lebendiger Materie, folglich ist alles Bestehende befähigt zumindest potentiellzu fühlen und wahrzunehmen (gemäß der Formulierung Thales’: «Alles ist beseelt und voll von Daimonen»).

Der Hylozoismus führt die vielfältigen Erscheinungen auf ein einziges und simples Prinzip zurück, eine Grundsubstanz (primäre Ousia), welche trotz allen oberflächlichen Wandlungen, unzerstörbar und unveränderbar ist.

Die «Natur» (phýsis) zeichnet sich durch Unbegrenztheit aus; sie wird als eine materielle, sich selbst entwickelnde, rastlose Energie verstanden, welche fortwährend und automatisch alle ihr angehörenden synthetischen Segmente erzeugt sowie auch alle einzelnen Lebensformen. Ihr «Körper», die Materie, ist eine lebendige und autarke Verkörperung ihrer selbst, und sie ist die Ursache ihrer selbst; ein «selbstverursachtes Prinzip», das in sich alle generierenden Kräfte und Teilursachen der Entstehung und Auflösung der Dinge enthält.

Die von den ersten hylozoistischen Philosophen Ioniens – die die Seele mit der Natur identifizierten – formulierte »Einheitlichkeit« des Kosmos («Thales nannte die Seele von Natur aus unbewegt oder selbstbewegt») wurde später zunächst von den Eleaten und anschließend von Pythagoreern und Platonikern polemisch attackiert, die in ihrem Bestreben, die empirische Frage nach der Umwandlung der Seiendheit zufriedenstellend zu beantworten, den einheitlichen Kosmos in zwei Teile spalteten, in einen «wirklichen» und einen «phänomenalen», wodurch sie die Vorstellung von der hylozoistischen Seiendheit (ousia) in Materie und Energie aufteilten (oder in Leib und Seele) und die Beziehung des Spezifischen zum Allgemeinen als eine Beziehung des «Phänomologischen» mit dem «Wirklichen» darstellten, was in der Folge zum bekannten Gegensatz «Pneumatokratie» (Geistherrschaft) – «Materialismus» führte. Platon greift den Hylozoismus an, weil er nicht akzeptieren kann, dass die Seele keine absolute Prioriät besitzen soll: «Wer diese Dinge behauptet, der scheint wohl gar überzeugt, daß Feuer, Wasser, Erde und Luft zuerst von allem entstanden sind, und nennt eben diese Elemente die Natur; die Seele, meint er, sei erst später aus ihnen hervorgegangen.» (Gesetze, 891 C).

Es ist dem dynamischen Wirken der Stoiker geschuldet, dass der Hylozoismus auf die kosmologische und philosophische Bühne zurückkehrte. Von den Denkern der barbarischen Epoche [Anm.: die christliche Epoche] gelten Giordano Bruno (15481600), Diderot und Robinet (1735-1820) als Hylozoisten.