Hellenismos und zeitgenössischer Ethnismus

Hellenismus und modernes Heidentum
von Cheiron Herakleides

Hellenismus oder, in griechischer Form geschrieben, Hellenismos (`EllhnismÒj) ist keine Religion, die überall auf der Welt und für alle Menschen gleich Anspruch auf Gültigkeit erhebt. Dieser Universalismus, den freilich auch sonst nur ganz wenige Religionen, nämlich das Christentum, der Islam und der Buddhismus, kennen und alle anderen, auch das Judentum, nicht einmal in Erwägung ziehen, ist ihm fremd.

Hellenismus ist die Religion Griechenlands und der Griechen. Er ist untrennbar mit dem Land der Hellenen, ihrem Volk, ihrer Geschichte und Kultur verbunden. Oder kann man sich Zeus, Athene, Apollon oder Aphrodite anders vorstellen als in den Begriffen und Bildern der griechischen Tradition? Können sie etwas anderes sein als griechische Gottheiten? Zugleich aber sprechen sie zu uns von Dingen, die nicht nur in Griechenland und für Griechen bedeutsam sind, sondern uns ebenso angehen und für uns Geltung besitzen – die zeitlos und universal sind. In diesem Spannungsfeld zwischen hellenischer Identität und Universalität ist auch der Platz zu bestimmen, den der Hellenismus im modernen Heidentum einnimmt.

Hellenismus als ethnische Religion

Vergleichen wir griechische Mythen mit denen anderer Völker, fällt auf, dass sie ungleich öfter und stärker an konkrete Orte gebunden sind. Das beginnt mit der Heimat der Götter auf dem Berg Olympos und setzt sich durch viele Göttermythen wie der Geburt Apollons auf Delos fort, ganz zu schweigen von den heroischen Mythen, die nicht nur ihren Ort, sondern auch ihre historische Zeit, die hellenische Bronzezeit, haben. Die Welt des griechischen Mythos ist kein orts- und zeitloses Reich, keine „andere Welt“ und kein „Jenseits“ – sie ist die Welt der Hellenen, das Land und zuletzt, im heroischen Mythos, die frühe Geschichte des griechischen Volkes, das sich in vielen Mythen mit seinem Land und seinen Göttern auch verwandtschaftlich verbunden weiß: Seine heroischen Ahnen sind Kinder der Götter, oft des Zeus, oder auch autochthon, d.h. aus der Erde der Heimat gewachsen.

Kein Zweifel, der Hellenismus ist – jedenfalls im Anfang – eine ethnische Religion, die Griechenland und die Griechen nicht nur zum Ursprung hat, sondern auch zum Inhalt und Thema. So besitzt er eine eindeutig griechische Identität, die seine Geltung auf die griechische Welt begrenzt. Ebenso wie er die Griechen vereint, die zur gemeinsamen Feier seiner heiligsten Feste ihre Feindschaften ruhen lassen, grenzt er sie auch von anderen Völkern ab. Sie haben andere, eigene Götter, die in ihren eigenen Ländern heimisch sind, und bedürfen der griechischen nicht. Sie haben auch, da sie so eng mit Griechenland und den Griechen verbunden sind, für sie keine Bedeutung – es wäre denn, diese Völker selbst gingen eine so enge Verbindung zum Griechentum ein, dass, was Griechenland angeht, auch sie betrifft und die griechische zu einem Teil ihrer eigenen Identität wird.

Hellenismus als kulturspezifische Religion

Eben dies, eine essenzielle Anbindung der nationalen Kulturen an das Griechentum und mit ihr auch die Integration der griechischen in die eigene Identität, ist seit der Antike auf vielfache Weise geschehen. Schon lange vor Alexander dem Großen und seinen Nachfolgern, die griechische Kultur und Bildung in die Länder des Orients trugen, war Hellas zum Vorbild für geistige Eliten und ganze Völker geworden. Die Etrusker verfeinerten ihre Kultur mit hellenischer Lebensart, und von ihnen her, aus den griechischen Kolonien Süditaliens und aus Griechenland selbst, prägte die griechische Kultur und Bildung die Römer und breitete sich durch ihr Imperium auch nach Westen und Norden aus. Dabei verschmolz auch die nationale römische Religion untrennbar mit der hellenischen. Altitalische und etruskische Gottheiten wurden mit den griechischen identisch, neue, rein griechische, kamen hinzu, die Mythen wurden aus Griechenland übernommen und wie dort wurden auch im ganzen Römerreich Homer und Hesiod zu den Lehrern, anhand deren Werken man über das Wesen der Götter nachdachte.

Dass dies möglich war, zeigt zur Genüge, dass der Hellenismus nicht nur als ethnische Religion Gültigkeit hat. Er hat diese Grenze gesprengt und sich überall ausgebreitet, wo es auch die Kultur der Hellenen tat. Wo ihr Einfluss endete, blieben auch seine Götter fremd. Griechisch, wie sie sind, bedürfen sie griechischen Geistes, um sich ihm zu offenbaren, und dieser Geist pflanzt sich unabhängig von Herkunft und Wohnort durch die Kultur der Hellenen fort. Der Hellenismus ist damit keine ethnische, sondern eine kulturspezifische Religion, die immer und überall Geltung hat, wo hellenische Kultur und Bildung zum prägenden Element werden.

Hellenismus als europäische Religion

Hellenische Kultur und Bildung aber sind seit der Römerzeit, spätestens aber seit Humanismus und Renaissance das Fundament aller nationalen Kulturen Europas. In diesem Sinn konnte der englische Dichter Shelley sagen: „Wir sind alle Griechen.“ Denn so unterschiedlich deutsche, französische, englische oder italienische Kultur auch sind und so wichtig und unverzichtbar in ihnen germanisches, keltisches oder römisch-etruskisches Erbe auch sein mögen – was sie verbindet und ihnen gemeinsame, im echten Sinn europäische (und darüber hinaus, mit dem europäisch geprägten Amerika, westliche) Identität gibt, ist das hellenische Erbe.

Es unterscheidet das moderne Europa, wie es sich seit Beginn der Neuzeit gebildet hat, nicht nur von anderen Kulturen, sondern auch vom christlichen Abendland des Mittelalters, das sich durch den Glauben an einen Gott definierte, der als absoluter Herr über eine Menschheit gesetzt war, sie sich ihm in Gehorsam und Demut zu beugen hatte. Es war das gleiche Gottes- und Menschenbild, das heute noch die islamische Welt bestimmt. Erst mit der Wiederentdeckung des antiken, heidnisch-griechischen Geistes entwickelte sich die heutige, von Humanismus und Aufklärung geschaffene Auffassung über die Freiheit und Würde des Menschen, auf der das moderne Europa beruht, in dem Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und individuelle Freiheit und Selbstbestimmung die tragenden Werte sind. Sie wurden über Jahrhunderte gegen den Widerstand der christlichen Kirchen erkämpft, die sie – völlig zu Recht – als heidnisch betrachteten: Es sind die Werte des antiken, hellenischen Heidentums.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch die Götter des Hellenismus im Europa der Neuzeit im verschiedener Form wiederauflebten. Sie haben Gelehrte und Künstler, Dichter und Philosophen beschäftigt, als wären ihre Tempel niemals zerstört worden, und sind so schon allein dadurch in alle nationalen Kulturen eingegangen. Deutsche Kultur etwa ist zu einem nicht geringen Teil deutsche Klassik, in der die Götter Griechenlands auch zu Göttern der Deutschen geworden sind – nicht nur als traditionelle Gestalten der Literatur, deren sich die Phantasie bedient, sondern in neuer Lebendigkeit zeitlos gültiger Urbilder, die auch in unseren Seelen sind.

Die Universalität des Hellenismus

Hier nun nähern wir uns der Universalität, die wir eingangs in den Göttern und Mythen der Griechen entdeckten. Es ist dieselbe, die auch den Werken der Späteren eignet, in denen sie uns als Verkörperung allgemeiner, die ganze Welt und den Menschen an sich betreffender Einsichten oder Visionen entgegen treten, und zwar unabhängig davon, ob wir im religiösen Sinn an sie glauben oder nicht. Es ist die Universalität hoher Dichtung, die unmittelbar zu den Menschen spricht, gleich welcher Nationalität, Religion oder Kultur sie angehören. Denn die Dichtung enthüllt Allgemeingültiges, dessen Verständnis an die Akzeptanz der konkreten Ereignisse und Gestalten nicht gebunden ist: Sie ist auch dann wahr, wenn man sie für Fiktion hält – oder wenn sie es tatsächlich ist.

Somit hat die Universalität des Hellenismus Grenzen. Sie gilt nur für seine Dichtung, seinen Mythos, jedoch nicht für seine Gesamtheit als religiöses System, das auch die rituelle Verehrung der Götter und Heroen beinhaltet, die gerade im Hellenismus, als im Wesentlichen kultisch bestimmter Religion, von zentraler Bedeutung ist. Um Hellene zu sein, genügt es nicht, den hellenischen Mythos als wahr zu erkennen, ja nicht einmal, an die Existenz der Götte zu glauben – man muss sie auch anbeten und ihnen opfern. Dies wird aber nur tun, wer sie auch wirklich als die eigenen Götter betrachtet, die nicht nur als Metaphern allgemeingültiger Wahrheiten, sondern als reale, persönliche Mächte im eigenen Leben direkte Bedeutung haben.

Der Platz des Hellenismus im modernen Heidentum

Welche Rolle kann also der Hellenismus im modernen Heidentum spielen?

Wenn wir die heidnischen Religionen, wie es etwa Asatru-Anhänger tun, als ethnische Religionen betrachten, hat er nur für gebürtige Griechen oder Auswanderer griechischer Herkunft Bedeutung. In der Antike verbreitete er sich nach diesem Prinzip auch anfangs nur durch die Kolonisation, als Religion Griechenlands und der griechischen Stadtgründungen am Mittelmeer und Schwarzen Meer. Später wurde er zur Religion aller griechisch Gebildeten, d.h. zur kulturspezifischen Religion, die nicht mehr an die ethnische Herkunft gebunden war, sondern mit der griechischen Kultur auch für andere Völker Bedeutung gewann – und sie mit dem Kulturverfall durch die Christianisierung wieder verlor, bis ein Teil der griechisch kultivierten Völker, nämlich die europäischen, durch Humanismus und Renaissance erneut zu den griechischen Wurzeln vorstieß, die seither das Fundament der gemeinsamen europäischen Kultur sind. Zumindest in ihrem Wirkungsbereich hat der Hellenismus als Dichtung auch universale Bedeutung erlangt, durch die er auch unabhängig von seiner Ausübung als Religion als Quelle allgemein gültiger Wahrheiten erkannt werden kann.

Daraus ergeben sich zwei mögliche Rollen des Hellenismus im modernen Heidentum.

Zum einen kann er unabhängig von der ethnischen Herkunft von allen Menschen, die der hellenischen Kultur verbunden sind, als vollständige und alleinige Religion ausgeübt werden, die auch für jene, die keine ethnischen Hellenen sind, keine fremde Religion ist – zwar nicht die einheimische, nicht die Religion ihres Landes und Volkes, aber die Religion ihrer Kultur, soweit sie griechisch bestimmt ist, oder konkret: die gemeinsame Religion Europas, des Europa des griechischen Kulturerbes und der von ihm geprägten Werte von Humanismus und Aufklärung.

Zum anderen kann er dank der universalen Bedeutung seiner Dichtung auch als Quelle der Erkenntnis für Menschen dienen, die eine andere heidnische Religion ausüben, etwa Asatru oder Wicca, und ihre religiösen Erfahrungen wertvoll ergänzen. Das größte Problem, vor dem das moderne Heidentum steht, ist ja die Lückenhaftigkeit seiner Überlieferung, die in christlicher Zeit schwer dezimiert und vielfach auch verfälscht wurde. Auch von der hellenischen Tradition ist vieles verloren, sie ist allerdings reichhaltiger als jede andere dokumentiert, und zwar durch Originaldokumente, von denen es für andere heidnische Religionen sehr viel weniger gibt. Sie ermöglichen auch Heiden anderer Traditionen einen Blick auf ein Heidentum, das garantiert authentisch ist und nicht erst von Verfälschungen befreit werden muss. Auch wer andere Götter verehrt, findet im Hellenismus die geistigen Prinzipien, die heidnische Religionen ausmachen, und kann daraus Erkenntnisse für seinen eigenen Weg gewinnen.

Darüber hinaus steht es natürlich auch allen Heiden frei, innerhalb ihrer jeweiligen Traditionen die eine oder andere hellenische Gottheit auch kultisch zu verehren. Dies gilt nicht nur für eklektizistische Richtungen wie Wicca, die das immer getan haben. Jede heidnische Religion, die das Prinzip des Polytheismus ernst nimmt, muss anerkannen, dass nicht nur die eigenen, sondern alle Götter existieren, und daher dafür offen sein, dass sich einem Menschen auch „fremde“ Götter zeigen und von ihm verehrt werden können. Das „alte“ Heidentum kannte daher nie ein Verbot anderer Kulte, wie es für die monotheistischen Religionen typisch ist, sondern lediglich die Pflicht, den eigenen Göttern zu opfern. Wer das tat, konnte darüber hinaus alle Götter verehren, die er wollte (und im übrigen generell über die Götter denken, was er für richtig hielt). Dies muss auch für das moderne Heidentum gelten.

Hellenischer Rekonstruktionismus

In beiden Fällen ist es unerlässlich, auf Authentizität zu achten. Was Hellenismus ist – und nicht nur eine beliebige Form von religiöser oder esoterischer Übung, die hellenische Elemente verwendet – ist klar durch das historische Vorbild der antiken Hellenen definiert, das zwar sehr vielfältig war und von Stadt zu Stadt differierte, aber durch gemeinsamen Geist, die gleichen religiösen Prinzipien, dieselben Hauptgötter, nämlich die Olympier, und dieselben zentralen Mythen und wichtigsten Dichter, vor allem Homer und Hesiod, schließlich auch bei allen Unterschieden in den Festzeiten und lokalen Kultbräuchen durch den gleichen grundlegenden Ablauf der Riten verbunden war. All das war und ist wesentlich für den typischen Charakter der hellenischen Religion und kann nicht grundlegend verändert werden, ohne sie dieses Charakters zu berauben. Nur die historische Religion der Hellenen ist wirklicher Hellenismus.

Darauf beruht der hellenische Rekonstruktionismus, der es sich zum Prinzip gesetzt hat, die hellenische Religion so getreu wie möglich nach dem historischen Vorbild auszuüben. Dies kann sehr exakt geschehen, etwa indem man sich streng nach der Erscheinungsform des Hellenismus in einer bestimmten historischen Periode in einer bestimmten Stadt richtet, wofür sich am besten das Vorbild des klassischen Athen eignet, das am besten dokumentiert ist. Man kann aber auch die Gemeinsamkeiten mehrerer Epochen und Städte suchen und eine panhellenische Religion herauskristallisieren, wie sie sich in historischer Zeit in den panhellenischen Festen zeigte, oder sich an der Spätzeit orientieren, die bereits sammelte, was in den einzelnen Teilen der griechischen Welt galt, und es allgemein verbreitete. Auf jeden Fall aber muss man sich klar darüber sein, dass es eine fest stehende historische Religion ist, die man nur dann richtig ausüben kann, wenn man ihren Inhalten und Formen aus historischer Zeit folgt. Nur so ist es auch möglich, notwendige Anpassungen an die moderne Zeit oder, wo die Überlieferung Lücken aufweist, Ergänzungen vorzunehmen, ohne den authentischen Charakter des Hellenismus zu verlieren.

Nur in authentischer Form kann der Hellenismus auch für Heiden anderer Traditionen als Inspirationsquelle dienen. Es wäre völlig sinnlos, seine Mythen zu studieren, ohne ihren wirklichen geistigen Hintergrund zu kennen, denn auf diese Weise käme man lediglich zu Interpretationen von außen, die keine neuen Erkenntnisse bringen oder im schlimmsten Fall den Inhalt total verkehren würden. Der wirkliche geistige Hintergrund einer Religion lässt sich aber nur erfahren, wenn sie in ihrer Gesamtheit unverfälscht betrachtet werden kann. Für jene, die innerhalb oder neben einer anderen Tradition auch hellenische Gottheiten verehren wollen, gilt überdies, dass jede Gottheit auch bestimmte Formen der Verehrung bevorzugt bzw. dass ihr diese Formen angemessen sind, während es andere vielleicht nicht sind.

Da wir alle, auch wenn wir uns persönlich davon gelöst haben, auch Erben christlicher Geschichte sind und von ihren geistigen Traditionen beeinflusst werden, müssen wir sehr genau zwischen authentisch Heidnischem und fehlerhaften Interpretationen unterscheiden. Nur der Rekonstruktionismus bewahrt vor Verfälschungen, führt uns auf einem sicheren Weg zurück zum wahrhaft Heidnischen und bewahrt vor Irrwegen und Enttäuschungen.


Cheiron Herakleides: Hellenismus und modernes Heidentum, in: Der Dreifuß von Delphi (Hellenismus). Stand: 6. April 2012. URL: http://www.geocities.ws/ho_tripous/hellenismus/hellenismus.html (zuletzt abgerufen am 3. Mai 2012).

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